AI WEIWEIS TURANDOT ab 16. Oktober 2025 im Kino

RISE AND SHINE CINEMA (R) Fabrizio Sansoni AI WEI WEIS TURANDOT
AI WEIWEIS TURANDOT ® Fab­rizio San­soni – Rise and Shine Cin­e­ma

„Ich habe aber eine irra­tionale Abnei­gung gegen Ai Wei­wei”, meinte ich zur den Film betreuen­den PR-Agen­tur. Mach mal, trotz­dem, meinte sin­ngemäß die Kol­le­gin von der Agen­tur. Na gut.

Ai Wei­wei gibt also mit Turan­dot sein Debüt als Opern­regis­seur, und zwar am Opern­haus in Rom. Max­im Dere­vianko, Doku­men­tarfilm­regis­seur, begleit­et ihn dabei. Dere­vianko erzählt dazu: „Ich erin­nere mich an den Tag, an dem ich hörte, dass der große chi­ne­sis­che Kün­stler und Aktivist Ai Wei­wei in die Oper kom­men und Puc­ci­nis Turan­dot insze­nieren würde. Ich wusste ohne jeden Zweifel, dass dies das per­fek­te Pro­jekt für mich sein würde. Im Laufe der Jahre hat­te ich Ai Wei­wei als Sym­bol für Mei­n­ungs­frei­heit, als Kämpfer für die Men­schen­rechte und als Rev­o­lu­tionär ken­nen­gel­ernt, der Kun­st in allen Medi­en als pro­voka­tives Mit­tel ein­set­zt, um seine human­is­tis­che Botschaft in die Welt zu tra­gen, und ich hat­te eine kün­st­lerische Ver­wandtschaft mit ihm entwick­elt. Mein Vater, Vladimir Dere­vianko, Bolschoi-Tänz­er, floh 1982 aus Rus­s­land, weil seine Frei­heit und Indi­vid­u­al­ität bedro­ht waren. Sein Ein­satz für kün­st­lerische Frei­heit und Ai Wei­weis Mantra ‚Alles ist Kun­st, alles ist Poli­tik’ inspiri­erten mich zu diesem Doku­men­tarfilm über die Macht der Kun­st.” Und spätestens jet­zt ist auch Zeit zu geste­hen, dass ich auch mit Opern so gar nichts am Hut habe: Der über­höhte Gesang, von dem ich kein Wort ver­ste­he, die sch­ablo­nen­haften Emo­tio­nen – ich weiß, ich tue damit mit meinem Banau­sen­tum ein­er kom­plet­ten Kun­st­gat­tung unrecht. Das let­zte Mal war ich vor drei Jahren in der Deutschen Oper in irgen­dein­er Kinder­auf­führung mit meinem Sohn, damals sieben oder acht, ich glaube wir hat­ten die Karten irgend­wie umson­st bekom­men. Ich weiß gar nicht, auf wen ich stolz­er bin, auf meinen Sohn oder auf mich, dass wir das bei­de halb­wegs mit Gle­ich­mut ertra­gen haben. Und das obwohl mein Sohn in seinem Musikkanon kaum etwas anders als Deep Pur­ple zulässt.

AI WEIWEIS TURANDOT ® Fab­rizio San­soni – Rise and Shine Cin­e­ma

Das sind also die nicht sehr erquick­lichen Grund­vo­raus­set­zun­gen, mit denen ich mich auf die Doku­men­ta­tion AI WEIWEIS TURANDOT ein­lasse. Hil­fre­ich ist da alle­mal die kurze Einord­nung von „Turan­dot”, die das Presse­heft zum Film dankenswert­er­weise vorn­immt: „Puc­ci­nis Oper spielt im alten Chi­na und behan­delt The­men wie Liebe, Macht und Erlö­sung und ist für ihre Grandiosität bekan­nt. Die
Oper erzählt die Geschichte der schö­nen, aber kaltherzi­gen Prinzessin Turan­dot, die ihre Verehrer mit Rät­seln her­aus­fordert. Wenn sie nicht richtig antworten, wer­den sie hin­gerichtet. Die Geschichte ent­fal­tet sich, als der unbekan­nte Prinz Calaf die Her­aus­forderung annimmt und sein Leben für die Chance riskiert,
Turan­dots Liebe zu gewin­nen. Die Oper ist bekan­nt für ihre Pracht, ihre kom­plizierten Gesänge und die berühmte Arie NESSUN DORMA, die zu ein­er der beliebtesten Arien des Opern­reper­toires gewor­den
ist.” Ach­ja genau, ken­nt man. Na dann. Kann los­ge­hen…

Drama­tisch, laut, ein in ein düsteres blau getaucht­es Büh­nen­bild: „Höre, o Volk von Peking”, sagen die Unter­ti­tel. Beina­he zucke ich zusam­men bei den ersten Tönen. Und dann geht es auch schon um die drei Rät­sel, die die erbar­mungslose Turan­dot aufgibt: Wer löst, wird geheiratet, wir daneben­liegt, wird hin­gerichtet: „soll fall­en von der Hand des Henkers”.

AI WEIWEIS TURANDOT ® Fab­rizio San­soni – Rise and Shine Cin­e­ma

Und dann begleit­en wir erst ein­mal Ai Wei­wei auf Roms Straßen, und was sagt er: „Ich inter­essiere mich gar nicht für Oper”. Dem kann ich erst ein­mal einiges abgewin­nen – aber warum macht er das dann? „Nor­maler­weise höre ich keine Musik”, set­zt er fort. Er will mit einem Ansatz begin­nen, der seine Kri­tik an der Oper bein­hal­tet. Kri­tik ist schließlich sein Ding. Anders würde seine Turan­dot-Auf­führung wer­den, sagt er. „Ich mache gerne das, was ich nicht gut kann”, erläutert er beina­he entschuldigend den beteiligten Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern bei sein­er ersten Begeg­nung in der römis­chen Oper. „Ich mag Ärg­er”, sagt er, und: „Oper ist wirk­lich Ärg­er.” Und dann erzählt er, wie er vor 33 Jahren Sta­tist bei Fran­co Zef­firellis Turan­dot-Insze­nierung war. Und das war eben der Turan­dot-Bezug, der ihn dazu gebracht hat­te, die Anfrage, ob er nicht die Oper insze­nieren wolle, anzunehmen. Die span­nend­sten Ein­blicke liefert schließlich die Chore­o­graphin Chi­ang Ching. Sie erzählt uns aus Ai Wei­weis Leben, von dessen Vater, den sie kan­nte, der im Exil lebte und mit dem sie befre­un­det war. Und dann erzählt Ai Wei­wei, wie er sich an die Arbeit an der Oper her­an­machte, wie er ler­nen musste mit den ver­schiede­nen Gew­erken zusam­men­zuar­beit­en, Büh­nen­bild, Design, Darsteller, Tänz­er etc.

„Es geht wirk­lich um Geflüchtete”, erläutert Ai Wei­wei seine Idee, wie er Turan­dot in der Gegen­wart ver­ankert. Und es gehe um die Men­schen, „die ihre Macht ver­loren haben, aber sie ver­suchen, etwas wieder­herzustellen.”

Was der Film dann begin­nt nachzu­vol­lziehen ist etwas, was mir zu Beginn einige Irri­ta­tio­nen hin­ter­ließ: Da erzählt nun also Ai Wei­wei, der nach eige­nen Angaben keine Ahnung von Oper hat­te, Kün­stlern seine Vorstel­lung von Turan­dot, und zwar Kün­stlern, die alle auf ihrem Gebi­et gigan­tis­che Opern-Spezial­is­ten sind. Aber dann begleit­en wir ihn bei sein­er Arbeit mit den einzel­nen Abteilun­gen, bei sein­er Zusam­me­nar­beit mit den Kostüm­bild­nern, mit sein­er Chore­o­graphin, mit den Sängern etc. Und wir sehen, wie er sorgsam zuhört, lernt und dann seine Ideen vor­bringt, die viel mit dem zu tun haben, was er als Kün­stler bish­er ver­wirk­licht hat. „Die endgültige Botschaft ist zunächst ein­mal, Puc­ci­nis Fan­tasie und seine Vision zu repräsen­tieren, aber mit meinem Ver­ständ­nis und mein­er Inter­pre­ta­tion in der mod­er­nen Gesellschaft”, sagt Ai Wei­wei.

So so entspin­nt sich eine auch für mich über­raschend span­nende Geschichte darum, wie sich Ai Wei­wei in einzel­nen Schrit­ten allmäh­lich immer mehr dem annähert, wie er Turan­dot insze­niert haben möchte. Und man nimmt ihm auch ab, dass er nicht mit ein­er Anmaßung an die Arbeit geht, alles bess­er zu wis­sen, als jene Opern-Men­schen, mit denen er zusam­me­nar­beit­et und die zum Teil jahrzehn­te­lange Oper-Erfahrung haben. Er bringt dabei seine eige­nen Stärken ein, das was ihn als Kün­stler aus­macht – und so hat man im Ver­lauf des Films immer mehr das Gefühl, dass aus diesem Turan­dot-Pro­jekt etwas wer­den kön­nte, was sog­ar eine Opern- und Ai Wei­wei-Banause wie mich inter­essieren kön­nte. Das ist natür­lich ein­er­seits der Ver­di­enst des Kün­stlers selb­st, aber es ist ander­seits auch der geschick­ten Arbeit des Doku­men­tarfilm­regis­seurs Max­im Dere­vianko zu ver­danken, der genau weiß, wie er das Inter­esse des Zuschauers zu lenken hat.

Doch dann dro­hen drama­tis­che Ereignisse dem ambi­tion­ierten Pro­jekt einen Strich durch die Rech­nung zu machen…

Ich glaube es ist den­noch kein Spoil­er, wenn ich ver­rate, dass am Schluss dann doch „Nes­sun dor­ma” erklingt und mir nach diesem beein­druck­enden Doku­men­tarfilm dann drei Per­so­n­en ein gutes Stück näher gekom­men sind, eigentlich uner­wartet: die erste Per­son ist Puc­ci­ni, die zweite ist in der Tat Ai Wei­wei – und die dritte ist – Turan­dot.

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