Zur 18. Ausgabe des achtung berlin Filmfestivals

„Als Susan Sontag im Publikum saß“ (c) Studio RKP —

Vom 20. bis zum 27. April 2022 ist in acht Berliner Kinos die 18. Ausgabe des „achtung berlin“-Filmfestivals zu sehen, jenem Festival, das sich vornehmlich mit dem in Brandenburg oder Berlin gedrehten oder dort spielenden Film beschäftigt. Die aktuelle Ausgabe wird zehn Spielfilme, zehn Dokumentarfilme, zwölf mittellange, 16 Kurzfilme, sechs Filme in der Rubrik „Berlin Spotlights“ (Filme, wie das Festival formuliert, „die sich vom Mainstream deutlich abheben und formal durch eine eigene Handschrift auszeichnen, Mut beweisen und damit neue Perspektiven auf den deutschen Film eröffnen“) sowie in der Retrospektive 12 Filme der vor zehn Jahren verstorbenen Filmemacherin Petra Tschörtner.

Besonders interessant klingen für mich die folgenden 10 Spiel- und Dokumentarfilme:

SPIELFILME

JESSY
R Rebeca Ofek
Die 13-jährige Jessy kann sich kaum an die Zeit erinnern, als ihr Vater Miro noch Teil davon war. Die unerwartete Rückkehr Miros nach sieben Jahren Haft, in den geschützten Raum von Jessy und ihrer Mutter Lilja, bricht die symbiotische Beziehung der beiden auf und zwingt Jessy sich mit einem für sie Fremden auseinanderzusetzen…

RISSE IM FUNDAMENT
R Genia Leis, Gerald Sommerauer
Die junge, ehrgeizige Eva kam aus Deutschland nach Wien um dort Architektur zu studieren. Am Ende ihres Studiums beginnt sie ein Praktikum im Büro des einflussreichen Architekten Andreas Hummel. Sie observiert die Dynamiken zwischen den Architekt*innen und wird nach und nach ein Teil der subtilen Machtspiele. Mit der verstreichenden Zeit im Architekturbüro versteht sie, dass sie einem Bild entsprechen soll, welches sich ihre Umwelt von ihr macht: eine junge und verfügbare Frau zu sein.

SCHWERE L O S
R Alexej Hermann, Eike Weinreich
Maria (33) genießt ihr Leben in vollen Zügen: als Single in einer Großstadt stürzt sie sich von einem unverbindlichen Abenteuer ins nächste. Doch kaum merklich schleicht sich mit der Zeit eine Gewöhnung ein, die nach immer extremeren Erfahrungen ruft. Maria sieht sich plötzlich mit einer inneren Leere konfrontiert, gegen die ihr Hang zum Rausch und zum Feiern nichts ausrichten kann. Ihre engsten Freunde distanzieren sich von ihr – weil sie sich weigert Verantwortung zu übernehmen. Erst als ungewollte Konsequenzen sie zum Stillstehen zwingen, muss sich Maria ihrem Leben stellen.

STILLE POST
R Florian Hoffmann
Als der Berliner Grundschullehrer Khalil Kriegsbilder aus seiner kurdischen Heimatstadt Cizre zugespielt bekommt, glaubt er in den Videos seine tot geglaubte Schwester zu erkennen. Sein geordnetes Leben gerät aus den Fugen: er versucht um jeden Preis, seine Schwester in Sicherheit zu bringen und die Öffentlichkeit über den brutalen Krieg zu informieren. Als seine Existenz in Berlin am Abgrund steht, muss er sich fragen, wo er hingehört.

AXIOM
R Jöns Jönsson
Julius ist ein redegewandter junger Museumswärter, der sich allseits großer Beliebtheit erfreut. Eines Tages lädt er seine Kolleg*innen zu einem Segeltörn auf dem Boot seiner adeligen Familie ein. Die Stimmung kippt. Julius ist nicht der, der er zu sein vorgibt.

DOKUMENTARFILME

ALS SUSAN SONTAG IM PUBLIKUM SASS
R RP Kahl
50 Jahren ist es her, dass die berühmte Panel-Diskussion »A Dialogue on Women’s Liberation« in New Yorks Town Hall stattfand: Auf der Bühne streiten, lachen und performen Norman Mailer, Germaine Greer, Jill Johnston, Jacqueline Ceballos und Diana Trilling. Im Publikum Susan Sontag, Cynthia Ozick und Betty Friedan. Die intellektuelle Elite New Yorks. Hegedus und Pennebaker ikonisieren das Ereignis später mit ihrem Dokumentarfilm »Town Bloody Hall«. 50 Jahre später in Berlin – in einem Reenactment für die Theaterbühne kämpfen Saralisa Volm und RP Kahl als Germaine Greer und Norman Mailer gegen und miteinander und führen die Diskussion außerhalb ihrer Bühnenrollen gemeinsam mit Luise Helm, Heike-Melba-Fendel und Céline Yildirim weiter. Die Proben für das Reenactment verdichten sich zu einem tiefgründigen Schlagabtausch im Jetzt, dem Zeitalter von »Me Too«.

HEIMATKUNDE
R Christian Bäucker
Eine Schule im Dornröschenschlaf. „Wir wollten, dass es vorwärts geht, dass wir vorwärts kommen … Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit. Das waren unsere Erziehungsziele,“ so erinnert sich der Schuldirektor. Dem Film gelingt ein differenziertes Bild vom DDR-Schulsystem, das Erziehungsauftrag und Gesinnungsterror nebeneinander stehenlässt.

NASIM
R Ole Jacobs, Arne Büttner
Nasim ist 38 Jahre, stammt aus Afghanistan und kam im Februar 2020 als Geflüchtete aus dem Iran über die Türkei nach Griechenland. Moria, das größte Flüchtlingslager der EU, wurde zwangsweise zum Wohnort für Nasim. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Shamsullah, ihren beiden Söhnen und der erweiterten Familie, versucht Nasim das harte Leben im Camp zu überstehen. Ihre emotionslose Zwangsehe, in die sie im Alter von 13 Jahren gedrängt wurde, beginnt sie nun mehr und mehr in Frage zu stellen. Ihre Schwester versucht sie zu einem neuen, unabhängigen Leben zu motivieren, doch Nasims eigene Unsicherheiten und Ängste scheinen ihr im Weg zu stehen. Um in Europa bleiben zu dürfen, muss sie ihre Asyl-Anhörung gemeinsam mit ihrem Ehemann bestehen, dessen Vergangenheit sie kaum kennt.

ZWISCHENSAISON
R Tina Tripp
»Bleiben oder Gehen?« Diese Frage lässt Jugendliche in Ostvorpommern schwanken zwischen Aufbruch und Heimatverbundenheit, zwischen Pragmatismus und diffusen Sehnsüchten. Sie leben in einem Land, das zerfällt in einen touristischen Küstenstreifen mit Hochglanzfassade und ein verödendes, langsam ausblutendes Hinterland. ZWISCHENSAISON lässt vier Auszubildende als ProtagonistInnen auftreten, setzt sie in einer visuell inszenierten Form in Bezug zu ihren Lebensräumen und stellt die Frage: Wohin ins Leben aufbrechen an einem Ort, der gezeichnet ist von auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

LIEBE, D-MARK UND TOD
R Cem Kaya
Mit den Menschen brachte das Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 auch die Musik der Gastarbeiter*innen nach Deutschland. Cem Kayas dichter Dokumentarfilmessay ist eine Nachhilfestunde in türkisch-deutscher Zeitgeschichte: Fließbandjobs, Heimweh und Familiennachzug, der Basar im Berliner Hochbahnhof Bülowstraße, Xenophobie und Rassismus, die wehmütigen Lieder der frühen Jahre und der Hiphop der Nachwendezeit. Von all dem erzählen die Musiker*innen, beginnend mit Metin Türköz und Yüksel Özkasap über die psychedelischen Derdiyoklar bis zum Rapper Muhabbet, der in den Charts stand…

Alle Informationen zum Festival finden sich auf https://achtungberlin.de/

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