RIMINI. Ulrich Seidls Film im Berlinale-Wettbewerb.

© Ulrich Sei­dl Film­pro­duk­tion. RIMINI. —

Richie Bra­vo ist die ver­mut­lich schrill­ste Fig­ur dieser Berli­nale 2022. Richie Bra­vo prägt sich ein, er wird in Erin­nerung bleiben. Richie ist ein abge­halftert­er Schlager­sänger, ein Udo Jür­gens für Arme. Dessen Hits gehören auch zu seinen Favoriten. Was für die Schlager­sternchen des 21. Jahrhun­derts Müller oder Ischgl war, ist für Richie Rim­i­ni gewe­sen. Rim­i­ni hat­te mal einen Klang für mit­teleu­ropäis­che Ital­ien­reisende, die mit ihren VW Käfern über die Alpen­pässe tuck­erten. Aber die Zeit­en sind vor­bei. Mit dem Schwinden von Rim­in­is Anse­hen schwand auch Richies Anse­hen. Heute ist Rim­i­ni ziem­lich herun­tergekom­men. Und es gibt nur eins, was noch trost­los­er ist als der Som­merurlaub­sort: Rim­i­ni im Win­ter. Rim­i­ni im Nebel. Wer ein­mal saisonale Urlaub­sorte außer­halb der Reisezeit gese­hen hat, habt wovon die Rede ist. Und in diesem Rim­i­ni befind­en wir uns.

Längst sind die Zeit­en vor­bei, in denen Richie mit seinen Stim­mungsliedern für volle Säle sorgte. Aber neben Pri­vatkonz­erten für bus­reisende Rent­ner hat Richie noch ein weit­eres Geschäftsmod­ell, das ihn halb­wegs über Wass­er hält: Er hat Sex mit alle­in­ste­hen­den älteren Frauen, die schon einst und noch immer seine Fans sind, und die ihn für seine Dien­ste bezahlen.

Doch eines Tages ändert sich sein Leben kom­plett: Seine erwach­sene Tochter Tes­sa ste­ht vor ihm, um die er sich nie geküm­mert hat. Nie hat er Geld gezahlt, nie hat er sich nach ihr erkundigt. Sie hat­te eine schwierige Kind­heit, und sie ist auch ein schwieriger Charak­ter.

Immer wieder besucht Richie auch seinen schw­er dezen­ten Vater in einem Pflege­heim in Öster­re­ich. Der irrt mit seinem Rol­la­tor durchs Heim, sagt nur noch „jaja“, wenn er ange­sprochen wird und singt gerne his­torisch belastete Lieder, die Richie dann ver­sucht mit irgendwelchen Liebess­chnulzen zu über­lagern. Aber den­noch kommt bei Richie dann etwas Für­sor­glich­es her­aus, etwas, was er sein­er Tochter gegenüber ja ver­mis­sen ließ.

Tes­sa fordert nun also Geld von ihrem Vater und der hat auch sofort ein schlecht­es Gewis­sen, weil er sich nie geküm­mert hat. Er will mit ihr reden, aber Geld hat er erst­mal keins. Tes­sa ver­sucht, ihn anson­sten von sich fernzuhal­ten und Richie ver­sucht Geld zu besor­gen…

Ulrich Sei­dl erzählt: „RIMINI han­delt von der Suche nach dem Glück und dem Ver­such die Ver­gan­gen­heit hin­ter sich zu lassen. Doch sie holt einen ein, das ist die bit­tere oder befreiende Wahrheit, der sich die Pro­tag­o­nis­ten am Ende stellen müssen. Es geht um die Sehn­sucht nach Liebe, sex­uellen Tauschhan­del und um die Ein­samkeit, die bleibt.“

RIMINI ist ein Film, der einem sehr im Gedächt­nis bleibt, und das hat viel mit der Haupt­fig­ur und dessen Darsteller Michael Thomas zu tun, dem Sei­dl diese Rolle auf den Leib geschrieben hat.

Dass ich den­noch ein Prob­lem mit dem Film habe, ist beina­he mehr mein Prob­lem als das des Films: Was ist dieses Werk schw­er­mütig und deprim­ierend. Und als einen filmis­chen Befreiungss­chlag nach der Coro­n­akrise hätte der Eskapist in mir lei­der min­destens ein opti­mistis­ches, vielle­icht komö­di­antis­ches Film­fest erträumt. RIMINI ist aber ein­er von vie­len Vertreter der Schw­er­mut auf dieser End-Coro­na-Berli­nale.

Regie: Ulrich Sei­dl
mit Michael Thomas, Tes­sa Göt­tlich­er, Hans-Michael Rehberg, Inge Maux, Clau­dia Mar­ti­ni
Öster­re­ich / Frankre­ich / Deutsch­land 2022

Bild: © Ulrich Sei­dl Film­pro­duk­tion

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