
Take Me Home von Liz Sargent
USA 2026, Perspectives
Meinen Zivildienst habe ich 1990 in einer Tagesstätte für geistig behinderte Erwachsene in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, absolviert. Jeden Morgen wurden die fünf oder sechs Erwachsenen vom Sanitätsdienst bei ihren Familien abgeholt, nachmittags wieder zurückgebracht. Dazwischen kümmerte ich mich mit meinen Kolleginnen um die Erwachsenen, wir bastelten, spazierten, machten Musik und so weiter. Da war A., der Windeln tragen musste und ein vernarbtes Gesicht hatte, ich glaube als Nebenwirkungen von Epilepsiemedikamenten. T. war die Selbstständigste, sie konnte sich auch mal selbst etwas zu essen machen. Eine Frau war Rollstuhlfahrerin und sehr schwer behindert, aber sie konnte über Lichter und Musik staunen. K. war der Älteste, konnte nur langsam Laufen, hakte sich dann immer bei mir ein und verlagerte immer mehr sein Gewicht auf meinen Arm. Er hatte schon im Dritten Reich unter den Nazis gelebt, es gab irgendwelche Geschichten oder Gerüchte darüber, wie das wohl war. Alle lebten bei ihren Eltern, zum Teil allein erziehende, K. lebte bei seiner Schwester. Allen war gemeinsam, dass sie nicht nicht sprechen konnten und sehr viel Hilfe brauchten. Und allen war auch gemeinsam, dass die Menschen, die sie zu Hause pflegten und sich um sie kümmerten, auch immer älter wurden. Ich weiß nicht, wie sehr das Thema war, was passieren würde, wenn sie sich irgendwann einmal nicht mehr kümmern können würden.
Anna ist 38 Jahre alt, lebt in Florida und sie ist eine koreanische Adoptivtochter mit einer kognitiven Behinderung. Vieles in ihrem Alltag ist mühsam, vieles im Alltag fällt ihr schwer und sie ist auf die Hilfe ihrer Adoptiveltern angewiesen, insbesondere der Mutter. Baden ist nicht sehr einfach, eigentlich lehnt sie Körperpflege ab. Nachts sucht sie manchmal ihre Wasserflasche und weckt dafür ihre Mutter. Gemeinsam haben die beiden, dass sie ihre tägliche Ration an Pillen schlucken müssen. Als ihr einmal ihre Wasserflasche unters Auto fällt, wird sie fast von ihrem Vater überfahren. Zwischen Anna und ihrer Mutter gibt es so etwas wie ein Gleichgewicht gegenseitiger Pflege. Wofür die Mutter schon zu gebrechlich ist, das kann unter Umständen Anna übernehmen, dafür weiß die Mutter, wie man kocht, was man einkauft, wie die Mikrowelle funktioniert – und sie kann vor allem mit Anna umgehen und weiß, was sie im Alltag so braucht, welche Routinen eingehalten werden müssen. Der Vater hält sich aus allem raus, weiß wenig über Anna und nichts über den Haushalt, hat selbst mit Depressionen oder so zu kämpfen. Und dann gibt es noch die große Schwester von Anna, Emily, ebenfalls aus Korea, ebenfalls adoptiert, aber sie lebt weit weg, arbeitet viel und kann für ihre Schwester nicht da sein.
Doch dann klingelt irgendwann Emilys Handy, Anna ist dran, ihre Mutter sei krank, Emily muss sie abwimmeln, weil sie bei Arbeit ist, aber mit Mühe und Not kann Anna ihr klarmachen: Ihre Mutter rührt sich nicht mehr, der Vater ist nicht da, sie weiß sich nicht zu helfen. Die Mutter ist gestorben. Emily bekommt ein paar Tage frei, aber was kann sie da schon tun: Da ist ihre Schwester, die von Körperpflege nichts hält, durchdreht, wenn ihre Lieblingsshorts gewaschen werden, die Annas Routinen und Abläufe nicht kennt – und da ist der Vater, der mehr Last denn Hilfe ist, der noch nie gekocht hat und noch nicht einmal weiß, wo im Haushalt sich die nötigsten Dinge befinden. Selbst dafür, seine Tochter zu trösten, ist er nicht in der Lage. „I want my mom back“, sagt sie. Sie wolle, dass alles wieder normal würde.
Und dann ist da auch die Anna, die erwachsen ist und eigene Bedürfnisse hat: Sexualität etwa, der Vater überrascht sie zum Beispiel beim Pornos schauen, hat aber immerhin soviel Verstand, nicht einzuschreiten. Sie ist schließlich erwachsen, erklärt er Emily. Oder mit anderen Gleichaltrigen rumzuhängen. Und da unternimmt sie in der Tat einen großen Schritt: Sie geht auf die Jungs der Nachbarschaft zu, hängt mit ihnen rum, man fürchtet schon, dass die kein Verständnis haben für eine bisweilen sonderbar agierende Frau. Aber das geht erstaunlich gut.
Aber eins ist klar: Irgendetwas muss passieren, selbständig leben wird sie vermutlich nicht können…
„Take me home“ ist der Debütfilm von Liz Sargent, der sich nicht nur mit diesem so zerbrechlichen Familienleben beschäftigt, sondern im Hintergrund auch von den Missständen im US-amerikanischen Gesundheitssystem berichtet, das für Menschen wie Anna wenig übrig hat. Sargent selbst ist als Kind adoptiert worden, sie weiß, wovon sie erzählt.
„Ich denke, wir haben große Fortschritte beim Thema körperliche Behinderung im Film gemacht“ erzählt die Regisseurin. „Aber wir haben noch nicht wirklich über kognitive Behinderung gesprochen und wie sich das am Set anfühlt. Ich würde sagen, alles war sehr individuell auf Anna zugeschnitten und darauf ausgerichtet, sie als Individuum zu behandeln. Was ich an ihrer Figur so liebe, ist, dass ihre Behinderung nicht offensichtlich ist. Deshalb müssen sich alle wirklich auf sie einlassen, ihr zuhören und ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Es war eine ziemlich chaotische Situation, in der wir viel lernen mussten, aber wir hatten alle die nötigen Ressourcen, um das zu tun. Ja, ich schweife etwas ab. Ich kann keine eindeutige Antwort geben. Ich denke, es geht darum, offen zu sein, miteinander zu reden und zu wissen, dass all das bereichernd ist. Ich denke, ihre Entwicklung und ihre Selbstbestimmung sind in dem Film, den wir gemacht haben, deutlich spürbar. All diese Unterstützungsmaßnahmen haben sich also gelohnt. Ich denke, jeder Schauspieler hat ein anderes Team um sich herum. Agenten, Manager und Assistenten. Warum sollte Anna das nicht auch haben, damit sie die Verantwortung für die Hauptrolle in einem Film übernehmen kann?“
Sargent erzählt eine Geschichte voller Traurigkeit – und Optimismus. Ein Film, der einen spüren lässt, wie es ist, jemanden mit einer kognitiven Behinderung in der Familie zu haben. Die Mühen und Klippen des Alltags. Alles was woanders selbstverständlich ist, kann schwierig sein. Aber vor allem lernen wir etwas über Anna: Nämlich dass sie ein Mensch ist, mit Bedürfnissen, mit einer eigenen Sexualität, mit dem Wunsch nach Freunden und dem Wunsch nach einem erfüllten, möglichst selbstbestimmten Leben. Sargent gelingt ein wundervoller, berührender und bisweilen schmerzhafter Film.
von Liz Sargent (Regie, Buch), mit Anna Sargent, Victor Slezak, Ali Ahn, Marceline Hugot, Shane Harper•91′•USA 2026•Farbe•Englisch•Untertitel: Deutsch