“A Madder Red” beim NIPPON CONNECTION FILMFESTIVAL in Frankfurt am Main

A Madder Red von Yuya Ishii. Nippon Connection Filmfestival.

茜色に焼かれる

Vor sieben Jahren starb Ryokos Ehemann bei einem Verkehrsunfall, der von einem hochrangigen Beamten, Herrn Arishima, verursacht wurde, der übermüdet das Brems- mit dem Gaspedal verwechselte und denn Fahrradfahrer überfuhr. Heute lebt Ryoko mit ihrem Sohn Junpei, 13, in einer halbwegs billigen Sozialwohnung. Sie arbeitet in einem Blumenladen und in einem Sexclub, dennoch hat sie ständig finanzielle Schwierigkeiten, unter anderem wegen des teuren Pflegeheims, in dem ihr Schwiegervater untergebracht ist. Die Familie des Beamten hat sich noch nicht für den Unfall entschuldigt, tut entsetzt, als sie plötzlich vor der Tür steht, kurz nachdem der alte Mann mit 92 gestorben ist. Ein letztes Mal wollte sie das Gesicht des Mannes sehen, der ihr Leben versaut hat. „Sie ist abnormal“, sagt der Sohn des alten Beamten und droht gleich mit Anwalt und Polizei, man fühlt das Ansehen des hochrangigen Beamten gefährdet, das habe der alte Vater nicht verdient. Mit läppischen 10.000 Yen sollte Ryoko damals abgespeist werden – aber sie hatte abgelehnt. Worte der Verzeihung wollte sie hören. Sie schluckt ihre Wut herunter und sagt ihrem Sohn mit einem Lächeln: „Lass uns das durchstehen.“ Junpei versteht alles nicht: warum der Mann nie verhaftet wurde, warum Ryoko nicht wütend ist, warum sie zur Beerdigung des Mannes wollte. Auch wenn man recht lebe, sagt sie, stürbe man trotzdem, würde verrückt, oder religiös.

A Madder Red von Yuya Ishii. Nippon Connection Filmfestival.

Derweil wird Junpei in der Schule gedisst. Weil er und seine Mutter möglicherweise von Sozialhilfe leben, weil eben der Vater tot ist, oder weil seine Mutter als Prostituierte arbeiten würde. Über den Unfall machen sie sich lustig. Zu Hause stellen Mutter und Sohn sich gegenseitig zur Rede: „Wirst du gemobbt?“/“Gehst du auf den Strich?“ fragen sie sich exakt gleichzeitig. Aber keiner der beiden traut sich, zur Wahrheit zu stehen. Und irgendwann, im Gespräch mit ihrer jungen Arbeitskollegin Kei platzt dann auch mal ein bisschen die Verzweiflung aus ihr heraus. Kei fordert sie auf: „Du musst wütender sein!“ Kei hat die Wut in sich, die Ryoko fehlt. „Ich beneide dich, du kannst wütend sein“, sagt Ryoko. Als Junpei zu den beiden dazustößt sagt Kei: „Deine Mutter und ich haben gerade über Leben und Tod geredet. Was ist deine Meinung dazu?“ Junpei mag Kei, schnell hegt er tiefere Gefühle für die 25-jährige. Aber auch Ryoko hat eine Begegnung, die ihr Herz näher angeht: Im Regen, in einem Park trifft sie zufällig ihren ehemaligen Klassenkameraden Kumaki wieder – und verliebt sich in ihn. Als er ihr versichert, dass er sich um sie kümmern will, kündigt die den Job im Sexclub. Aber die Liebesangelegenheiten sowohl von Mutter als auch die vom Sohn sollten sich in unglücklichere Richtungen entwickeln. Ungerechtigkeiten und Schicksalsschläge entfachen endlich Ryokos Wut…

A Madder Red von Yuya Ishii. Nippon Connection Filmfestival.

Der Tod des Radfahrers, Ryokos Ehemann, steht am Anfang des Films. Die Bilder sind verfremdet, expressiv montiert, mit Computergrafiken verknüpft, die den Ablauf des Unfalls nachzeichnen. Unterlegt mit einem Rhythmus, den jemand trällert, die Bilder des Zusammenstoßes kontrastierend.

Der Off-Kommentar schildert verschiedene Perspektiven: die des Sohnes, die des Anwalts der Familie Arishima und andere. Wir kreisen Ryokos Motivation langsam ein. Einblendungen verdeutlichen die finanzielle Situation Ryokos, was sie wodurch verdient, was sie wofür ausgibt.

A Madder Red von Yuya Ishii. Nippon Connection Filmfestival.

Zu den schönsten Szenen gehören jene, in den Junpei vom Opa im Pflegeheim ein rotes Fahrrad vermittelt bekommt, sich selbst das Fahren beibringt, er hat es nie gelernt, weil das Fahrrad im Mittelpunkt des Traumas dieser Familie steht. Nun lernt er es wacklig, um zu seinem Schwarm, der 25-jährigen Sex-Workerin Kei zu fahren – um diese aus ihrem schwierigen Lebensumfeld zu befreien. Das Fahrrad wird zu so etwas wie einem Leitmotiv des Films.

Yuya Ishiis Erzählweise ist faszinierend. Verfremdet, immer wieder überraschend, wir werden in die falsche Richtung geleitet, die Tonspur wabert über die Szenen hinweg, verknüpft die Szenen. Auch wenn die Entfaltung von Ryokos Wut am Ende vielleicht etwas melodramatisch wirkt, ist sie doch konsequent. Yuya Ishii erzählt kraftvoll, mit einer ungewöhnlichen Figurenkonstellation, überraschenden Verknüpfungen und Entwicklungen.

Der Schluss ist atemberaubend. Aber das lässt sich nicht andeuten, ohne zu viel zu spoilern.

Sehenswert.

A Madder Red von Yuya Ishii. Nippon Connection Filmfestival.

CAST

Machiko Ono(尾野真千子)
Iori Wada (和田庵)
Yuki Katayama(片山友希)
Joe Odagiri(オダギリジョー)
Masatoshi Nagase(永瀬正敏)

Written, Edited, and Directed by Yuya Ishii  

Japan / 144 min.

A MADDER RED läuft beim NIPPON CONNECTION Filmfestival in Frankfurt am Main:

Sa., 28. Mai 2022, 16:45 Uhr, Mousonturm Saal
Tickets: https://db.nipponconnection.com/de/event/1174/a-madder-red

Weitere Infos zum NIPPON CONNECTION Festival: https://nipponconnection.com/

A Madder Red von Yuya Ishii. Nippon Connection Filmfestival.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.