
THE NEW WEST heißt der Film auf den ich kürzlich durch seinen Trailer im Kino aufmerksam geworden bin. Genau genommen heißt er im amerikanischen Original EAST OF WALL. Auf den ersten Blick habe ich den Film mit einem anderen Film verwechselt, nämlich mit dem Dokumentarfilm THE COWBOY, der Mitte Mai in den deutschen Kinos gestartet ist. Der Deutsche Filmemacher André Hörmann führte bei dieser großartigen Langzeitdoku Regie. „Es ist in der Tat eine für uns fremde Welt, die André Hörmann uns hier zeigt“, habe ich in meiner Besprechung des Films geschrieben. „Am Anfang geht es auch kaum um Politik, irgendwie erfreulicherweise, irgendwo hängen mal ein paar Trumpfahnen herum, in Crowleys Schule noch ein Obama-Bild, später geht es aber dann immer mehr – wenn auch immer im Hintergrund – auch um Politik. Ich fühle mich etwas hin- und hergerissen, wie ich als Zuschauer diesem Jungen – und später jungen Mann – nahekomme. Natürlich wächst er einem auch ans Herz und natürlich fühlt und leidet man mit ihm mit, wenn man die Schicksalsschläge der Familie miterlebt. Aber irgendwie kommt man ihm trotzdem nicht so richtig nahe – und vielleicht hat es damit zu tun, dass man der Gefühlswelt dieses Jungen kaum nahekommt – ich glaube er hat nie so richtig gelernt, seine Gefühle zulassen zu können. Disziplin wurde von ihm eingefordert. Gefühle schienen am falschen Platz zu sein – es dauert ja auch lange, bis wir erfahren, wie sehr er auch unter seinem Vater gelitten hat.“
Und nun stieß eben auf diesen Spielfilm, bei dem vieles durchaus verwandt zu THE COWBOY aussieht, die Pferdewelt, die Cowboywelt, die gebrochenen Figuren, alleine die Bildästhetik von THE NEW WEST erinnert auf den allerersten Blick auch an THE COWBOY. In Sundance lief THE NEW WEST, es ist der Debütfilm der Regisseurin Kate Beecroft. Auf die Frage, was sie dazu inspiriert hat, diesen Film zu drehen, erzählte die Filmemacherin in einem Interview: „Die Besetzung. Diese Mädchen. In dem Augenblick, als ich einen Fuß auf diese Ranch setzte und ihre Gesichter sah, war es, als hätte ich mein ganzes Leben lang nach ihnen gesucht – ohne es zu wissen; es lag eine solche Wildheit in ihnen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, schon gar nicht vor der Kamera. Ich wollte ihre Gesichter auf Film sehen. Das lag nicht daran, wie sie aussahen oder wie sie sich stylten, sondern daran, dass sich ihr gesamtes Leben in ihren Gesichtern widerspiegelte. Die Freude, das Lachen, der tiefe Herzschmerz – und die Art, wie sie trotz alledem weitermachten. Das hat mich zutiefst inspiriert. Sie sind unglaublich.“
„South Dakota will make you humble“, sagt irgendwann jemand. Ein rauer Ton herrscht auf der Pferdefarm. „We’re sellin‘ shit here!“ sagt Tabatha. Es gehe darum, etwas zu verkaufen. Die Rodeokünste. Die Pferde. Wie eine Kämpferin sieht Tabetha aus, voller Tattoos, mit halb kahl rasiertem Kopf. Es ist keine reiche Farm auf der wir uns befinden, jeder Dollar wird zweimal umgedreht. Alles sieht reichlich heruntergekommen aus, die Farm, die Autos, das Gelände. Und das „sellin‘ shit“ soll auch mit Hilfe von Social Media geschehen, vielleicht findet man ja via tiktok ein entsprechendes Publikum. Denn cool ist das, was man vorführen kann. Und der Jüngste, Stetson, drei Jahre alt, kann aber noch nicht sprechen, sitzt halt auch mal mit da, wenn gerade irgendein Splatterfilm geschaut wird. Die Oma sitzt daneben. Sei ja eh alles nicht echt. Und außerdem sei er ja erst drei und würde das eh noch nicht kapieren. Und Süßkram hat er von der Oma auch noch bekommen. Und was das Leben von Tabatha und ihrer Familie noch schwerer macht: Heute ist der Geburtstag ihres Mannes, John. Am 6. März 2022 ist er gestorben, mit 45. Das einfache Holzkreuz steht auf dem Farmgrundstück, die Familie erinnert sich seiner, bringt Erinnerungsstücke zum Grab, einen alten Sattel, ein Stück eines Fuchskiefers. Tabetha und vor allem ihre Tochter Porshia müssen nun das Geld ohne den Vater verdienen. Und: Tabetha reitet nicht mehr, seit es passiert ist.
Aber da sind nicht nur die Kinder, da ist auch Brynn, der John das reiten beigebracht hat. Ihre Ma verschwindet regelmäßig und dann wird sie von Tabetha und ihrer Familie aufgenommen. Und da leben auch sonst noch Kids auf der Ranch, denen Tabetha das Reiten beibringt. Ryder zum Beispiel, die ihrem Namen alle Ehre macht. Manchmal gelingt es Tabetha, ein Pferd zu verkaufen, ihre Kinder helfen ihr dabei, einen guten Preis erzielen zu können. „Sie weiß in zwei Minuten, was mit einem Pferd nicht stimmt“, erzählt ein Freund. Aber er sagt auch, halb scherzhaft: „Meine Frau glaubt, sie ist eine Hexe.“ Auch Porshia hat es schon richtig drauf, zu reiten, sie hat bereits richtige Fans. Aber selbst wenn sie gewinnt, ist Porshia nie richtig zufrieden. Und: Die Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter nehmen zu. „She fucking hates me“, glaubt Tabetha.
Dann kommt es zu einem Gerichtstermin: Wird Tabatha die Vormundschaft für einen der Jungs, Jesse bekommen, um den sich sonst niemand kümmert? Aber das Gericht lehnt ab, dazu hat Tabatha zu viele Schulden. Doch dann begegnet die Familie Roy, der keine Kinder hat und einiges an Geld gemacht hat, so dass er sich einen ziemlich teuren Transporter leisten kann. Und Roy macht Tabetha ein Angebot, das verlockend ist, und das das Leben der Familie für immer verändern könnte…
„Ich möchte, dass Menschen – die Tabbys dieser Welt, Menschen aus den marginalisierten Winkeln des Landes – dies sehen und das Gefühl haben, dass ihre Geschichte erzählt wird“, erzählt Kate Beecroft. „Dass Menschen offen und bereit sind, ihnen zuzuhören. Ich erinnere mich, wie Tabby einmal zu mir sagte: ‚Ich glaube, ich möchte einfach nur, dass diese Mädchen, die in irgendeiner schicken Bar an ihren Cocktails nippen, für einen Moment in mein Leben eintauchen – und sei es auch nur für eine einzige Minute.'“ Es ist in der Tat faszinierend zu sehen, wie die Laiendarstellerinnen dieses Films, die zu einem nennenswerten Teil sich selbst spielen, diesem Film Kraft geben. Tabatha und Porshia Zimiga spielen sich selbst, Mutter und Tochter. Und beide spielen dass so überzeugend, dass man sich die Augen reibt, und dass man sich wünscht, sie als Schauspielerinnen wiederzusehen.
Es ist auch faszinierend, Tabatha Zimiga auf ihrem tiktok oder Instagram-Account zu folgen, und ihr dabei zuzusehen, wie die Arbeit auf der Ranch weiterhin ihr Alltag ist. Es staubt, es ist der Alltag mit den Pferden, das Leben auf der Ranch. Und dann tauchen in ihren Social Media-Accounts plötzlich Bilder von Filmpremieren oder vom Independent Spirit Award auf – und plötzlich ist man in einer ganz fremden, ganz weit entfernten Welt, der Welt des Films.
Kate Beecroft gelingt mit den Frauen dieses Films ein faszinierendes, beeindruckendes Werk, das man nicht so schnell vergisst. Hören wir noch einmal der Regisseurin zu: „Das Casting für diesen Film war eine wilde Erfahrung. Die Familie war bereits besetzt, da ich von vornherein wusste, dass sie sich selbst spielen sollte. Die übrigen Rollen wurden jedoch erst nach monatelanger Suche in den umliegenden Ortschaften besetzt – auf Rodeos, in Supermärkten, bei lokalen Basketballspielen –, immer auf der Suche nach den perfekten Personen. Dieser Prozess blieb leider nicht ohne zutiefst schmerzliche Rückschläge: Wir verloren mehrere Darsteller an Drogenabhängigkeit oder strafrechtliche Verfolgung, und einer unserer Darsteller wurde wenige Wochen vor Drehbeginn in Pine Ridge ermordet. Ein verheerender Verlust. Dennoch war es für mich von entscheidender Bedeutung, dass wir die Besetzung innerhalb der lokalen Gemeinschaft vornahmen. Sobald wir unsere Besetzung aus South Dakota zusammenhatten, holten wir Wittney Horton an Bord, um die Rollen von Roy Waters und Tracey zu besetzen. Es war mir sehr wichtig, professionelle Schauspieler zu engagieren, die die Geschichte tragen und mit Begeisterung mit Laiendarstellern zusammenarbeiten würden. Dies führte uns zu der wunderbaren Jennifer Ehle und Scoot McNairy, die beide so viel Empathie und Anmut mit ans Set und in ihre Rollen brachten.“ THE NEW WEST ist ein rauer, unvergesslicher Film mit einem beeindruckenden Laiencast.