„Numakage Public Pool“ beim Nippon Connection Filmfestival

Wir befinden uns in der Metropolregion von Tokio in der „jüngsten Millionenstadt“ Japans, 1,3 Millionen Einwohner, die Shinkansenstrecke fährt hier durch, in Saitama gibt es das „Museum of Modern Art“ und ein Eisenbahnmuseum. Die Stadt als solche gibt es erst seit dem Jahr 2001. An Sehenswürdigkeiten gibt es die „Burg Iwatsuki“, den „Hikawa-Schrein“ und den Tempel „Jion-ji“. Der Fußballverein „Urawa Reds“ spielt im ehemaligen WM-Stadion von 2002 in Saitama, eines der Halbfinals, Brasilien gegen die Türkei (1:0) fand damals in dem Stadion statt. Der aus Saitama stammende Astronaut Kōichi Wakata war mehrfach im All, schon 1996 mit dem Space Shuttle Endeavour.

Wenige hundert Meter von der Shinkansen-Strecke entfernt kann man auf Google Maps jenes Schwimmbad finden, um den es in diesem Dokumentarfilm geht: den Numakage Public Pool. Numakage ist ein kleiner, unbedeutender Ortsteil, es gibt ein Baseballfeld, ein Werk der Schokoladenfabrik „Lotte“ („Lotte wird von allen geliebt und geschätzt, da das Unternehmen bessere Produkte und Dienstleistungen anbietet und zu einem bereicherten Leben der Menschen auf der ganzen Welt beiträgt“, steht auf der Internetseite des Schokoladenherstellers), ein, zwei Cafés sind auf Google Maps notiert, viel mehr gibt es da nicht.

Aber es gab eben jenes beliebte Schwimmbad, auf das der Regisseur Shingo Ota aufmerksam wurde, als die öffentliche Ankündigung kam, dass es geschlossen werden sollte. „Ich erfuhr, dass das öffentliche Schwimmbad in meiner Stadt im Zuge der Stadtentwicklung abgerissen werden sollte“, erzählt Shingo Ota. „Als ich sah, wie Menschen angesichts dieser Ankündigung trauerten, stellte ich mir folgende Fragen: Wird die psychische Gesundheitsfürsorge für die Bewohner vernachlässigt? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Tod eines Menschen und dem Tod eines öffentlichen Raums? Jedes Mal, wenn wir mit einem Verlust konfrontiert werden, begegnen wir der Trauer. Und jeder Verlust ist gleichermaßen bedeutsam – niemand kann einem sagen, welcher davon der größere ist.“

Mit den Abrissarbeiten beginnt der Film, Bagger demolieren die Tribüne, reißen das einst schattenspendende Metalldach ab, Rückblende. Die Becken sind gefüllt, das Schwimmbad schimmert in blassblau und türkis, die Schließfächer der Umkleiden sind intakt, alles was zu einem Freibad dazugehört. Die Stimme des Bürgermeisters Hayato Shimizu ertönt: Er wolle über die Zukunft des Bads sprechen. Weil man die Gegend rund um die nahegelegene Bahnstation weiterentwickeln wolle, würde das Freibad geschlossen und abgerissen werden, im März 2024. Wir sehen Aufnahmen des leeren, aber intakten Bades, die beeindruckende, verschlungene Rutschbahn, was müssen hier Tausende Kinder und Jugendliche – und auch Erwachsene ihren Spaß gehabt haben, obwohl das Bad leer ist, meint man das jauchzende Kindergeschrei zu hören.

Was folgt sind Proteste gegen die Schließung – und eine genau Untersuchung dessen, was die Menschen so fühlen, angesichts der baldigen Schließung dieser so wichtigen Freizeiteinrichtung. Er untersucht das anhand des von Elisabeth Kübler-Ross entwickelten Modells der fünf Phasen der Trauer: 1. Nicht-Wahrhaben-Wollen (Verleugnung), 2. Zorn (Wut), 3. Verhandeln, 4. Depression, 5. Zustimmung (Akzeptanz).

Wir erleben die Bademeister beim Training, die erste Schlange von Besuchern zum Saisonstart, wir erleben Erwachsene beim Schwimmen, Jugendliche beim Baden, Kinder auf der Rutsche – natürlich sind wir da mit der Kamera auch mal dabei. Es gibt die japanische Entsprechung zu Schwimmbadpommes – und Unterschriftensammlungen. Übrigens gibt es wirklich Schwimmbadpommes und die sehen nicht anders aus als im Neuköllner Columbiabad. Irgendwann ist die Polizei da, weil einer Badegäste fotografiert hat. Naja, die Polizei ist im Columbiabad ja auch regelmäßig, aber das hat meist andere Gründe. Regeln gibt’s sonst auch strenge: Bitte nur 1 Person pro Umkleide. Man hat so seine Erfahrungen gemacht. Aber alle genießen das Bad, als wär’s wie immer.

Und nun, nach dem Nicht-Wahrhaben-Wollen folgt Kapitel 2, Phase 2 des Kübler-Rossschen-Trauerphasenmodells: Die Wut. Demonstrationen. Ansprachen. Verhandlungen im Stadtrat. Beschwerdebriefe. Nur noch 32 Tage bis zur Schließung. Alles läuft weitgehend unter Einhaltung japanischer Höflichkeit vonstatten. Und dann folgt Phase 3: Verhandeln…

Shingo Ota gelingt ein wundervoller, traurig-schöner wie humorvoller, ein ästhetischer Dokumentarfilm über das Verhältnis von Politik zur Bevölkerung. Das klingt politischer, als es eigentlich ist. Die Aufreihung der Dramaturgie des Films – und gleichzeitig der Dramaturgie des Abrisses des Schwimmbads ist eine großartige Idee, die dem Film eine streng orchestrierte Struktur verleiht. Wunderbar. „Konzentriert euch bis zum Schluss!“ sagt der Bademeisterchef zu seinen Mitarbeitern am letzten Tag. Nun sind wir bei der Phase der Akzeptanz angekommen.

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