
Flussreisen sind so etwas wie ein Subgenre der Filmgeschichte, ob im Dokumentarfilm oder im Spielfilm. Ich erinnere mich an „The Blue Trail“, der letztes Jahr auf der Berlinale lief. Oder „River of no return“. Oder die Agatha Christie-Verfilmungen, die auf dem Nil spielen. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es doch im deutschen Heimatfilm der 50erjahre einige Filme, die auf dem Rhein spielen. Eigentlich ist das ja eine Variante des Road Movies, aber mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Oft geht es im, nennen wir es River Movie, gemächlicher zu, es sei denn die Stromschnellen nahen. Dafür hat aber der Flussfilm einen anderen narrativen Vorteil: Ihm wohnt die örtliche Begrenzung die Abgeschlossenheit inne. Beim Schiff kann man nämlich nicht so schnell aussteigen oder anhalten. Dann gibt es vielleicht noch eine Flussfilmvariante, die nämlich dem Flussverlauf an Land folgt. Ich habe mich einmal anderthalb Jahre meines Lebens mit einem IMAX-Film beschäftigt, für dessen PR ich zuständig war und in dem es genau darum ging: Die Suche nach der Quelle des Blauen Nil. In der Tat schickten wir damals einen Journalisten nach Afrika, der einen Teil der Dreharbeiten begleitete – und tolle und große Stories in deutschen Magazinen und Tageszeitungen unterbrachte.
Kristina Mikhailova zeigt nun auf der Berlinale ihren Dokumentarfilm „River Dreams“. Sie ist nicht nur Regisseurin, sie ist auch Produzentin und Künstlerin und stammt aus Kasachstan in Zentralasien. Als Künstlerin war sie im Jahr 2024 auf der Biennale in Venedig vertreten, als Aktivistin gründete sie die Initiative „Women make docs“, eine Gruppierung, die sich der Förderung von Dokumentarfilmerinnen in Zentralasien verschrieben hat. „RIVER DREAMS ist ein Hybridfilm“, erzählt die Regisseurin. „Er enthält viel Fantasie, überschreitet häufig Genregrenzen und ist geprägt von großer Verletzlichkeit und Zärtlichkeit. Er ist auch ein Liebesbrief an Kasachstan, erzählt aus weiblicher Perspektive, was in meinem Heimatland bereits ein Akt des Widerstands ist. Ich wollte die Leinwand mit wunderschönen kasachischen Mädchen füllen: unserer Stärke, Wut, unserem Schmerz und unserer Zärtlichkeit. Radikaler Zärtlichkeit.“
Eine zerklüftete Felslandschaft, feuerrot – oder eher orange? Der Wind stürmt in der Tonspur. „Irgendwie hatte ich einen schrecklichen Traum. Es war ein oranger Ort, komplett orange“, erzählt eine junge Frauenstimme. Sie sei ein kleiner Punkt gewesen, der fiel. Langsam, quälend langsam, schmerzvoll, in diesen orangen Ort hinein. Dann eine ältere Frauenstimme, die auch von einem Sturz in eine orange Landschaft hinein erzählt. Die gleiche Geschichte. Dann: Sieht man einen Fluss, nein, einen Bach, der wohl irgendwo in diesem orangen Gebirge entsprungen ist. Und dann treten junge kasachische Frauen auf, „Flussmädchen“ wird die Regisseurin sie nennen, und sie erzählen von der Schönheit des Flusses, von der Liebe zur Natur, von den Menschen, die am Fluss leben.
Zuerst ist der Fluss ein kleines Rinnsal, bald ein reißender Bach, aber immer noch leicht zu überqueren. Dann wiederum fließt er vorbei an menschlichen Siedlungen, in bearbeitete Flussläufe gezwängt. Eines der jungen Mädchen fragt die Regisseurin, warum der Fluss denn „River Dreams“ heiße. Der Fluss als Mädchen sei ein gängiges Konzept, erklärt diese. Man könne den Fluss, „sie“, als einzigartiges Wesen betrachten. Träume könnten diesem Wesen entstammen. Das Mädchen, die junge Frau, versteht, und beginnt zu erzählten. Als kleines Kind habe sie sich immer für unsichtbar gehalten. Sie erzählt, wie sie zur Künstlerin geworden sei – und beschreibt ihre Gemeinsamkeiten als Künstlerin mit einem Fluss.
Eine andere Frau vergleicht sich mit einem Fluss in der Dämmerung. „Der blaue Himmel und die Sterne würden sich im Wasser spiegeln“, sagt sie. Da wäre ein Wald am Ufer. Ich höre die nächtlichen Vögel.“ Dann zögert sie: „Aber es kann immer auch anders sein.“ Ein Fluss aus Luft etwa, der dennoch seine Ufer hätte, seine Grenzen. „Ich wäre leicht und frei. Ich würde jeden streicheln.“
Und wir verfolgen den Fluss weiter, durchs Gestrüpp, vorbei an Ruinen, Wäldern, und dann stoßen wir das erste Mal so richtig auf die Zivilisation: am „Aksay River Spa“, wo gebadet, sich erholt, entspannt wird. Mira Ungarova äußert sich hier, eine zwanzigjährige LGBTQ-Aktivistin – und man merkt schon: Die Stimmen hier sind ganz andere, reden über ganz andere Dinge, nehmen den Fluss ganz anders war, als oben im abgelegenen Gebirge. Content Creatorin, Bloggerin, Podcasterin ist sie. Und Sexausbilderin für Frauen. Sie erinnert sich an einen Gebirgsbach ihrer Kindheit und träumt von einem größeren, machtvolleren Strom.
Und dann sind wir in einer Stadt, bei einer Frauenrechts- und Friedensdemonstration. „Freedom! Sisterhood! Solidarity!“ wird skandiert. „Der Feminismus wird Kasachstan retten!“
Und so begegnen wir diesen vielen unterschiedlichen Frauen, die von ihrem Leben erzählen, von ihren Erfahrungen, und von ihrem Leben mit dem Fluss, von ihren Ideen und Träumen und was diese mit dem Fluss zu tun haben. Das ist mal aktivistisch, politisch, dann wiederum naiv, poetisch, träumerisch. Erstaunlich viele dieser Frauen erzählen von ihrem Verhältnis und ihrem Umgang mit Sexualität. Von Tabus. Dann wiederum begegnen wir der Natur – um gleich darauf auf die mit dem Fluss verbundene Arbeitswelt zu stoßen. Wir suchen eine Mädchenschule auf, in der Handarbeiten gelehrt wird, aber seit einiger Zeit, so die Direktorin, auch Technik. Und so erleben wir die lebendige Vielfalt dieses Flusses.
Kristina Mikhailova gelingt ein wundervoller, lehrreicher, poetischer aber auch berührender Dokumentarfilm über Menschen am Fluss, insbesondere eben junge Frauen. Und während wir nebenher einiges über den Zustand der Natur und des Flusses erfahren, über seine künstliche Einengung, aber auch sein natürliches Dahinströmen – so lernen wir vor allem über das Leben junger Frauen in Kasachstan. Dass sie vom Fluss und dessen Bedeutung in ihrem Leben erzählen sollen ist ein Stückweit vielleicht auch ein Vorwand dafür, die Mädchen zum Sprechen und zum Erzählen zu bringen – und das gelingt auf wunderbare Art und Weise. „River Dreams“ ist ein großartiges, poetisches Dokument über die Natur und die Menschen in Kasachstan. Wundervolle Bilder sehen wir, der Film zeigt ein wunderbares Gespür für diese beeindruckenden Bilder. Und es ist ein Dokument der Hoffnung auf eine erfolgreiche, sichere und friedliche Zukunft für all diese jungen Frauen. „Ich will, dass meine Tochter in der Zukunft in Freiheit lebt“, sagt eine junge Mutter.“ Aber es gibt auch Mädchen, die von einer Zukunft woanders träumen: im Ausland vielleicht, an der Seite eines reichen Mannes. Am liebsten in Korea, da sei alles großartig. Oder vielleicht doch lieber in der Türkei?
Und noch einmal Kristina Mikhailova: „‚River Dreams‘ ist ein politisches Gedicht darüber, was es bedeutet, eine junge Frau in Kasachstan zu sein. Ich bereiste den 130 km langen Fluss Aksay, der seinen Ursprung in Gletschern hat und in der Steppe mündet. Ich stellte mir den Fluss als Mädchen vor: ihre Persönlichkeit, ihre Stimme, ihre Träume. Die Stimme des Flusses wurde zu einer Polyphonie junger Frauen unter 30, die an seinen Ufern leben. Wir führten ein umfangreiches Casting in allen Siedlungen entlang des Flusses durch und luden Mädchen, die einen Fluss in sich spüren, zur Teilnahme an dem Film ein. Einige dieser ‚Flussmädchen‘ traf ich auch in Almaty und lud sie persönlich ein, da ich in ihnen das Tosen eines eisigen Gebirgsflusses oder das tiefe Summen eines breiten Steppenflusses wahrnahm. Mit jeder von ihnen sprachen wir zwei bis drei Stunden vor der Kamera. Wir begannen mit der Frage: ‚Was für ein Fluss bist du?‘ und entwickelten uns dann in eine unbekannte, für jedes ‚Flussmädchen‘ einzigartige Richtung. Meine Fragen wiederholten sich nie; die Gespräche waren stets improvisiert. So wurde der Film zu einer umfassenden visuellen Erkundung des Flusslaufs und zu einem posthumanistischen Versuch, seine Stimme zu hören. Ich sehe mich selbst weniger als Regisseur eines Dokumentarfilms, sondern vielmehr als Künstler.“
Das Forum der Berlinale zeigt „River Dreams“ in zwei Vorstellungen:
https://www.berlinale.de/de/2026/programm/202607108.html