NAWALNY – Ein Dokumentarfilm von Daniel Roher

„If you are killed – what message do you leave behind?” wird Alexei Nawalny gefragt. Doch Nawalny lehnt eine Antwort auf die Frage des kanadischen Dokumentarfilmers Daniel Roher ab. Wenn er tot sei, könnte man ja immer noch einen langweiligen Erinnerungsfilm über ihn drehen.

Zur Erinnerung: Alexei Nawalny ist jener russische Oppositionspolitiker, der im August 2020 Opfer eines Giftanschlages wurde, dann in Deutschland behandelt wurde und schließlich im Januar 2021 doch nach Russland zurückkehrte, dort verhaftet wurde und seither im Straflager sitzt. Es kam zu landesweiten Protesten in Russland.

Nach ein paar Kurzdokumentationen drehte der aus Toronto stammende Filmemacher Daniel Roher 2019 den schließlich preisgekrönten Dokumentarfilm „Once Were Brothers: Robbie Robertson and the Band“ über die Rockgruppe The Band. Am 5. Mai 2022 kommt nun mit NAWALNY eine Dokumentation mit einem aktuellen politischen Thema in die deutschen Kinos.

Der Film setzt im winterlichen Deutschland des Jahres 2021 ein. Alexei Nawalny kündigt seine Rückkehr nach Russland für den 17. Januar an. Er besteigt ein Flugzeug nach Moskau…

Aber wer ist Nawalny? Wie wurde er zu der Person des öffentlichen Interesses, die er nun ist? Dazu blendet der Film drei Jahre zurück. Nawalny, von Hause aus Anwalt, hält im Wahlkampf eine Ansprache an seine Unterstützer: „Die Menschen an der Macht sind korrupte Diebe“, sagt er. „Wer ist Wladimir Putin? Ein Dieb!“ Nawalny ist zu diesem Zeitpunkt ein namhafter Oppositioneller in Russland. „Ich werde den Krieg beenden“, sagt er auf eine Frage aus dem Publikum, was er über die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und der Ukraine denkt. Kein Wunder, dass Putin ihn hasst, und zwar so sehr, dass er nie seinen Namen nennt, wenn er von ihm redet. Vor immer größeren Zuhörermengen spricht Nawalny über die Korruption des politischen Systems Russlands.

Es kam zu Anschlägen, Verhaftungen und Beschlagnahmungen, aber je bekannter Nawalny wurde, desto sicherer fühlte er sich als Person der Öffentlichkeit. Aber das sollte sich als Irrtum herausstellen. Nach Dreharbeiten in Nowosibirsk wird Nawalny vergiftet. Das Flugzeug nach Moskau, in dem er sich befindet landet noch in Sibirien, Nawalny wird ins Krankenhaus gebracht. Die Medien berichten weltweit, von Anfang an wird über einen Anschlag des Kremls spekuliert. In kritischem Zustand liegt er auf der Intensivstation, seine Frau hat Probleme, zu ihm durchgelassen zu werden. Schließlich darf sie ihn doch mitnehmen und mit einer deutschen Maschine wird er nach Berlin in die Charité gebracht. Schließlich stellt sich heraus, dass Nawalny mit Nowitschok, einem in der UdSSR entwickelten Nervengift vergiftet wurde – ein Indiz für die Verwicklung der russischen Regierung in die Tat.

Roher erörtert schließlich auch die Vorhaltungen gegen Nawalny, dass er in der Vergangenheit mit rechtsextremen nationalistischen Kräften zu tun hatte. Nawalny verteidigt sich im Interview, dass er sich in einem normalen demokratischen System nicht mit solcherlei Gruppierungen abgegeben hätte, aber dass er auf der Suche nach Koalitionen gegen den Kreml und in Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, auch diese Gruppen nicht ignorieren hätte können.

Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verbrachte er zunächst mit seiner Familie einige Zeit im Schwarzwald zur Erholung und gemeinsam mit seinem Team zur weiteren Recherche nach den Spuren derer, die verantwortlich sind für seine Vergiftung. Sie kommen einigen der potenziellen Täter auf die Spur. Nawalny beschließt – das stellt die zentrale und beeindruckendste Szene des Dokumentarfilms dar – unter Vorspiegelung einer falschen Identität bei einigen der möglicherweise in die Tat verwickelten Männer anzurufen. Er würde einen Bericht für höhere Stellen verfertigen, woran es denn läge, dass der Auftrag, Nawalny umzubringen, nicht funktioniert hätte. Zur Überraschung Nawalnys und seines Teams schildert einer der Männer daraufhin alle Details der Tat. Wie ein Lauffeuer geht die Nachricht um die Welt. Und dann kommt der Tag von Nawalnys Rückkehr nach Russland…

Daniel Rohers Film funktioniert in vielen Aspekten wie ein Thriller, in seinem Aufbau, seiner Figurenzeichnung, seiner Emotionalisierung, im Wechsel seiner Schauplätze. Insbesondere die vielleicht zehnminütige Szene der Entlarvung eines der Täter am Telefon ungefähr in der Mitte des Films gehört zum Beeindruckendsten, was ich in Dokumentarfilmen in den letzten Jahren gesehen habe. Wir sind 1:1 dabei, als der Mann sich unwissend um Kopf und Kragen redet, weil er glaubt er müsse Rechenschaft über das Scheitern der Tat abliefern. NAWALNY ist ein beeindruckender Polit-Dokuthriller, der durch den Überfall auf die Ukraine noch mehr ins Blickfeld gerückt ist und Einblicke in das System Putin gibt. Kurz gesagt: Der Thriller des Jahres ist ein Dokumentarfilm.

Seine Weltpremiere erlebte NAWALNY in Sundance 2022, als er sowohl den „Documentary Audience Award“ als auch den „Festival Favourite Award“ gewann. Beim Dok.Fest in München wird er als Eröffnungsfilm zu sehen sein.

„Es gibt eine richtige Seite in der Politik. Und ja, Filmemacher entscheiden sich für eine Seite. Weil Sie entweder auf der Seite von Moral und Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit und Demokratie stehen oder sie stehen auf der Seite einer mörderischen Diktatur, die jeden Tag Invasionen in souveräne Nationen beginnt und Kinder ermordet“, sagte Roher jüngst auf dem Dokumentarfilmfest in Kopenhagen. „Und wenn wir unsere Energie auf Hass oder Misstrauen gegenüber Russen richten, ist das unglaublich schädlich. Ich hoffe, dass in dieser unglaublichen Dunkelheit die Geschichte von Nawalny und seiner Figur ein Licht darstellen kann.“

Regie
Daniel Roher

Produktion
Odessa Rae
Diane Becker
Melanie Miller
Shane Boris

Editor
Langdon Page
Maya Daisy Hawke

Co-Editor
Eamonn O’Connor
Aleks Gezentsvey

Associate Editor
Edmund Stenson

Musik
Marius deVries

Kamera
Niki Waltl

Executive Producer
Amy Entelis
Courtney Sexton
Maria Pevchikh

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