Dylan Southerns Spielfilmdebüt, die Literaturverfilmung „Das Ding mit Federn” läuft ab dem 15.10.2026 im Kino.

Regie: Dylan Southern
Plaion Pictures
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„Das Ding mit Federn” heißt Dylan Southerns Regiedebüt, im englischen Original „The Thing with Feathers”. Es ist die Verfilmung des Romans „Trauer ist das Ding mit Federn”, der Debütroman von Max Porter, im Original „Grief is the Thing With Feathers”. Ah, Trauer ist also das Ding mit Federn. Vielleicht ist ja das Wort „Trauer” so etwas wie Kassengift, so dass man es lieber im Filmtitel wegließ. Vielleicht auch ein kleines bisschen absurd, wo es ja offenbar ganz schön viel um Trauer gehen wird, in diesem Film. Interessant übrigens, a propos Trauer in Filmtiteln, dass ausgerechnet einer der berühmtesten Filme mit dem Wort „Trauer” im Titel, „Wenn die Gondeln Trauer tragen” von Nicholas Roeg, im englischsprachigen Titel das Wort „Trauer” gar nicht in sich trägt: „Don’t Look Now” heißt der nämlich.
Wie so oft habe ich es auch dieses Mal nicht geschafft, bei einer Literaturverfilmung die Vorlage zu lesen, immerhin erfahre ich schon einmal folgendes über den Inhalt: Nach dem Tod einer jungen Frau steht plötzlich vor der trauernden Familie eine überlebensgroße Krähe. Ich bin darauf gleich sehr gespannt, wie das umgesetzt werden wird – ist da auch Komisches verborgen?
Irgendwie bin ich zunächst mal erstaunt, wie oft Vögel im Kinojahr 2026 bisher schon eine Rolle spielten: „H wie Habicht” von Philippa Lowthorpe. Oder aktuell gerade die Doku „Watching People Watching Birds” von Ulrike Franke, Michael Loeken. Oder die wunderbare kleien Doku „Saving Spoonie” von Tim Harms.
Womit wir dabei angelangt sind, dass Krähen – und überhaupt Rabenvögel zu meinen absoluten Lieblingstieren gehören, und zwar insbsondere wegen ihres Soziallebens und ihrer Intelligenz. Es gibt schließlich Rabenvogelarten, die Werkzeuge herstellen können, Stocherwerkzeuge, mit denen sie Maden aus Löchern angeln, Spezialwerkzeuge, die an verschiedene Löchergrößen angepasst sind.
Eins meiner Lieblingssachbücher zum Thema ist Bernd Heinrichs „Die Weisheit der Raben”: „Beim Raben – wie beim Menschen und vielleicht im Unterschied zu den meisten anderen Vögeln – ist die Lösung jedes Problems des Lebens nicht im Voraus angelegt, sonst hätten sie sich wahrscheinlich nicht den Ruf erworben, hochintelligent zu sein”. Und da gibt es noch das so wunderbare Buch „Krähen” von Cord Riechelmann: „Es waren hastig, wie atemlos aufeinanderfolgende kurze hohe ‚arr arr’-Rufe, die in einem mehrstimmigen Chor über den Bäumen an der Kindertagesstätte am Victoria-Park in der Methfesselstraße im Berliner Stadtteil Kreuzberg erschallten.” Und jetzt noch ein Zitat aus dem von mir am häufigsten verwendeten und daher schon ganz schön abgegriffenen Vogelbuch, nämlich „Der neue Kosmos Vogelführer” von Lars Svensson und anderen, und zwar ein Zitat über die Nebelkrähe: „fliegt recht lässig und locker, Flügelbewegungen etwas zögerlich (im Unterschied zu tieferen, energischeren Flügelschlägen der Dohle); fliegt oft in größerer Höhe, Truppformation meist locker.” Genau derzeit lassen sich übrigens die Nebelkrähen auf dem Tempelhofer Feld bei einem illustren Schauspiel beobachten: Derzeit ist der Walnussbaum im östlichen Teil des Feldes erntebereit und die Vögel holen sich die Nüsse, lassen sie auf die Landebahn fallen und ernten, meist nach etlichen Versuchen, endlich die leckere Nuss. Manchmal unterstütze ich eine verdutzte Krähe dabei, indem ich auf die heruntergefallene, aber nicht zerbrochene Nussschale trete und ihr damit den Zugang zur Nuss ermögliche. Soviel aber zum Ornithologischen, jetzt endlich zum Fiktionalen.
Mit Bleistiftskizzen von Krähen beginnt der Film. Der Vorspann. Dann Schwarzbild. Kirchenläuten, Vogelgeflatter, wir sehen kurz Federn von Krähenflügeln im Bild, Krähengeschrei. Die trauernde Familie, der Vater, gespielt von Benedict Cumberbatch, die beiden Jungs. Liebevoll kümmert er sich um die beiden, bringt sie ins Bett. „Eure Mama war unglaublich, Jungs”, sagt er zu ihnen. „Lasst uns das nie vergessen.” Das Haus ist im Halbdunkel, als die Kinder schlafen, brechen die Tränen aus ihm heraus. Und dann hören wir Flattern und das Kratzen von Krähenkrallen. Schnitt.
Aber zur Trauer kommt sofort das Leben als alleinerziehender Vater hinzu, es überfordert ihn noch, die Mutter scheint den Alltag weitgehend alleine organisiert zu haben. Ach ja, kein Milch mehr. Nur noch die übrige Sojamilch von seiner Frau, die schmeckt aber nach Furz, sagt der eine Sohn. Trotz Trauer müssen die Kinder schließlich Frühstücken. Und heute gehen die beiden das erste Mal nach ihrem Tod wieder in die Schule. Hektik. Und wieder hören wir eine Krähe, und sehen sie im Hintergrund auf dem Fensterbrett landen.
Komplett überfordert vom Alltag ist der Vater, noch nicht einmal die Küche bekommt er aufgeräumt, und beruflich kommt er auch kaum zu Rande, der Illustrator, der gerade vor allem Krähen zeichnet. Gut, dass ein Freund vorbeikommt und sich um ihn kümmert. Ihm anbietet, zu reden. Ihm anbietet, die Kinder von der Schule abzuholen. Aber nein, alles müsse so normal wie möglich bleiben. Und so holt er sie ab, und beinahe taucht da schon wieder so etwas wie Alltag auf, wenn die Kinder so aus der Schule erzählen – wäre da nicht irgendeine Mutter, die ihm ihr Beileid und ihr Verständnis aufdrängt, sofort ist er wieder zurück, bei der Trauer. Fast schon nervig, übergriffig von der Frau.
Und wie die stetigen Erinnerung an seine sterbende Frau, verschwindet auch die immer wieder erscheinende Krähe nicht, aus seiner Wahrnehmung, aus seinen Träumen, aus seinen Alpträumen. Auch die Alpträume seiner Kinder werden schlimmer. Und in diesen Träumen taucht der Krähenmann auf. Und dann ist es soweit: Sie taucht auf, die menschengroße Krähe. Wirklich? Oder ist die die im Trauma sich offenbarende Verkörperung der Trauer?
„Wie nimmt man einen stilistisch innovativen Roman über Trauer, die aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird (eine davon ist die einer Krähe!), ein Buch, das abwechselnd herzzerreißend, furchterregend, auf düstere Weise komisch und zutiefst bewegend ist – wie nimmt man dieses Buch und adaptiert es für das Kino, sodass es auch Filmfans fesselt und bewegt, die die Literaturvorlage vielleicht gar nicht kennen?” fragt der Regisseur Dylan Southern. „Bei dieser Adaption war es mein Ziel und meine Priorität, eine filmische Sprache zu finden, die hoffentlich dem nahekommt, was Max auf dem Papier erreicht hat. Ich wollte mich zunächst auf das Genre und den Schrecken der Trauer konzentrieren (der Film bewegt sich ja von vornherein sehr stark in diesem Bereich) und dann den Blick auf etwas Einzigartiges erweitern, das sich von allen anderen Filmen unterscheidet. Ich konnte die Struktur zwar nicht auf genau dieselbe Weise einsetzen wie in einem literarischen Werk, aber ich wusste, dass ich auf eine ähnliche Weise mit ihr spielen wollte, die die zeitlichen Aspekte der Trauer widerspiegelte. Ich wollte untersuchen, wie sich Zeit ausdehnen kann, und die Wendepunkte beleuchten, die ein Verlust zwischen Erinnerung und Gegenwart schafft; ich wollte eher die Zeit der Trauer als die Echtzeit überbrücken.”
Dylan Southern entstammt eigentlich dem Dokumentarfilm. NO DISTANCE LEFT TO RUN (2010) war für einen Grammy nominiert, der Film begleitet die Band Blur; SHUT UP AND PLAY THE HITS aus dem Jahr 2012, ebenfalls eine Musikdoku, lief in Sundance; MEET ME IN THE BATHROOM (2022), der auf Lizzy Goodmans Buch über die New Yorker Musikszene der frühen 2000er Jahre beruht, war ebenfalls in Sundance zu sehen. Eigentlich erstaunlich also, wie er es nun mit einer Literaturverfilmung zum Spielfilm schaffte.
Dylans Southerns Beschreibung des Buchs als „abwechselnd herzzerreißend, furchterregend, auf düstere Weise komisch und zutiefst bewegend” trifft durchaus auch auf den Film zu, in der Tat berührt das einen sehr und die schrille Krähenfigur hat durchaus auch eine erleichternde Komik bisweilen. Ich finde, dass der Film es auch durchaus schafft, sich von den Eigenheiten der Gattung Literatur zu entfernen und einen eigenständigen Film zu schaffen, der einen immer wieder berührt. Benedict Cumberbatch spielt seine Rolle auch in der Tag großartig und voller Schmerz, Wut und Trauer. Wir begleiten ihn durch die Phasen dieser Trauer. Und so will ich dem Regisseur auch recht geben, wenn er sagt: „Es war keine naheliegende (oder leicht zu adaptierende) Buchvorlage, daher bin ich unglaublich stolz auf den Film, den wir gemeinsam gedreht haben. Dieser Film durchläuft verschiedene Emotionen: Er ist beängstigend, gewalttätig, zärtlich, albern, kann herzzerreißend sein, aber letztendlich strahlt er Hoffnung aus. Für mich gelingt es dem Film, obwohl er in seiner Grundhaltung unverkennbar britisch ist, etwas Ehrliches über die Kraft der Liebe angesichts der Verwüstung durch den Verlust auszudrücken.” Auch wenn, wie ich finde, die Handlung das eine oder andere Mal arg auf der Stelle tritt, ist es eine gelungene Literaturverfilmung.