FILM:SCHWEIZ – ein kleines Schweiz-Filmfestival in Berlin

DÄLLEBACH KARI. Von Kurt Früh.

Bere­its zum vierten Mal find­et seit dem 14. bis zum 21. Sep­tem­ber in Berlin ein schönes, kleines Film­fes­ti­val statt, FILM:SCHWEIZ, eine kleine Film­schau des aktuellen Schweiz­er Films, inklu­sive klein­er Ret­ro­spek­tive. Alle Filme laufen in den Eva Licht­spie­len in der Blisses­traße in Wilmers­dorf.

Hier das Pro­gramm im Überblick:

Mittwoch, den 14. Sep­tem­ber 2022 20:00 Uhr – Eröff­nungs­film MOSKAU EINFACH von Micha Lewin­sky, 2020, 99‘; Vor­film: PHLEGM von Jan-David Bolt, 2021, 6′

Don­ner­stag, den 15. Sep­tem­ber 2022 20:00 Uhr DÄLLEBACH KARI von Kurt Früh, 1970, 109‘

Fre­itag, den 16. Sep­tem­ber 2022 20:00 Uhr WER HAT DIE KONFITÜRE GEKLAUT? von Cyril Ober­holz­er, Lara Stoll, 2021, 91‘; Vor­film: MORGAN von Alexan­der Kohn, 2019, 5′

Sam­stag, den 17. Sep­tem­ber 2022 20:00 Uhr DAS FRÄULEIN von Andrea Šta­ka, 2006, 81‘; Vor­film:

Son­ntag, den 18. Sep­tem­ber 2022 18:00 Uhr – Doku­men­tarisches Trio
VIERZEHN BILDER von Erich Bus­slinger, 20152019, 14′
HR GIGER’S SANCTUARY von Nick Bran­des­ti­ni, Steve Elling­ton, 2007, 19′
SWISS ELVIS von Olmo Cer­ri, 2018, 50‘
20:00 Uhr SAMI, JOE UND ICH von Karin Heber­lein, 2020, 94‘; Vor­film: LA REINE DES RENARDS von Mari­na Ros­set, 2022, 9′, Ani­ma­tion

Mon­tag, den 19. Sep­tem­ber 2022 18:00 Uhr WER HAT DIE KONFITÜRE GEKLAUT? von Cyril

Dien­stag, den 20. Sep­tem­ber 2022 18:00 Uhr SAMI, JOE UND ICH von Karin Heber­lein, 2020, 94‘; Vor­film: TUFFO von Jean-Guil­laum Son­nier, 2021, 30′

Mittwoch, den 21. Sep­tem­ber 2022 18:00 Uhr MOSKAU EINFACH von Micha Lewin­sky, 2020, 99‘; Vor­film: PHLEGM von Jan-David Bolt, 2021, 6′

Fes­ti­val des Schweiz­er Films


Das Fes­ti­val eröffnete also am 14. Sep­tem­ber 2022 mit Micha Lewin­skys Film MOSKAU EINFACH (Vor­film: PHLEGM von Jan-David Bolt). Der zweite Fes­ti­val­t­ag wird von einem Klas­sik­er des Schweiz­er Kinos bes­timmt: Kurt Frühs DÄLLEBACH KARI aus dem Jahr 1970. Ich hat­te den Film vielle­icht Anfang der 90er schon ein­mal gese­hen, möglicher­weise irgend­wann im Schweiz­er Fernse­hen. Höch­ste Zeit also für mich, ihn anlässlich des FILM:SCHWEIZ-Fes­ti­vals noch ein­mal wiederzuse­hen. Vielle­icht kurz zum Regis­seur, Kurt Früh: Er wurde 1915 in St. Gallen geboren, in eine recht kul­tur­na­he Fam­i­lie hinein, zog dann mit sein­er Fam­i­lie nach Zürich und geri­et via The­ater und Kabarett in die Filmwelt, irgend­wann durfte er sog­ar mit Heinz Rüh­mann drehen (DER MANN, DER NICHT NEIN SAGEN KONNTE), aber sein DÄLLEBACH KARI mit dem leg­endären Walo Lüönd (1927−2012) – bekan­nt unter anderem aus DIE SCHWEIZERMACHER an der Seite von Emil Stein­berg­er – in der titel­geben­den Haup­trol­le ist das Werk, für das er heute noch bekan­nt ist. Gestor­ben ist Früh in Boswil im Kan­ton Aar­gau im Jahr 1979.

Bern, 1931. Dälle­bach Kari war eine reale Schweiz­er Leg­ende: Karl Tel­len­bach. Der Fam­i­li­en­name wurde in der Schweiz, ich glaub das gibt’s heute noch, bisweilen dem Vor­na­men vor­angestellt, qua­si als Attrib­ut, das den entsprechen­den Kari näher bes­tim­men soll, eben den Dälle­bach Kari. Der lebte zu Beginn des 20. Jahrhun­dert in der Haupt­stadt Bern und war Her­ren­friseur. Kari hat­te eine Lip­pen-Gau­menspalte – was früher Hasen­scharte hieß – nuschelte und näselte und wurde darüber gemobbt und zum Außen­seit­er. Zur Leg­ende wurde dieser Schweiz­er Außen­seit­er übri­gens spätestens, als der Schweiz­er Chansonnier/Liedermacher Mani Mat­ter ihm eine Bal­lade wid­mete, die erzählt, wie der Kari gemobbt wurde: „S’isch einisch eine gsy, dä het vo früech a drun­der glitte, dass ihn die andre geng usgla­chet hei, am Afang het er grän­net, het sech mit de andre gschtritte, s’nützt nüt, das isch ja nume, was sy wei.“

In Kurt Frühs Film macht sich eben selb­st ein Clochard irgend­wann über ihn lustig. Kari aber hat selb­st vor hohen, aufge­blase­nen Poli­tik­ern keine Angst, ihm sitzt er Schalk im Nack­en und er hat immer einen Spruch auf der Lippe. Er reißt Witze über alle, die ihm über den Weg laufen, trällert gern ein Lied­chen; wenn ihm ein Kunde blöd kommt, lässt er ihn auch mal sitzen. Kurt Früh zeich­net mit seinem Kari und den vie­len skur­rilen Neben­fig­uren ein wun­der­voll zärtlich charak­ter­isiertes Gesellschafts­bild der Stadt Bern der 30er. Doch das Lachen um all die Gestal­ten bleibt einem irgend­wann auch im Halse steck­en. Bei all sein­er Sprüchek­lopfer­ei verdeckt Kari näm­lich seine Ein­samkeit, sein Unglück über seine kör­per­liche Entstel­lung – und über die uner­füllte Jugend­liebe Annemarie, der er immer noch nach­hängt. Er säuft gern einen, dann wer­den seine Lied­chen, die er in der Nacht­bar zwis­chen­durch trällert, während die Berliner­in Top­sy auftritt, die eigentlich Nack­t­bilder von sich verkaufen will, umso mehr Anlass für Gelächter. Und so wan­delt sich die Geschichte des Dälle­bach Kari von Minute zu Minute von der Gesellschaft­skomödie zu ein­er berühren­den Tragödie. Diese Vielschichtigkeit und die überzeu­gen­den Charak­terze­ich­nun­gen, bis zur kle­in­sten Neben­fig­ur, machen Kurt Frühs Film zu einem Werk, das einem im Gedächt­nis bleibt – und zu einem Film, der in Deutsch­land viel zu wenig wahrgenom­men wurde. Natür­lich ist es ein herkömm­lich und etwas the­ater­haft erzählter Film, der es in sein­er Rezep­tion schw­er hat, gegen die Filme des „Neuen Schweiz­er Films“ jen­er Jahre wahrgenom­men zu wer­den – Filme von Regis­seuren wie Alain Tan­ner und Fre­di Mur­er. In Deutsch­land war der Film 1979 erst­mals zu sehen, im Fernse­hen im Bay­erischen Rund­funk. Eine Kinoauswer­tung erhielt der Film in Deutsch­land nicht. Den­noch macht ins­beson­dere die darstel­lerische Kraft und Zer­brech­lichkeit Walo Lüönds in der Haup­trol­le „DÄLLEBACH KARI“ zu einem sehenswerten Film.

http://filmschweiz.com/daellebach-kari/

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