FUJIKO von Taichi Kimura beim Nippon Connection Filmfestival

„Jed­er Men­sch beschre­it­et im Leben einen Weg”, sagt der Filmemach­er Taichi Kimu­ra. „Manche wählen steile, unbarmherzige Pfade, um ihre Gren­zen auszu­loten. Andere fol­gen san­fteren Wegen und suchen Schutz vor dem harten Regen der Real­ität und der Gesellschaft. Ob richtig oder falsch, leicht oder schw­er – jed­er Weg hin­ter­lässt eine Spur dessen, wer wir sind und wie wir unseren Weg fort­set­zen. Meine Mut­ter, Fujiko, hat viele Wege beschrit­ten. Die meis­ten waren schwierig, und viele kon­nte sie sich nie selb­st aus­suchen – geformt von anderen, von der Gesellschaft und von den Umstän­den. Von allen Seit­en bedrängt, ging sie den­noch weit­er; und mit der Zeit fand sie die Kraft, ihre eigene Rich­tung zu wählen – nicht, weil der Weg leichter wurde, son­dern weil sie sich weigerte, ste­hen zu bleiben.”

Taichi Kimu­ra ist ein Film-Mani­ac, geboren wurde er in Tokio, bere­its im Alter von zwölf ging er, so geht die Rede, alleine von Japan nach Eng­land um Film zu studieren, am Cen­tral Saint Mar­tins und am Lon­don Col­lege of Com­mu­ni­ca­tion (LCC). Der Film, der ihn fürs Kino gepackt hat­te, sagte er irgend­wann, sei „Juras­sic Park” gewe­sen. „Später haben mich Filme wie „Matrix“ (1999) und Dar­ren Aronof­skys „Pi“ (1998) tief beein­druckt”, erzählt er, „Zu jen­er Zeit befand ich mich in ein­er schwieri­gen famil­iären Sit­u­a­tion, und der Film war für mich eine Art Flucht aus der Real­ität. Ich wollte dort weg – und genau deshalb zog ich nach Großbri­tan­nien.” Er pen­delt heute zwis­chen Eng­land und Japan, macht Musikvideos und Werbespots. Sein Lang­filmde­büt, nach eini­gen Kurz­fil­men war „After­glows” aus dem Jahr 2023, „Fujiko” ist sein zweit­er Lang­film. Auch die Fotografien vom japanis­chen Fotografen Dai­do Moriya­ma zählt er zu seinen Ein­flüssen.

Noch bevor er „Fujiko” gedreht hat­te erzählte er in einem Inter­view: „Es geht um meine Mut­ter, die meine ältere Schwest­er und mich in den 70er Jahren als allein­erziehende Mut­ter groß­zog. Damals war Japan noch weitaus stärk­er von Män­nern dominiert, doch sie war wirk­lich hart im Nehmen. Sie musste auf der Straße schlafen und für die Yakuza arbeit­en, da sie keine Anstel­lung find­en kon­nte. Es ist eine unfass­bare Geschichte, und der Film wird auf ihrem wahren Leben basieren. Ich glaube, die Geschichte mein­er Mut­ter kann für viele Men­schen da draußen eine enorme Inspi­ra­tion sein. Beson­ders in Zeit­en wie diesen, in denen das The­ma Gle­ich­berech­ti­gung eine so große Rolle spielt, kön­nte dies genau der richtige Moment sein, um diesen Film zu real­isieren.”

Die Schaus­pielerin Yuki Kataya­ma spielt die Titel­rolle der Fujiko Sug­ana­mi. Bei den Hochi Film Awards hat­te Kataya­ma den Preis als „Beste New­com­erin“ für den Film Burned in Mad­der erhal­ten, eben­so eine Ausze­ich­nung als „Beste Neben­darstel­lerin“ beim 43. Yoko­hama Film Fes­ti­val. „Mit FUJIKO stellt sie ihre Fähigkeit unter Beweis, eine kom­plexe, emo­tion­al vielschichtige Erzäh­lung zu tra­gen”, erzählt das Presse­heft, „damit etabliert sie sich als fes­sel­nde neue Per­sön­lichkeit im japanis­chen Kino – eine Darstel­lerin, der es gelingt, den Zus­pruch im Heimat­land mit der Begeis­terung des inter­na­tionalen Fes­ti­valpub­likums zu verbinden.” Okay, ich bin ges­pan­nt.

Shizuo­ka ist eine Großs­tadt auf Hon­shu, so groß wie Leipzig, mit Blick auf den Mount Fuji, der anderthalb Autostun­den ent­fer­nt ist. Wir befind­en uns im Jahr 1977. Es ist die Zeit des Sony Walk­mans in Japan, dem Wech­sel vom Schwarzweiß- zum Farbfernse­hen.

Ein heftiger Sturm bläst vom Paz­i­fik, ein Gewit­ter tobt, als Fujiko, mit­ten während des Stro­maus­falls ihre Tochter Mari zur Welt bringt. Stormy oder Tem­pest hätte sie heißen kön­nen, wird Fujiko später scherzen. Vor lauter Dunkel­heit kon­nte man erst das Geschlecht des Kindes gar nicht sich­er sagen. War es doch ein Junge? Aber nun hieß sie Mari, „Son­nen­blume”. Die Fam­i­lie ihres Mannes fordert nun ein, dass sie schnell wieder im Fam­i­lien­be­trieb arbeit­en geht. Ein Anlass für einen mas­siv­en Stre­it. Und dann schlägt das Mut­ter­glück um in Schreck­en, als die Fam­i­lie ihres Mannes das Kind ent­führt. „Du hast keinen guten Män­nergeschmack”, hat ihre Fre­undin Hit­o­mi zuvor noch gemeint. Fujiko nimmt den Kampf auf, das Kind wiederzubekom­men, ihre Mut­ter, die eigentlich ihren pflegebedürfti­gen Mann pflegt, denkt keine Sekunde nach son­dern unter­stützt sie dabei. Eine laut­starke Auseinan­der­set­zung mit dem weib­lichen Teil der Fam­i­lie des Kinds­vaters entspin­nt sich. Es wird hand­grei­flich. Aber nichts. Wenig­stens zer­rt ihre Fre­undin Hit­o­mi die verzweifelte Fujiko aus dem Haus, hin zu ein­er „Wom­ens Liberation”-Demo. Und das ist das Ini­ti­a­tion­sereig­nis: Sie muss sofort ihre Mari zurück­bekom­men. Empow­er­ment. Und das geht dann erstaunlich flott, gen­ervt drückt man ihr das Kind in die Hand und Fujiko beschließt nun den schw­eren Weg zu gehen und das Kind als allein­erziehende Mut­ter aufzuziehen. Aber erst ein­mal braucht sie eine eigene Woh­nung für sich und das Kind. Und dafür braucht sie einen Job, um das bezahlen zu kön­nen. Und dazu braucht sie einen Ort um ihr Kind tagsüber unterzubrin­gen. Aber alles scheint unmöglich. Ein Kind allein zu erziehen sei nicht mach­bar, heißt es.

Aber das will Fujiko nicht hören, und sie hat Glück: Sie find­et eine ältere Frau, die ihr Kind tagsüber nimmt, ein logis­tis­ch­er Aufwand, sie find­et einen Job als Bedi­enung, jede Sekunde des Tages ist durchge­plant. Dann das Kind abholen, noch etwas Zeit mit ihr ver­brin­gen, tagein tagaus der gle­iche Stress. Aber irgend­wann dro­ht das Konzept zu scheit­ern, sie braucht mehr Geld, muss mehr Schicht­en übernehmen. Die Gesellschaft scheint noch nicht reif für das Mod­ell allein­erziehende Mut­ter zu sein. Und so gehen die Jahre ins Land, mit immer mehr Stress für Fujiko und auch der kleinen Mari wird immer mehr abver­langt. Die Über­forderung wächst, die Wut wächst, die Verzwei­flung wächst. Wird es eine Lösung geben? Eines Tages bietet ihr jemand einen bess­er bezahlten Job an – doch kann das etwas Ser­iös­es sein?

Taichi Kimu­ra erzählt eine Geschichte über den Mut ein­er Frau Ende der 70erjahre in Japan, ein Kind alleine aufzuziehen. Das erzählt er dur­chaus span­nend und berührend, man fiebert mit dieser Fujiko mit – und auch mit der armen Mari, die so oft zu kurz kommt. Der Film gibt sich große Mühe, mit kleinen Mit­teln möglichst nach den 70ern in Japan auszuse­hen, die tech­nis­chen Geräte, die Klam­ot­ten, die Musik, aber auch die schrillen orangen Zwis­chen­ti­tel, die mich an die Farbe unser­er 70erjahre Eck­bank erin­nern. Was man aus der reinen Inhalt­sangabe des Films gar nicht her­auszule­sen ver­mag, ist, dass wir hier gar nicht nur ein Dra­ma erzählt bekom­men, son­dern auch eine Komödie – und zwar eine zum Teil schrille Komödie, mit Über­höhun­gen und Ver­frem­dun­gen. Ins­beson­dere die Ent­führungsse­quenz am Anfang, aber auch die Szenen in der ille­galen Glücksspiel­hölle, in der sie später arbeit­et, haben etwas Schrilles, Verz­er­rtes. Ich bin ein biss­chen unentschlossen darüber, ob ich den Mut des Regis­seurs feiern will, dass er diesen schräg-komö­di­antis­chen Ton in einem Film anschlägt, von dem das eigentlich nicht zu erwarten ist, oder ob ich diese Kom­bi­na­tion für miss­glückt hal­ten soll, weil es etwas vom Dra­ma und Zeit­geschicht­en­film weg­n­immt. Aber ich lasse diese Ambivalenz ein­fach mal so drin, schließlich ist sie im Film angelegt. In jedem Fall gelingt Taichi Kimu­ra ein kurzweiliger, inter­es­sant erzählter Film über eine Zeit in Japan, über die ich ja so gar nichts weiß. Gab es denn eigentlich einen gesellschaftlichen Wan­del in Japan Ende der 60er wie in Europa und Nor­dameri­ka?

„Durch Fujikos Geschichte wollte ich nicht nur die Wider­stand­skraft ergrün­den, son­dern auch jene Men­schen, die trotz aller Ungewis­sheit weit­er­ma­chen”, erzählt Taichi Kimu­ra. „Vor allem hoffe ich, dass dieser Film dem Pub­likum Hoff­nung schenkt. Ich glaube daran, dass das Kino uns – in seinen besten Momenten – daran erin­nert, dass das Weit­er­ma­chen an sich bere­its ein Akt des Mutes ist. Dieser Glaube bildet das Fun­da­ment meines Films.” Und ich finde das hat der Regis­seur mit seinem Film dur­chaus erre­icht.

„Fujiko” läuft auf der diesjähri­gen Aus­gabe des Japan­film­fes­ti­vals Nip­pon Con­nec­tion in Frank­furt am Main.

https://nipponconnection.com/de/start

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