THE OZU DIARIES beim NIPPON CONNECTION Filmfestival

© 2025 Adama Films

Yasu­jiro Ozu. Unter Cineas­t­en ist der japanis­che Filmemach­er beina­he so etwas wie ein Mythos. Zumin­d­est heute. Jenes Buch, das mir in meinen jün­geren Jahren am meis­ten geholfen hat, die wichtig­sten Filmemach­er und Filmemacherin­nen der Filmgeschichte näherzubrin­gen, näm­lich „Reclam Film­führer” in der Aus­gabe des Jahres 1991, schrieb über Ozu: „Er wurde bald bekan­nt und galt im eige­nen Land bis zu seinem Tod als ein­er der führen­den japanis­chen Film­regis­seure. Im Aus­land ent­deck­te man ihn erst spät. So kam von den 53 Spielfil­men Ozus zum Beispiel in der Bun­desre­pub­lik nur ein einziger in die Kinos (und der wurde noch gekürzt!)”.

Ozu ist im Jahr 1903 in Tokio geboren, zunächst war er Kam­era- und Regieas­sis­tent, dann aber auch bald Regis­seur. Chap­lin oder Keaton bee­in­flussten in früh, dann aber wandte Ozu sich ern­sten The­men zu. Es ging ihm um Fam­i­lie, All­t­ag, Tra­di­tio­nen und deren Auflö­sung. Ozu erzählte reduziert, leise, unspek­takulär, mit sta­tis­ch­er Kam­era und lan­gen Ein­stel­lun­gen. Die Filme, die der Reclam Film­führer lis­tet sind „Tokyo mono­gatari” (Die Reise nach Tokio, 1953), „Uki­gusa” (Abschied in der Däm­merung, 1959), „Akibiy­ori” (Spätherb­st, 1960) und „Kohaya­gawa-ke no aki” (Der Herb­st der Fam­i­lie Kohaya­gawa, 1961). Die meis­ten davon habe ich damals während meines Ger­man­is­tik­studi­ums in Freiburg aus den VHS-Bestän­den der Unibib­lio­thek gesichtet. Zumin­d­est „Die Reise nach Tokio” lief damals sich­er auch mal im aka Uniki­no oder im Kom­mu­nalen Kino. Mit­tler­weile gab es längst umfan­gre­iche Ret­ro­spek­tiv­en, etwa im Arse­nal in Berlin, durch das Har­vard Fil­marchiv oder in Chica­go.

In einem mein­er Lieblings-Film­büch­er mein­er früheren Cineas­t­en­jahre, James Mona­cos „Film ver­ste­hen”, beschreibt Mona­co Ozus visuellen Stil: „Der Stil des japanis­chen Filmemach­ers Yasu­jiro Ozu ist bekan­nt für seine ständig niedrige Kam­era-Posi­tion, aber Ozu ver­sucht nicht wirk­lich, die Grund­kom­po­si­tion des Bildes zu verz­er­ren: Er filmt nur aus der Augen­höhe eines japanis­chen Betra­chters, der auf sein­er Tata­mi-Mat­te sitzt. ‚Augen­höhe’ hängt natür­lich vom Auge des Betra­chters ab.”

Und dann muss man natür­lich noch eine Sache erwäh­nen: Der Bezug von Wim Wen­ders zu Yasu­jiro Ozu, man sehe sich Wen­ders’ Film „Tokyo-Ga” aus dem Jahr 1985 an. Den gibt es derzeit auf diversen ein­schlägi­gen Stream­ing-Plat­tfor­men zu sehen. Kurzum es ist ein filmis­ches Tage­buch von Wen­ders, der sich auf eine Reise nach Japan und die Such nach Ozu beg­ibt.

Daniel Raim ist der Regis­seur des Films, er ist kein Unbekan­nter, ein­er sein­er ersten Filme, mit dem er bekan­nt wurde, war The Man on Lincoln’s Nose, für den Raim eine Oscarno­minierung erhielt , es war eine Doku über den Szenen­bild­ner Robert F. Boyle, der unter anderem viel für Hitch­cock gear­beit­et hat, Die Vögel, Der unsicht­bare Dritte, Marnie. Der Film Something’s Gonna Live ist eine Hom­mage an die Szenen­bild­ner und Kam­eraleute des klas­sis­chen Hol­ly­wood. Aus dem Jahr 2015 stammt Harold and Lil­lian: A Hol­ly­wood Love Sto­ry, der in Cannes lief. The Ozu Diaries lief in Venedig.

„Ozus Filme erschlossen sich mir anfangs nicht auf Anhieb”, erzählt Daniel Raim. „Doch seine poet­is­chen Porträts des Fam­i­lien­lebens und der Ein­samkeit ließen mich nicht mehr los. Der Herb­st der Fam­i­lie Kohaya­gawa wurde zum Schlüs­sel­w­erk – nicht durch Hand­lung oder Dra­matik, son­dern durch seine bloße Präsenz. (…) Im Jahr 2017, während der Arbeit an einem Kurz­film für die Cri­te­ri­on Col­lec­tion mit dem Titel In Search of Ozu, spürte ich, dass eine tief­ere Geschichte darauf wartete, erzählt zu wer­den: die Geschichte des Men­schen hin­ter den Fil­men.”

Daniel Raim greift in „THE OZU DIARIES” auf eine Vielzahl an Quellen zurück, Tage­büch­er, Notizbüch­er, Briefe, Fotografien, Inter­views, Pri­vat­filme und vieles mehr. Wir begeg­nen Filmemach­ern wie Wim Wen­ders, Kiyoshi Kuro­sawa, Tsai Ming-liang und Luc Dar­d­enne und wir ent­deck­en, wie per­sön­liche Ver­luste und Kriegstrau­ma­ta in seine filmis­chen Meis­ter­w­erke einge­flossen sind.

Der Film begin­nt in „Mugeiso”, Ozus Berghäuschen in Tateshi­na, wir begeg­nen Mit­suyoshi Fuji­mori, ich weiß nicht ob „Haus­meis­ter” das richtige Wort ist. Tateshi­na ist in der Präfek­tur Nagano, 180 Kilo­me­ter nord­west­lich von Tokio. Man kann da übri­gens über­nacht­en oder Essen gehen: https://www.tateshina-shinyu.com/en/mugeisou/ – ab 250€ die Nacht unge­fähr, als Früh­lings­menü gibt es zum Beispiel:

zartes Shin­shu-Rinder­con­fit mit Wasabi-Grün,
Chi­no-Miso-Käse mit Erd­beeren
und Pro­sciut­to, Shin­shu-Lachs mit Pest­wurzsprossen, japanis­ches Tatar mit Shin­shu-Miso,
Yam­swurzel­mousse und Spargel­ter­rine, zwei­far­big
geschmorte Flussgar­ne­len
Hirsch-Miso-Crum­ble, gegrillte Bam­bussprossen
mit Kogo­mi und Wal­nuss­salat sowie
Shi­nano-Schneeforellen-Carpac­cio.

Entschuldigung, ich bin abge­lenkt. Das sieht aber auch leck­er aus. Es existieren jeden­falls alte Auf­nah­men von Ozu in diesem Häuschen. Und dann sehen wir sie, die „Ozu Diaries”, Dutzende kleine led­ereinge­bun­den Tage­büch­lein, eher eigentlich Notizbüch­lein in so Taschenkalen­der­größe, sichtlich dafür gemacht, sie jed­erzeit mit sich zu tra­gen, am besten auch som­mers in der Hosen­tasche. Die meis­ten schwarz, ein paar wein­rot, ein paar gelb. Und jet­zt erzählt Kiyoshi Kuro­sawa, der Film­regis­seur (mit Aki­ra Kuro­sawa ist er übri­gens nicht ver­wandt. von seinen ersten Begeg­nun­gen mit dem Werk Ozus, damals lebte Ozu schon nicht mehr. Kurz zu Kiyoshi Kuro­sawa, er ist vor allem für seine inno­v­a­tiv­en Thriller und Hor­ror­filme bekan­nt, „Cure”, „Tokyo Sonata” etc. Aus beina­he enzyk­lopädis­chem Antrieb wollte Kuro­sawa möglichst alle Ozu-Filme sehen – auch wenn sie alt waren. Ger­adezu schock­iert sei er gewe­sen, als er „Herb­st­nach­mit­tag”, Ozus let­zten Film sah. Es fühlte sich so real an, aber irgend­was sei unter der Ober­fläche ver­bor­gen. Und wir sehen, klein­er Ein­schub, gle­ich schon ein­mal einen erfreulich lan­gen Auss­chnitt aus „Herb­st­nach­mit­tag”. Er meint, in seinen Fil­men das Geheim­nis des Kinos ent­deck­en zu kön­nen.

Und so hören wir einem Ozu-Ken­ner nach dem anderen zu, Ton Sato­mi, dem Autor zum Beispiel, der der Per­sön­lichkeit Ozus auf die Spur geht. Wir fol­gen sein­er Biografie anhand eines Essays, das Ozu selb­st geschrieben hat. Sein Vater soll ihn für einen Idioten gehal­ten haben, seine Mut­ter zog ihn liebevoll auf. Raf­finiert unter­legt Daniel Raim die Off-Erzäh­lun­gen über Ozu mit passenden Auss­chnit­ten aus seinen Fil­men. Wir begeg­nen Kogo Noda, dem Drehbuchau­toren einiger sein­er Filme. Und dann wiederum fol­gen wir seinen Tage­buchein­trä­gen und wir sehen zu, wie er dem ver­bote­nen Laster des Filmeschauens ver­fällt, Dou­glas Fair­banks, Mil­dred Har­ris etc. „Das Kino ist wirk­lich magisch”, notiert der 17-jährige. Wir befind­en uns noch in der Stumm­filmzeit. Und in der Zeit ent­stand auch der Entschluss, Film­regis­seur zu wer­den. Bald war er Kam­er­aas­sis­tent. In Lubitschs Fil­men sieht er eine Rev­o­lu­tion des Films. Er war zu der Zeit der große Meis­ter für ihn. Und dann, 1927, fragt ihn sein Stu­diochef, ob er seinen ersten Film drehen möchte. Das möchte er und so entste­ht „Das Schw­ert der Reue” (Zange no yai­ba). In seinen frühen Fil­men, erzählt Kuro­sawa, spürt man noch seinen Spiel­willen, seine Energie. „Tage der Jugend” (Waka­ki hi) schließlich, aus dem Jahr 1929, immer­hin schon sein neunter Film, ist der erste Film, der heut noch existiert, es ist eine Col­lege-Komödie mit Ski- und Win­ter­sport­gags.

Harold Lloyd gehört dann zu seinen näch­sten Vor­bildern. Und so entwick­elt und ändert sich sein Stil von Film zu Film, mit wech­sel­nden Vor­bildern. Und wir begleit­en Ozu mit ein­er akribis­chen Detail­liebe, mit wun­der­voll lan­gen Fil­mauss­chnit­ten, die einem Lust machen, Ozus Filme zu sehen oder wiederzuse­hen – was übri­gens zumin­d­est für ein Teil seines Werkes möglich ist. Es gibt auch einige Filme auf DVD und Blu­Ray, in der Ameri­ka Gedenkbib­lio­thek in Berlin kam man auch die aus­führliche „Ozu Yasu­jiro: 100th anniver­sary col­lec­tion” auf DVD auslei­hen.

„Die größte Her­aus­forderung bestand darin, mich mit Ozus Kriegser­leb­nis­sen auseinan­derzuset­zen”, erzählt Daniel Raim. „Seine Tage­büch­er aus jen­er Zeit sowie Inter­views aus der Nachkriegszeit offen­baren einen Bruch – einen tief­greifend­en Ver­lust. Masasu­mi Tana­ka schrieb dazu: ‚Ozu hat den Krieg über­lebt. Doch wir kön­nen nicht leug­nen, dass seine Men­schlichkeit in ein­er Krise steck­te.’ Und doch schuf er in den darauf­fol­gen­den Jahrzehn­ten einige der zärtlich­sten, humor­voll­sten, for­mal ver­spiel­testen und emo­tion­al tief­greifend­sten Filme der Kino­geschichte. Dieser Doku­men­tarfilm wird größ­ten­teils mit Ozus eige­nen Worten erzählt. Er ist der Ver­such, ihm über die Gren­zen der Zeit hin­weg gegenüberzusitzen – um seinen Schmerz, seine Freude, seine Wider­sprüche und seine einzi­gar­tige Sicht auf die Welt zu ver­ste­hen.”

Daniel Raim gelingt eine grandiose Ozu-Doku, die alle Facetten und alle Peri­o­den des Werks des Film­regis­seurs abdeckt, das beein­druckt und überzeugt zutief­st – und natür­lich sollte man sich diese im Kino anschauen.

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