DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE von Julie Delpy ab 26. Juni 2025 im Kino

Die Gemeinde Paim­pont, irgend­wo in der Bre­tagne, laut Wikipedia 1778 Ein­wohn­er, die Gemeinde sei „haupt­säch­lich von Wald bedeckt”. Sehenswürdigkeit­en: Die Abtei, die Kirche – und ange­blich Erin­nerungsstät­ten aus der Sagen­welt der Artus-Leg­ende: Mer­lins Grab, der Jung­brun­nen, die Quelle von Bar­en­ton. Berühmte Per­sön­lichkeit­en: lediglich ein Ordens­geistlich­er aus dem 19. Jahrhun­dert. Und da fällt mir gle­ich auch siedend heiß ein, dass ich da schon war, mit mein­er Fam­i­lie, das Kind kon­nte damals noch kaum laufen, wir waren in der Nor­mandie und in der Bre­tagne unter­wegs, Mont St. Michel, der Atlantik, die Steine von Carnac und so. In Paim­pont macht­en wir Kaf­feep­ause auf dem Weg Rich­tung Rennes und das Kind durfte sich die Füße vertreten und Eis essen. Ein wun­der­schön­er Ort, natür­lich recht touris­tisch, aber noch erträglich.

 DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE: Joëlle Lesourd (Julie Delpy) (© THE FILM)

In „Die Bar­baren” scheint die Welt in Paim­pon noch weit­ge­hend in Ord­nung zu sein. Zumin­d­est zunächst. Und wie in der Sage, bzw. wie im Märchen fängt der Film auch an: „Il était une fois à Paim­pont…” Es war ein­mal in Paim­pont. Das Bild von Macron hängt an der Wand, da ist er noch ein paar Jahre jünger, mit glat­ter Haut und sat­ter Haar­farbe. Sébastien Leje­une, der Bürg­er­meis­ter von Paim­pon, hält eine Ansprache an die Bevölkerung: Zu allererst macht er noch Eigen­wer­bung fürs eigene Sägew­erk, und seine Bau­fir­ma. Dann Lobensworte für das beschauliche Paim­pon. Und: Man sei engagiert. Nach dem Über­fall Rus­s­lands auf die Ukraine sei man sofort aktiv gewor­den und nun sei es so weit: Die ersten ukrainis­chen Flüchtlinge wür­den in Paim­pon willkom­men geheißen. Ein­stim­mig hat­te der Gemein­der­at zuges­timmt.

DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE: Die Ein­wohn­er von Paim­pont heißen Fam­i­lie Fayad willkom­men (© THE FILM)

Und nun bere­it­et man sich eben auf die Ukrain­er vor. Joelle Lesourd (Julie Delpy) ist die Lehrerin in der kleinen Schule, sie wird natür­lich mit den ukrainis­chen Kindern zu tun bekom­men. Ukrainis­che Fah­nen wer­den gehisst, Bilder von Zelen­skij aufge­hängt, man lernt Borschtsch kochen etc. Große Hil­fs­bere­itschaft allüber­all im Dorf. Doch dann passiert Unvorherge­se­henes: „Ukrain­er sind sehr gefragt auf dem Flüchtlings­markt”, stellt der Bürg­er­meis­ter fest. Und da waren die Ukrain­er eben schon über halb Europa verteilt, nicht mehr genü­gend übrig für ein west­franzö­sis­ches Dorf. Aber es gibt ja noch Geflüchtete Syr­er – und da nimmt man eben die. Aber Moment: Kopftüch­er im Dorf? Find­et man doch nicht so gut. Und für die Land­wirtschaft seien die Ukrain­er doch bess­er geeignet. Und über­haupt: Für Syr­er hätte man doch im Gemein­der­at gar nicht abges­timmt? Und wie unter­hält man sich über­haupt mit Arabern? Und wenn es Ter­ror­is­ten sind? Fra­gen sich die Dor­fju­gendlichen. Aber nun kann man auch keinen Rückzieher mehr machen, und es wäre ja drama­tisch, wenn das Fernse­hen einen falschen Ein­druck vom Dorf ver­mit­teln würde. Und so wird die syrische Fam­i­lie Fayad in Emp­fang genom­men und außer den miss­lun­genen Witzen des Bürg­er­meis­ters geht auch beina­he alles gut. Wäre da nicht … der ras­sis­tis­che Kom­men­tar, der irgend­wo an die Wand gesprüht wurde: Raus mit den Bar­baren.

Dann kommt es zu den ersten Kon­flik­ten, der „Cul­ture Clash” dro­ht. Ein­er der Syr­er bedi­ent sich an den Nüssen im Geschäft, weil er denkt die wären umson­st. Und: Warum tra­gen die Syrerin­nen eigentlich keine Kopftüch­er? Zu aller Über­raschung sprechen in der bil­dungsna­hen Fam­i­lie Fayad schon einige franzö­sisch – und gerne würde man auch arbeit­en gehen. Und nun gehen die ersten Beschw­er­den darüber los, dass man es nicht gut finde, dass die Flüchtlings­fam­i­lie umson­st wohnen darf. Aber immer­hin lernt die Bevölkerung des Dor­fes einiges über Syrien, etwa dass in Syrien Unfrei­heit herrsche und das Land eine Dik­tatur sei. „Ah”, meint der quer­denk­ende Impfgeg­n­er-Opa, „wie Frankre­ich!” Bisweilen ist das urkomisch, wenn die dör­fliche Vielfalt der west­franzö­sis­chen Prov­inz auf die syrische Lebenswirk­lichkeit stößt. Genau diese syrische Lebenswirk­lichkeit ver­lei­ht dann aber dem prov­inziellen Dorf eigentlich nur noch zusät­zliche Vielfalt. Dann aber taucht der iden­titäre Block auf und dro­ht die Sit­u­a­tion eskalieren zu lassen. Aber der eigentliche Kon­flikt begin­nt zwis­chen den Dorf­be­wohn­ern zu schwe­len.

„Die Bar­baren” ist bere­its der siebte Film von Julie Delpy, bei dem sie Regie führt. „Es ist ein­deutig, dass das aktuelle, glob­ale Kli­ma alles andere als entspan­nt ist”, sagt Delpy. „Mein Sohn ist 15 Jahre alt und lernt derzeit in der Schule über Dik­taturen. Er sagte zu mir: ‚Mama, das ist ein Kreis­lauf, der alle 80
Jahre zurück­kehrt, das ist katas­trophal.’ Heute ver­schär­fen sich die Dinge zusät­zlich: vom mil­itärischen Macht­streben über die Über­bevölkerung bis hin zum Kli­mawan­del – all das ver­schlim­mert die Sit­u­a­tion. Die Men­schheit bewegt sich in eine gefährliche Rich­tung. Aber, wie man sagt: Nach dem Sturm kommt der Son­nen­schein. Es kön­nte nur lei­der sehr lange dauern, und deshalb muss man wach­sam bleiben. Den­noch ist DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE kein Film mit ein­er Botschaft; er ver­sucht lediglich, ehrlich mit der aktuellen Sit­u­a­tion umzuge­hen, die wed­er ver­harm­lost noch ver­teufelt wer­den sollte.”

Naja, genau dieser Ver­such, die aktuelle Sit­u­a­tion wed­er zu ver­harm­losen noch zu ver­teufeln, sorgt aber dafür, dass es dem Film an Tiefe, an Posi­tion, an Stel­lung­nahme fehlt. Das ist mir manch­mal zu viel Kom­pro­miss, wo vielle­icht Kom­pro­miss nicht die richtige Hal­tung ist. Und so bleibt es denn über weite Streck­en eine etwas schlichte Unter­hal­tung. Viel mutiger wäre es gewe­sen, eine Flüchtlings­fam­i­lie zu zeigen, die prob­lema­tisch ist – und dann den­noch zu ver­suchen, sich argu­men­ta­tiv auf ihre Seite zu schla­gen. Viel pro­vokan­ter wäre es gewe­sen, Geg­n­er der Migra­tion zu zeigen, die einen Punkt machen – um dann wiederum zu argu­men­tieren, dass wir Migra­tion brauchen, dass wir Flüchtlin­gen eine Möglichkeit geben müssen, sich­er bei uns unterzukom­men. Das wäre eine Auseinan­der­set­zung mit der The­matik gewe­sen, die alle Seit­en zum Nach­denken hätte brin­gen kön­nen. Es sind lei­der keine echt­en Kon­flik­te, die wir zu sehen bekom­men, son­dern am Drehbuch-Reißbrett ent­wor­fene.

Julie Delpys Film aber wird nur dafür sor­gen, dass alle so weit­er denken, wie bish­er: Die Geg­n­er der Migra­tion wer­den sagen, dass die ja Beispiele aus ein­er fik­tiv­en, heilen Welt seien. Und die Befür­worter von Migra­tion wer­den dem Film gegenüber zus­tim­mend nick­en, nichts weit­er. Das ist mir, trotz aller gelun­genen Unter­hal­tung, zu seicht.

DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE: Fam­i­lie Fayad im Restau­rant von Jacque­line Moulin (Brigitte Roüan) (© THE FILM)

„Dieser Film will die Men­schen in erster Lin­ie unter­hal­ten, zugle­ich aber auch einen Sub­text ver­mit­teln – ohne dabei naiv zu sein”, sagt Julie Delpy. „Alle Zwis­chen­szenen des Films, die die fünf Akte ein­leit­en, ste­hen in Verbindung mit The­men wie den Reli­gions- und Kolo­nialkriegen oder der ange­blichen Über­legen­heit der Weißen. Das spiegelt ein­mal mehr meine Prä­gung wider: Die Vorstel­lung, dass eine Rasse, eine Reli­gion oder ein Men­sch weniger wert sein kön­nte als andere, ist für mich abso­lut inakzept­abel. Das habe ich auf bild­hafte Weise umge­set­zt: Jed­er Akt wird von klas­sis­ch­er Musik unter­malt, wobei ich bewusst Beethoven und Mozart aus­gewählt habe.” Natür­lich hat die Regis­seurin damit recht, aber sie liefert damit halt auch keinen nen­nenswerten Beitrag dazu, dass die Spal­tung in der Gesellschaft klein­er wer­den kön­nte. Das ist nur affir­ma­tiv, in jede Rich­tung.

Mir fällt bei dieser Gele­gen­heit auch jen­er Film ein, mit dem ich Julie Delpy als Schaus­pielerin so richtig ken­nen- und schätzen gel­ernt habe: Richard Lin­klaters „Before Sun­rise”. Es ist in der Tat krasse 30 Jahre her, dass ich diesen Film das let­zte Mal gese­hen habe, aber ich mag mich erin­nern, dass mir dieser Film damals ver­mit­telt hat, dass mir da eine Geschichte erzählt wird, die zeigt, wie sich Men­schen wirk­lich ken­nen ler­nen, wie sie sich mit einan­der auseinan­der­set­zen, wie sie wirk­lich miteinan­der kom­mu­nizieren. Keine Ahnung, wie ich das heute sehen würde, es ist Zeit, den Film mal wieder zu schauen. Aber genau diese offene Kom­mu­nika­tion ist es, was mir an den „Bar­baren” fehlt.

DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE: Anne Poudoulec (San­drine Kiber­lain), Joëlle Lesourd (Julie Delpy) und Bürg­er­meis­ter Sébastien Leje­une (Jean-Charles Clichet) (© THE FILM)

DIE BARBAREN – WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE Orig­inalti­tel: LES BARBARES Regie: Julie Delpy
Mit: Julie Delpy, San­drine Kiber­lain, Lau­rent Lafitte, Ziad Bakri, India Hair, Rita Hayek u.v.m.
Pro­duk­tion: Frankre­ich 2024
Lau­flänge: 101 Minuten FSK: ab 12 Jahren Kinos­tart: 26. Juni 2025 Web­site: weltkino.de/filme/die-barbaren-willkommen-in-der-bretagne Trail­er: youtube.com/watch?v=uvpzyyD7l9g    

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