
Yasujiro Ozu. Unter Cineasten ist der japanische Filmemacher beinahe so etwas wie ein Mythos. Zumindest heute. Jenes Buch, das mir in meinen jüngeren Jahren am meisten geholfen hat, die wichtigsten Filmemacher und Filmemacherinnen der Filmgeschichte näherzubringen, nämlich „Reclam Filmführer“ in der Ausgabe des Jahres 1991, schrieb über Ozu: „Er wurde bald bekannt und galt im eigenen Land bis zu seinem Tod als einer der führenden japanischen Filmregisseure. Im Ausland entdeckte man ihn erst spät. So kam von den 53 Spielfilmen Ozus zum Beispiel in der Bundesrepublik nur ein einziger in die Kinos (und der wurde noch gekürzt!)“.
Ozu ist im Jahr 1903 in Tokio geboren, zunächst war er Kamera- und Regieassistent, dann aber auch bald Regisseur. Chaplin oder Keaton beeinflussten in früh, dann aber wandte Ozu sich ernsten Themen zu. Es ging ihm um Familie, Alltag, Traditionen und deren Auflösung. Ozu erzählte reduziert, leise, unspektakulär, mit statischer Kamera und langen Einstellungen. Die Filme, die der Reclam Filmführer listet sind „Tokyo monogatari“ (Die Reise nach Tokio, 1953), „Ukigusa“ (Abschied in der Dämmerung, 1959), „Akibiyori“ (Spätherbst, 1960) und „Kohayagawa-ke no aki“ (Der Herbst der Familie Kohayagawa, 1961). Die meisten davon habe ich damals während meines Germanistikstudiums in Freiburg aus den VHS-Beständen der Unibibliothek gesichtet. Zumindest „Die Reise nach Tokio“ lief damals sicher auch mal im aka Unikino oder im Kommunalen Kino. Mittlerweile gab es längst umfangreiche Retrospektiven, etwa im Arsenal in Berlin, durch das Harvard Filmarchiv oder in Chicago.
In einem meiner Lieblings-Filmbücher meiner früheren Cineastenjahre, James Monacos „Film verstehen“, beschreibt Monaco Ozus visuellen Stil: „Der Stil des japanischen Filmemachers Yasujiro Ozu ist bekannt für seine ständig niedrige Kamera-Position, aber Ozu versucht nicht wirklich, die Grundkomposition des Bildes zu verzerren: Er filmt nur aus der Augenhöhe eines japanischen Betrachters, der auf seiner Tatami-Matte sitzt. ‚Augenhöhe‘ hängt natürlich vom Auge des Betrachters ab.“
Und dann muss man natürlich noch eine Sache erwähnen: Der Bezug von Wim Wenders zu Yasujiro Ozu, man sehe sich Wenders‘ Film „Tokyo-Ga“ aus dem Jahr 1985 an. Den gibt es derzeit auf diversen einschlägigen Streaming-Plattformen zu sehen. Kurzum es ist ein filmisches Tagebuch von Wenders, der sich auf eine Reise nach Japan und die Such nach Ozu begibt.
Daniel Raim ist der Regisseur des Films, er ist kein Unbekannter, einer seiner ersten Filme, mit dem er bekannt wurde, war The Man on Lincoln’s Nose, für den Raim eine Oscarnominierung erhielt , es war eine Doku über den Szenenbildner Robert F. Boyle, der unter anderem viel für Hitchcock gearbeitet hat, Die Vögel, Der unsichtbare Dritte, Marnie. Der Film Something’s Gonna Live ist eine Hommage an die Szenenbildner und Kameraleute des klassischen Hollywood. Aus dem Jahr 2015 stammt Harold and Lillian: A Hollywood Love Story, der in Cannes lief. The Ozu Diaries lief in Venedig.
„Ozus Filme erschlossen sich mir anfangs nicht auf Anhieb“, erzählt Daniel Raim. „Doch seine poetischen Porträts des Familienlebens und der Einsamkeit ließen mich nicht mehr los. Der Herbst der Familie Kohayagawa wurde zum Schlüsselwerk – nicht durch Handlung oder Dramatik, sondern durch seine bloße Präsenz. (…) Im Jahr 2017, während der Arbeit an einem Kurzfilm für die Criterion Collection mit dem Titel In Search of Ozu, spürte ich, dass eine tiefere Geschichte darauf wartete, erzählt zu werden: die Geschichte des Menschen hinter den Filmen.“
Daniel Raim greift in „THE OZU DIARIES“ auf eine Vielzahl an Quellen zurück, Tagebücher, Notizbücher, Briefe, Fotografien, Interviews, Privatfilme und vieles mehr. Wir begegnen Filmemachern wie Wim Wenders, Kiyoshi Kurosawa, Tsai Ming-liang und Luc Dardenne und wir entdecken, wie persönliche Verluste und Kriegstraumata in seine filmischen Meisterwerke eingeflossen sind.
Der Film beginnt in „Mugeiso“, Ozus Berghäuschen in Tateshina, wir begegnen Mitsuyoshi Fujimori, ich weiß nicht ob „Hausmeister“ das richtige Wort ist. Tateshina ist in der Präfektur Nagano, 180 Kilometer nordwestlich von Tokio. Man kann da übrigens übernachten oder Essen gehen: https://www.tateshina-shinyu.com/en/mugeisou/ – ab 250€ die Nacht ungefähr, als Frühlingsmenü gibt es zum Beispiel:
zartes Shinshu-Rinderconfit mit Wasabi-Grün,
Chino-Miso-Käse mit Erdbeeren
und Prosciutto, Shinshu-Lachs mit Pestwurzsprossen, japanisches Tatar mit Shinshu-Miso,
Yamswurzelmousse und Spargelterrine, zweifarbig
geschmorte Flussgarnelen
Hirsch-Miso-Crumble, gegrillte Bambussprossen
mit Kogomi und Walnusssalat sowie
Shinano-Schneeforellen-Carpaccio.
Entschuldigung, ich bin abgelenkt. Das sieht aber auch lecker aus. Es existieren jedenfalls alte Aufnahmen von Ozu in diesem Häuschen. Und dann sehen wir sie, die „Ozu Diaries“, Dutzende kleine ledereingebunden Tagebüchlein, eher eigentlich Notizbüchlein in so Taschenkalendergröße, sichtlich dafür gemacht, sie jederzeit mit sich zu tragen, am besten auch sommers in der Hosentasche. Die meisten schwarz, ein paar weinrot, ein paar gelb. Und jetzt erzählt Kiyoshi Kurosawa, der Filmregisseur (mit Akira Kurosawa ist er übrigens nicht verwandt. von seinen ersten Begegnungen mit dem Werk Ozus, damals lebte Ozu schon nicht mehr. Kurz zu Kiyoshi Kurosawa, er ist vor allem für seine innovativen Thriller und Horrorfilme bekannt, „Cure“, „Tokyo Sonata“ etc. Aus beinahe enzyklopädischem Antrieb wollte Kurosawa möglichst alle Ozu-Filme sehen – auch wenn sie alt waren. Geradezu schockiert sei er gewesen, als er „Herbstnachmittag“, Ozus letzten Film sah. Es fühlte sich so real an, aber irgendwas sei unter der Oberfläche verborgen. Und wir sehen, kleiner Einschub, gleich schon einmal einen erfreulich langen Ausschnitt aus „Herbstnachmittag“. Er meint, in seinen Filmen das Geheimnis des Kinos entdecken zu können.
Und so hören wir einem Ozu-Kenner nach dem anderen zu, Ton Satomi, dem Autor zum Beispiel, der der Persönlichkeit Ozus auf die Spur geht. Wir folgen seiner Biografie anhand eines Essays, das Ozu selbst geschrieben hat. Sein Vater soll ihn für einen Idioten gehalten haben, seine Mutter zog ihn liebevoll auf. Raffiniert unterlegt Daniel Raim die Off-Erzählungen über Ozu mit passenden Ausschnitten aus seinen Filmen. Wir begegnen Kogo Noda, dem Drehbuchautoren einiger seiner Filme. Und dann wiederum folgen wir seinen Tagebucheinträgen und wir sehen zu, wie er dem verbotenen Laster des Filmeschauens verfällt, Douglas Fairbanks, Mildred Harris etc. „Das Kino ist wirklich magisch“, notiert der 17-jährige. Wir befinden uns noch in der Stummfilmzeit. Und in der Zeit entstand auch der Entschluss, Filmregisseur zu werden. Bald war er Kameraassistent. In Lubitschs Filmen sieht er eine Revolution des Films. Er war zu der Zeit der große Meister für ihn. Und dann, 1927, fragt ihn sein Studiochef, ob er seinen ersten Film drehen möchte. Das möchte er und so entsteht „Das Schwert der Reue“ (Zange no yaiba). In seinen frühen Filmen, erzählt Kurosawa, spürt man noch seinen Spielwillen, seine Energie. „Tage der Jugend“ (Wakaki hi) schließlich, aus dem Jahr 1929, immerhin schon sein neunter Film, ist der erste Film, der heut noch existiert, es ist eine College-Komödie mit Ski- und Wintersportgags.
Harold Lloyd gehört dann zu seinen nächsten Vorbildern. Und so entwickelt und ändert sich sein Stil von Film zu Film, mit wechselnden Vorbildern. Und wir begleiten Ozu mit einer akribischen Detailliebe, mit wundervoll langen Filmausschnitten, die einem Lust machen, Ozus Filme zu sehen oder wiederzusehen – was übrigens zumindest für ein Teil seines Werkes möglich ist. Es gibt auch einige Filme auf DVD und BluRay, in der Amerika Gedenkbibliothek in Berlin kam man auch die ausführliche „Ozu Yasujiro: 100th anniversary collection“ auf DVD ausleihen.
„Die größte Herausforderung bestand darin, mich mit Ozus Kriegserlebnissen auseinanderzusetzen“, erzählt Daniel Raim. „Seine Tagebücher aus jener Zeit sowie Interviews aus der Nachkriegszeit offenbaren einen Bruch – einen tiefgreifenden Verlust. Masasumi Tanaka schrieb dazu: ‚Ozu hat den Krieg überlebt. Doch wir können nicht leugnen, dass seine Menschlichkeit in einer Krise steckte.‘ Und doch schuf er in den darauffolgenden Jahrzehnten einige der zärtlichsten, humorvollsten, formal verspieltesten und emotional tiefgreifendsten Filme der Kinogeschichte. Dieser Dokumentarfilm wird größtenteils mit Ozus eigenen Worten erzählt. Er ist der Versuch, ihm über die Grenzen der Zeit hinweg gegenüberzusitzen – um seinen Schmerz, seine Freude, seine Widersprüche und seine einzigartige Sicht auf die Welt zu verstehen.“
Daniel Raim gelingt eine grandiose Ozu-Doku, die alle Facetten und alle Perioden des Werks des Filmregisseurs abdeckt, das beeindruckt und überzeugt zutiefst – und natürlich sollte man sich diese im Kino anschauen.
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