In den Badlands von South Dakota: THE NEW WEST von Kate Beecroft ab 4. Juni 2026 im Kino

THE NEW WEST heißt der Film auf den ich kür­zlich durch seinen Trail­er im Kino aufmerk­sam gewor­den bin. Genau genom­men heißt er im amerikanis­chen Orig­i­nal EAST OF WALL. Auf den ersten Blick habe ich den Film mit einem anderen Film ver­wech­selt, näm­lich mit dem Doku­men­tarfilm THE COWBOY, der Mitte Mai in den deutschen Kinos ges­tartet ist. Der Deutsche Filmemach­er André Hör­mann führte bei dieser großar­ti­gen Langzeit­doku Regie. „Es ist in der Tat eine für uns fremde Welt, die André Hör­mann uns hier zeigt”, habe ich in mein­er Besprechung des Films geschrieben. „Am Anfang geht es auch kaum um Poli­tik, irgend­wie erfreulicher­weise, irgend­wo hän­gen mal ein paar Trump­fah­nen herum, in Crow­leys Schule noch ein Oba­ma-Bild, später geht es aber dann immer mehr – wenn auch immer im Hin­ter­grund – auch um Poli­tik. Ich füh­le mich etwas hin- und herg­eris­sen, wie ich als Zuschauer diesem Jun­gen – und später jun­gen Mann – nahekomme. Natür­lich wächst er einem auch ans Herz und natür­lich fühlt und lei­det man mit ihm mit, wenn man die Schick­salss­chläge der Fam­i­lie miter­lebt. Aber irgend­wie kommt man ihm trotz­dem nicht so richtig nahe – und vielle­icht hat es damit zu tun, dass man der Gefühlswelt dieses Jun­gen kaum nahekommt – ich glaube er hat nie so richtig gel­ernt, seine Gefüh­le zulassen zu kön­nen. Diszi­plin wurde von ihm einge­fordert. Gefüh­le schienen am falschen Platz zu sein – es dauert ja auch lange, bis wir erfahren, wie sehr er auch unter seinem Vater gelit­ten hat.”

Und nun stieß eben auf diesen Spielfilm, bei dem vieles dur­chaus ver­wandt zu THE COWBOY aussieht, die Pfer­dewelt, die Cow­boy­welt, die gebroch­enen Fig­uren, alleine die Bildäs­thetik von THE NEW WEST erin­nert auf den allerersten Blick auch an THE COWBOY. In Sun­dance lief THE NEW WEST, es ist der Debüt­film der Regis­seurin Kate Beecroft. Auf die Frage, was sie dazu inspiri­ert hat, diesen Film zu drehen, erzählte die Filmemacherin in einem Inter­view: „Die Beset­zung. Diese Mäd­chen. In dem Augen­blick, als ich einen Fuß auf diese Ranch set­zte und ihre Gesichter sah, war es, als hätte ich mein ganzes Leben lang nach ihnen gesucht – ohne es zu wis­sen; es lag eine solche Wild­heit in ihnen, wie ich sie noch nie zuvor gese­hen hat­te, schon gar nicht vor der Kam­era. Ich wollte ihre Gesichter auf Film sehen. Das lag nicht daran, wie sie aus­sa­hen oder wie sie sich styl­ten, son­dern daran, dass sich ihr gesamtes Leben in ihren Gesichtern wider­spiegelte. Die Freude, das Lachen, der tiefe Herz­schmerz – und die Art, wie sie trotz alle­dem weit­er­ma­cht­en. Das hat mich zutief­st inspiri­ert. Sie sind unglaublich.”

„South Dako­ta will make you hum­ble”, sagt irgend­wann jemand. Ein rauer Ton herrscht auf der Pfer­de­farm. „We’re sell­in’ shit here!” sagt Tabatha. Es gehe darum, etwas zu verkaufen. Die Rodeokün­ste. Die Pferde. Wie eine Kämpferin sieht Tabetha aus, voller Tat­toos, mit halb kahl rasiertem Kopf. Es ist keine reiche Farm auf der wir uns befind­en, jed­er Dol­lar wird zweimal umge­dreht. Alles sieht reich­lich herun­tergekom­men aus, die Farm, die Autos, das Gelände. Und das „sell­in’ shit” soll auch mit Hil­fe von Social Media geschehen, vielle­icht find­et man ja via tik­tok ein entsprechen­des Pub­likum. Denn cool ist das, was man vor­führen kann. Und der Jüng­ste, Stet­son, drei Jahre alt, kann aber noch nicht sprechen, sitzt halt auch mal mit da, wenn ger­ade irgen­dein Splat­ter­film geschaut wird. Die Oma sitzt daneben. Sei ja eh alles nicht echt. Und außer­dem sei er ja erst drei und würde das eh noch nicht kapieren. Und Süßkram hat er von der Oma auch noch bekom­men. Und was das Leben von Tabatha und ihrer Fam­i­lie noch schw­er­er macht: Heute ist der Geburt­stag ihres Mannes, John. Am 6. März 2022 ist er gestor­ben, mit 45. Das ein­fache Holzkreuz ste­ht auf dem Far­m­grund­stück, die Fam­i­lie erin­nert sich sein­er, bringt Erin­nerungsstücke zum Grab, einen alten Sat­tel, ein Stück eines Fuch­skiefers. Tabetha und vor allem ihre Tochter Por­shia müssen nun das Geld ohne den Vater ver­di­enen. Und: Tabetha reit­et nicht mehr, seit es passiert ist.

Aber da sind nicht nur die Kinder, da ist auch Brynn, der John das reit­en beige­bracht hat. Ihre Ma ver­schwindet regelmäßig und dann wird sie von Tabetha und ihrer Fam­i­lie aufgenom­men. Und da leben auch son­st noch Kids auf der Ranch, denen Tabetha das Reit­en beib­ringt. Ryder zum Beispiel, die ihrem Namen alle Ehre macht. Manch­mal gelingt es Tabetha, ein Pferd zu verkaufen, ihre Kinder helfen ihr dabei, einen guten Preis erzie­len zu kön­nen. „Sie weiß in zwei Minuten, was mit einem Pferd nicht stimmt”, erzählt ein Fre­und. Aber er sagt auch, halb scherzhaft: „Meine Frau glaubt, sie ist eine Hexe.” Auch Por­shia hat es schon richtig drauf, zu reit­en, sie hat bere­its richtige Fans. Aber selb­st wenn sie gewin­nt, ist Por­shia nie richtig zufrieden. Und: Die Auseinan­der­set­zun­gen mit ihrer Mut­ter nehmen zu. „She fuck­ing hates me”, glaubt Tabetha.

Dann kommt es zu einem Gericht­ster­min: Wird Tabatha die Vor­mund­schaft für einen der Jungs, Jesse bekom­men, um den sich son­st nie­mand küm­mert? Aber das Gericht lehnt ab, dazu hat Tabatha zu viele Schulden. Doch dann begeg­net die Fam­i­lie Roy, der keine Kinder hat und einiges an Geld gemacht hat, so dass er sich einen ziem­lich teuren Trans­porter leis­ten kann. Und Roy macht Tabetha ein Ange­bot, das ver­lock­end ist, und das das Leben der Fam­i­lie für immer verän­dern kön­nte…

„Ich möchte, dass Men­schen – die Tab­bys dieser Welt, Men­schen aus den mar­gin­al­isierten Winkeln des Lan­des – dies sehen und das Gefühl haben, dass ihre Geschichte erzählt wird”, erzählt Kate Beecroft. „Dass Men­schen offen und bere­it sind, ihnen zuzuhören. Ich erin­nere mich, wie Tab­by ein­mal zu mir sagte: ‚Ich glaube, ich möchte ein­fach nur, dass diese Mäd­chen, die in irgen­dein­er schick­en Bar an ihren Cock­tails nip­pen, für einen Moment in mein Leben ein­tauchen – und sei es auch nur für eine einzige Minute.’ ” Es ist in der Tat faszinierend zu sehen, wie die Laien­darstel­lerin­nen dieses Films, die zu einem nen­nenswerten Teil sich selb­st spie­len, diesem Film Kraft geben. Tabatha und Por­shia Zimi­ga spie­len sich selb­st, Mut­ter und Tochter. Und bei­de spie­len dass so überzeu­gend, dass man sich die Augen reibt, und dass man sich wün­scht, sie als Schaus­pielerin­nen wiederzuse­hen.

Es ist auch faszinierend, Tabatha Zimi­ga auf ihrem tik­tok oder Insta­gram-Account zu fol­gen, und ihr dabei zuzuse­hen, wie die Arbeit auf der Ranch weit­er­hin ihr All­t­ag ist. Es staubt, es ist der All­t­ag mit den Pfer­den, das Leben auf der Ranch. Und dann tauchen in ihren Social Media-Accounts plöt­zlich Bilder von Film­premieren oder vom Inde­pen­dent Spir­it Award auf – und plöt­zlich ist man in ein­er ganz frem­den, ganz weit ent­fer­n­ten Welt, der Welt des Films.

Kate Beecroft gelingt mit den Frauen dieses Films ein faszinieren­des, beein­druck­endes Werk, das man nicht so schnell ver­gisst. Hören wir noch ein­mal der Regis­seurin zu: „Das Cast­ing für diesen Film war eine wilde Erfahrung. Die Fam­i­lie war bere­its beset­zt, da ich von vorn­here­in wusste, dass sie sich selb­st spie­len sollte. Die übri­gen Rollen wur­den jedoch erst nach monate­langer Suche in den umliegen­den Ortschaften beset­zt – auf Rodeos, in Super­märk­ten, bei lokalen Bas­ket­ball­spie­len –, immer auf der Suche nach den per­fek­ten Per­so­n­en. Dieser Prozess blieb lei­der nicht ohne zutief­st schmer­zliche Rückschläge: Wir ver­loren mehrere Darsteller an Dro­gen­ab­hängigkeit oder strafrechtliche Ver­fol­gung, und ein­er unser­er Darsteller wurde wenige Wochen vor Drehbe­ginn in Pine Ridge ermordet. Ein ver­heeren­der Ver­lust. Den­noch war es für mich von entschei­den­der Bedeu­tung, dass wir die Beset­zung inner­halb der lokalen Gemein­schaft vor­nah­men. Sobald wir unsere Beset­zung aus South Dako­ta zusam­men­hat­ten, holten wir Wit­tney Hor­ton an Bord, um die Rollen von Roy Waters und Tracey zu beset­zen. Es war mir sehr wichtig, pro­fes­sionelle Schaus­piel­er zu engagieren, die die Geschichte tra­gen und mit Begeis­terung mit Laien­darstellern zusam­me­nar­beit­en wür­den. Dies führte uns zu der wun­der­baren Jen­nifer Ehle und Scoot McNairy, die bei­de so viel Empathie und Anmut mit ans Set und in ihre Rollen bracht­en.” THE NEW WEST ist ein rauer, unvergesslich­er Film mit einem beein­druck­enden Laien­cast.

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