A TREE OF LIFE von Trish Adlesic beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg

A tree of life.

Regie: TRISH ADLESIC, USA 2021 80 MIN

In der Sektion “Kino Fermished“ beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg (14. bis 19. Juni 2022) ist der Dokumentarfilm „A TREE OF LIFE“ der US-amerikanischen Filmproduzentin und Regisseurin Trish Adlesic zu sehen.

Pittsburgh, Pennsilvania, der regnerische Shabbatmorgen des 27. Oktober 2018. Etliche Notrufe, alle erdenklichen Einsatzfahrzeuge der Polizei fahren zur Synagoge Tree of Life Or L’Simcha. Das County-SWAT wird angefordert, „an active shooter in the building”. “All the Jews need to die”, habe er gerufen, so wird es bereits im Funkverkehr der Polizei vermeldet, „several persons barricaded inside!“

Augenzeugen, Überlebende, Hinterbliebene des Angriffs eines Rechtsextremen auf die Gottesdienste in der Synagoge schildern ihre Erlebnisse, ihre Beobachtungen, ihre Gefühle – wie sie den ersten Schuss hörten, den viele gar nicht als Schuss oder als Bedrohung wahrgenommen hatten. Wie sie das erste Opfer gefunden und versuchten zu fliehen oder sich zu verbarrikadieren. Der Attentäter erschoss schließlich elf Menschen und verletzte sechs weitere. Damit war es der schwerste antisemitische Anschlag, der je in den USA verübt worden war.

„The shooter killed half the people in the building, half the people survived”, berichtet der Rabbi, der den Anschlag überlebt hatte. Ein anderer Rabbi berichtet, dass bei all dem Antisemitismus in der amerikanischen Gesellschaft irgendwann leider mit solch einem Anschlag zu rechnen war.

Der bewegendste Teil des Films besteht in den Berichten der Überlebenden und Angehörigen über ihre Vergangenheit, über ihre Herkunft, ihre Familien, über das Leben in Pittsburgh, über die von der jüdischen Community geprägten Stadtviertel, ihr religiöses Leben als Juden, ihren Alltag vor dem Anschlag. „We were born, we laugh, and we die“, schildert einer der Überlebenden sein optimistisches Lebensmotto – in Abwandlung des Satzes „We were born, we suffer, and we die“.

So wichtig es ist, die Stimmen der Überlebenden und Angehörigen zu hören, geht es dann im Mittelteil aber auch um den Attentäter, über Antisemiten in den USA, über Nazis, über White Supremacy, über die Angst von Teilen der Bevölkerung gegenüber Einwanderung – aber auch über weltweite antisemitische Strömungen. Und schließlich kommt sogar Trump und besucht die Synagoge – gegen den Protest der Gemeindemitglieder. Es gibt einen großen Demonstrationszug gegen den Besuch Trumps, Plakate werden gezeigt, auf denen steht: „President Trump, you are not welcome in Pittsburgh, until you fully denounce white nationalism.“

Was erstaunlich abwesend ist – und das ist eine bewusste Entscheidung der Regisseurin – ist der Attentäter, seine Herkunft, seine Entwicklung zum Antisemiten. Es ist eine bewusste Entscheidung, den Film aus der Perspektive der jüdischen Gemeinden, der Opfer, der Überlebenden und der Angehörigen zu berichten.

Was mich wirklich massiv stört ist die dramatisierende, über weite Strecken unterlegte Musik, die der Film wirklich nicht nötig gehabt hätte. Die Berichte der Augenzeugen und Opfer sind eindrücklich und bewegend genug, da braucht es nicht einen solchen Versuch, die Wirkung des Films zu verstärken. Das erinnert mich allzusehr an weniger gute „True Crime“-Fernsehserien aus dem Privatfernsehen. Bisweilen hat die Tonspur drei Ebenen gleichzeitig: Die Aussagen der Opfer, der Funkverkehr der Polizei und dann noch die dramatische Musik.

Dennoch: Trish Adlesics Film ist eine Dokumentation, die einem in Erinnerung bleibt, gerade aufgrund der berührenden Schilderungen der Betroffenen und ihrem Umgang mit den traumatischen Erlebnissen jenes Oktobermorgens.

Der Film läuft in drei Vorstellungen auf dem Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg:

16.6. 19.00 Thalia Babelsberg, im Anschluss Filmgespräch mit Audrey Glickmann, Protagonistin und Zeitzeugin

18.6. 17.00 Passagekino, im Anschluss Filmgespräch mit Audrey Glickmann, Protagonistin und Zeitzeugin

19.6. 16.00 Delphi Lux, im Anschluss Filmgespräch mit Audrey Glickmann, Protagonistin und Zeitzeugin

Tickets gibt es unter https://jfbb.info/programm/filme/a-tree-of-life

JFBB Sektion KINO FERMISHED

Regisseurin: TRISH ADLESIC

USA 2021, 80 Minuten

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