Kurzkritiken von den Hofer Filmtagen 2025

Niños de las Brisas
von Mar­i­anela Mal­don­a­do Lopez
Doku­men­tarfilm
Venezuela 2024

Mar­i­anela Mal­don­a­do Lopez zeigt eine berührende Langzeit­studie über ein Musikpro­jekt, „El Sis­tema”, das Kinder aus der Hoff­nungslosigkeit eines Armutvier­tels in Venezuela her­aus­holen will. Die Erfolge sind beein­druck­end, die Kinder begeis­tert, bekom­men eine Rich­tung und Hoff­nung im Leben. Doch die Wider­stände sind groß, in der Poli­tik, aber auch in manchen Fam­i­lien. Zehn Jahre lang wer­den Edixon, Dis­san­dra und Wuil­ly von der Filmemacherin begleit­et. Es sind Geschicht­en von Erfolg, Stolz, FLeiß, Nieder­la­gen, Rückschlä­gen und Hoff­nung. Die Poli­tik und die wirtschaftliche Mis­ere im Land spielt dabei stets eine Rolle.

Manche mögen’s falsch
von Stanis­law Mucha
Doku­men­tarfilm
Chi­na, Deutsch­land 2024

Liu war einst Ohren­putzer von Beruf. Bis er einen Poli­tik­er beim Putzen ver­let­zte und dann nicht mehr weit­er­ar­beit­en durfte. Fürder­hin küm­merte er sich um seine Lei­den­schaft für die Malerei. Und das führte ihn in die süd­chi­ne­sis­che Stadt Dafen, die näm­lich die Weltzen­trale für Kopi­en? Fälschun­gen? berühmter Bilder ist. Schon als Kind hat­te Liu aus Büch­ern abge­malt. Und in Dafen gibt es dafür auch die dazuge­hörige Infra­struk­tur. Seine Frau unter­stützt ihn sehr. Hal­i­fan kopiert auch, er ist Spezial­ist für die Mod­erne. Meis­terkopist sei er, er wurde sog­ar für Vorträge nach Deutsch­land ein­ge­laden. Kopi­en sind für ihn ein Lob des Orig­i­nals. Ger­hard Richter, sagt er, würde er sehr gerne ein­mal per­sön­lich ken­nen­ler­nen. Ein paar Dutzend Euro kostet ein Bild, vielle­icht mal ein paar Hun­dert. Die Pro­duk­tion ist gigan­tisch: Mehr als 10 Mil­lio­nen Bilder pro Jahr. Tausende von Malern sind damit beschäftigt, ihre Kopi­en nach Europa und Ameri­ka zu verkaufen. Stanis­law Mucha erzählt einen inter­es­san­ten Aspekt der inter­na­tionalen Kunst­welt, für das west­liche Ver­ständ­nis von Authen­tiz­ität und Urhe­ber­recht kaum vorstell­bar. Und dann ist da noch Huang Fen, der Grün­der dieser ganz beson­deren Kün­stlerkolonie. Stanis­law Mucha erzählt unter­halt­sam, manch­mal iro­nisch und mit auf­schlussre­ichen Inter­views einen irri­tieren­den Aspekt der Kunst­welt. Am faszinierend­sten ist gegen Ende des Films das Wal­ter Ben­jamin-Pro­jekt, ich will nicht spoil­ern.

Mirella
von Oliv­er Bruck
Öster­re­ich 2025
Doku­men­tarfilm

In beein­druck­enden Bildern erzählt der Filmemach­er Oliv­er Bruck die Geschichte der in Kenia gebore­nen Fotografin Mirella Ric­cia­r­di, der Ostafri­ka-Fotografien unter dem Titel „Van­ish­ing Africa” veröf­fentlicht wur­den und der Fotografin Ruhm und Ärg­er bracht­en. Ruhm, weil die Bilder faszinieren, Ärg­er, ihnen ein kolo­nialer Blick vorge­wor­fen wurde. Mit­tler­weile ist die Fotografin 90, will ihr Gesicht im Film nicht zeigen, erzählt aber ihre Erin­nerun­gen. Zeigt meine Arbeit­en, das inter­essiert mich mehr, zeigt nicht mich, meint sie. Eine Anek­dote am Rand: Ric­cia­r­di spielte in Michelan­ge­lo Anto­nio­n­is L’E­clisse mit, in dem sie eine Rolle spielt, die an die selb­st angelehnt ist, inklu­sive ihrer Fotografien, die im Film zu sehen sind. Und in der Riefen­stahl-Auto­bi­ografie ist sie auch erwäh­nt. Ein­er der schön­sten Filme dieses Fes­ti­vals.

Der Schlüs­sel / La Clef
von Paul Sportiel­lo
Spielfilm
F 2025
mit Bruno Claire­fond, Alain Guil­lot, Syl­ka, Dorothée Debla­ton

Düstere Schwarzweiß­bilder, Schat­ten und Licht. Damit begin­nt der Film. Bruno nimmt nie­mand wahr. Nie­mand bemerkt in, alle überse­hen. Er ist qua­si unsicht­bar. Egal, was er tut, man sieht ihn nicht. Irgend­wann schnappt er sich auf der Straße irgen­deinen Mann, packt ihn und zer­rt ihn durch die Stadt, damit wenig­stens ein­er das Gefühl hat, dass Bruno da ist. Doch aus­gerech­net der Mann, den er gepackt hat, Alain, dem geht es genau­so, auch er fühlt sich unbeachtet. Und dann tre­f­fen sie auch noch auf Zobi, einen etwas abgeris­se­nen Typen, der die bei­den mit in „seine” Woh­nung nimmt. Die anderen bei­den wun­dern sich schon, warum er so nobel wohnt, mit Zigar­ren und Stein­way und großer Alt­bau­wohn­fläche mit Par­kett. Wie das? Das stellt sich gle­ich her­aus: Auch er ist ein Nie­mand, eigentlich obdach­los, wohnt sich bei anderen ein. Oder nimmt sich manch­mal das Nötig­ste mit. Auch Zobi ist also ein Unsicht­bar­er, vielle­icht so wie die Engel aus „Der Him­mel über Berlin”, aber im Gegen­satz zu Bruno und Alain ist er ein wahrer Profi des unsicht­bar seins. Und nun kön­nen die bei­den noch einiges von Zobi ler­nen. Also drin­gen sie in das Leben von anderen Men­schen auf, ohne sie zu stören, ohne bemerkt zu wer­den, ohne voyeuris­tisch zu sein, ohne ihnen Angst zu machen. Und sie leben vielle­icht den Traum, den vielle­icht jed­er von uns ein­mal gehabt hat: eine Vorstel­lung davon zu bekom­men, wie das Leben von anderen Men­schen so ist, wenn nie­mand dabei ist. Ein grandios­es Trio, ein erin­nerungswürdi­ges Fig­ure­nensem­ble, unver­gle­ich­lich. Ein toller Film, voller Meta­phern über das Leben.

Lang­hans – Ein let­zter Doku­men­tarfilm
von Mar­co Papadopou­los
Doku­men­tarfilm
D 2025

Der ani­mierte Vorspann dieses Films ist bere­its vielver­sprechend, ich bin beina­he an die Rosaroten Pan­ther-Vor­spänne erin­nert. „Rain­er bietet keine Antworten an, da geht das Fra­gen immer weit­er!”, sagt eine Wegge­fährtin. Aber ein Macho ist er, sagt jemand. Und wie ist er als spir­itueller Guru? Inter­views, Auss­chnitte aus dem Archiv, Rück­blicke auf das Lang­hans-Leben. Dazwis­chen auch insze­nierte Clips. Und dann kommt er sel­ber, der Lang­hans: „Ich bin ein Schaus­piel­er eines anderen Lebens.” Das ist span­nend, kurzweilig, inter­es­sant erzählt, manch­mal aber auch etwas anstren­gend und nervig. Am span­nend­sten sind vielle­icht die alten Film­clips.

SOFT LEAVES
von Miwako Van Weyen­berg
Spielfilm
Bel­gien 2025
mit Geert van Ram­pel­berg, Masako Tomi­ta, Kaito Defoort, Sara Hamasa­ki

Yunas Papa ist Bel­gi­er, ihre Mut­ter Japaner­in, schon lange lebt sie wieder in Japan und hat eine neue Fam­i­lie gegrün­det. Sie freut sich auf die Ferien und darauf, mit ihrem Vater camp­en zu gehen. Doch da fällt ihr Vater von einem Baum und ver­let­zt sich schw­er. Er liegt mit ein­er schw­eren Kopfver­let­zung im Koma. Nur ihr großer Brud­er ist jet­zt noch da. Die Mut­ter ist informiert, sie wird kom­men und sie bringt Yunas Halb­schwest­er mit. Für Yuna sind sie bei­de sehr fremd. „Soft Leaves” ist eine berührende, kleine Geschichte um ein Mäd­chen, das sich von einem Tag zum näch­sten in ein­er schwieri­gen Lebenssi­t­u­a­tion befind­et, die sie zunächst schw­er über­fordert. Von der Erzählweise ist es vielle­icht eher ein Kinder­film, aber dazu ist er vielle­icht auch etwas zu bedrück­end über weite Streck­en.

Ich war ein Zeuge
von Andreas Rein­er, Moni­ka Agler, Gün­ter Moritz
Doku­men­tarfilm
D 2025

Als Athe­ist habe ich ein erstaunlich großes Inter­esse an Doku­men­tarfil­men über religiöse The­men, ins­beson­dere, wenn es um Sek­ten und andere Reli­gion­s­ge­mein­schaften geht. So auch hier, der Titel mag vielle­icht zuerst in die Irre führen, beim zweit­en Lesen erken­nt man seine Dop­peldeutigkeit. Zunächst wollte Andreas Rein­er nur ein Foto­pro­jekt über ehe­ma­lige Zeu­gen Jeho­vas machen, dann wurde ein Film daraus, mit Gesprächen über das Leben bei den Zeu­gen Jeho­vas, über Druck, Gewalt, sex­uelle Gewalt und über den Bruch und den Ausstieg. Die Opfer lit­ten, sind trau­ma­tisiert, den Tätern, den Schuldigen an diesen Ver­brechen dro­hte – nichts. „Der Film ist allen Opfern religiösen Fanatismus’ gewid­met”, ste­ht so auch am Anfang des Films. Dass diese Men­schen aus den Zeu­gen Jeho­vas her­auskom­men, ja her­aus­wollen, ist ja dank frühkindlich­er Indok­tri­na­tion, von der viele religiöse Gemein­schaft ja leben, ein riesiger Schritt. Wie kann etwas falsch sein, das man von klein auf erzählt bekommt? Ein beein­druck­ender, wichtiger Film.

Star­dust
von Nils Eber­wein
Doku­men­tarfilm
D 2025

Der Filmemach­er sucht nach Trüm­mern der sow­jetis­chen bzw. rus­sis­chen Raum­fahrt in der Steppe Kasach­stans. Klingt nach wenig, aber mein tiefes Raum­fahrt­in­ter­esse sorgt dafür, dass ich diesen Doku­men­tarfilm in jedem Fall sehen muss. Und so begeben wir uns auf die Suche und ler­nen viel über Erfolge und Kat­stro­phen der Raum­fahrt, ler­nen, dass die meis­ten älteren Trüm­mer der Raum­fahrt vor allem von Schrottsamm­lern abgeräumt wur­den. Ein­er zeigt noch irgen­dein Blech vor, das aber von über­all her stam­men kön­nte. Immer tiefer drin­gen wir in die Ein­samkeit vor, inzwis­chen gibt es keinen Handyemp­fang mehr. Und so begeg­nen wir auf dieser Road­doku ein­er Rei­he span­nen­der Men­schen – und kom­men den Trüm­mern der Raum­fahrt auf die Spur – und neben­her den Spuren der Atom­bomben­tests in Kasach­stan. Eine großar­tige Doku für jeman­den, der sich für Raum­fahrt inter­essiert.

Der totale Traum
von Roman Toulany
Spielfilm
mit Kathy Etoa, Pit Bukows­ki, Lukas May-Floor, Kot­ti Yun, Fred­erik von Lüt­tichau
D 2025

„Der totale Traum” ist ein mit ein­fach­sten Mit­teln gedrehter Postapoka­lypsethriller über das let­zte lebende Men­schen­paar, Adam und Eva. Ihre Geg­n­er sind KIs und Humanoide, die die Welt besiedelt haben. Inter­es­santes, bisweilen ganz schön schräges Film­ex­per­i­ment.

Tod mein­er Jugend
von Timo Jacobs
Spielfilm
mit Nadesh­da Bren­nicke, Timo Jacobs, Silas Peter, Ninel Geiger, Oliv­er Szerkus, Milo Eisen­blät­ter, Sascha Geršak, Sarah Bauerett, Detlev Buck, Julius Feld­meier, Susanne Wuest, Katy Kar­ren­bauer

Der Film beruht auf ein­er wahren Geschichte. Kai kehrt mit Frau Meli und Sohn Silas in den Ort sein­er Jugend zurück. Er arbeit­et als Haus­meis­ter an der Schule seines Sohnes – dort war er früher selb­st Schüler. Kai hat ein schwieriges Leben voller Wun­den hin­ter sich, die nun, da er wieder an den Ort des Trau­mas zurück­gekehrt ist. Neben­her nimmt er Com­e­dy-Unter­richt und ver­sucht sich zu ver­wirk­lichen. Etwas bemüht­es Dra­ma, in das zu viel hineingepackt ist und das zu sehr durch die Zeit­ebe­nen springt. Der beste Teil ist die Liebesgeschichte aus der Ver­gan­gen­heit, als Kai sich in ein Mäd­chen ver­liebt, der Teil ist wirk­lich toll erzählt. Eigentlich haben Erstlings­filme ganz viel Wohlwollen ver­di­ent, so muss das auch hier sein: Es gibt wirk­lich tolle Szenen, ich mag den Cast. Am faszinierend­sten ist übri­gens die Bio von Timo Jacobs: Studi­um der Ernährungslehre, Arbeit als DJ, pro­fes­sioneller BMX-Fahrer und Großhändler für US-Fir­men. Schaus­piel­studi­um.

Becom­ing Vera
von Ser­gio Vizuete
USA 2025
Spielfilm
mit Raquel Lebish, Gabriel Diehl, Nicolás Pozo, Mikaela Mon­et, Phillip Andre Botel­lo, Bran­don Williams

Mia­mi. Die 18-jährige Vera ist als Pflegekind aufgewach­sen, nun ist sie eben volljährig und muss alleine auskom­men. Sie hält sich mit Aushil­f­sjobs über Wass­er, zum Beispiel soll sie ein Musik­stu­dio anstre­ichen. Macht sie auch beina­he tadel­los, aber vor allem nutzt sie die Gele­gen­heit, den Stu­diochef Hec­tor zu beein­druck­en: Sie ist näm­lich eine großar­tige Pianistin, Latin Jazz ist ihr Ding. Sie hat gar kein Klavier, aber sie hat alles im Kopf. Hec­tor gibt ihr nun die Gele­gen­heit, zu kom­ponieren und kün­st­lerisch für ihn zu arbeit­en. Allerd­ings klaut er ihre Kom­po­si­tio­nen und nutzt diese für sich. Als sie von diesem Ver­rat erfährt, will sie alle hin­schmeißen. „Becom­ing Vera” ist das Lang­filmde­büt des in den USA leben­den Spaniers Ser­gio Vizuete. Die Musik ver­sorgt den Film mit Leben, eben­so die Haupt­darstel­lerin Raquel Lebish. Das Drehbuch ist mir bisweilen etwas zu hölz­ern.

Das Unge­sagte
Von Patri­cia Hec­tor, Lothar Her­zog
Doku­men­tarfilm
D 2025

„Für den Film ‚Das Unge­sagte‘ haben wir mit den let­zten leben­den Zeitzeug*innen der NS-Zeit Inter­views geführt, mit Fokus auf die damals Beteiligten, Mitläufer und Mit­täter des Regimes. Fast nie­mand aus dieser Gen­er­a­tion hat nach 1945 noch ein­mal über diese Zeit gesprochen, in deutschen Fam­i­lien war das The­ma ein Tabu: das Unge­sagte.” Ein zutief­st beein­druck­ender, wichtiger Doku­men­tarfilm.

KINOLEBEN – ÜBER DAS TÜBINGER ARSENAL UND ANDERE PROGRAMMKINOS
Von Gog­go Gen­sch
Doku­men­tarfilm
D 2025

Ein so wun­der­voller Doku­men­tarfilm über das Tübinger Arse­nal, dessen Schließung und einiges über die deutsche Geschichte des Pro­grammki­nos. Großar­tig.

Zusam­men ist man weniger getren­nt
von Alexan­der Con­rads
Spielfilm
D 2025
Sophie und Jojo waren ein Paar, acht Jahre lang, aber nun sind seit einem hal­ben Jahr getren­nt. Auseinan­derge­zo­gen sind sie aber noch nicht, dazu müsste man ja mal eine Woh­nung suchen. Eigentlich leben sie noch wie ein Paar zusam­men, eigentlich ganz entspan­nt. Auch job­mäßig läuft es eher zäh. Nun gibt es ein Prob­lem: Sophies Eltern wis­sen noch nichts von der Tren­nung – und weit­ere Kohle soll nur unter bes­timmten Bedin­gun­gen fließen, näm­lich dass die bei­den ein gemein­sames Kind zeu­gen… „Er ver­sucht in vie­len Momenten dial­o­gisch sehr lustig – wie ich fand – und sehr liebevoll alltäglich die unmögliche Bal­ance ein­er ver­lore­nen Liebe als nominell getren­ntes Paar (…) auszu­tari­eren. Der Film holt aus dieser einge­frore­nen Lebenssi­t­u­a­tion wirk­lich sehr viel raus, geglück­te Szenen wie an ein­er Per­len­kette.” So begrün­det Dominik Graf seine Preisver­lei­hung des Friedrich-Baur-Gold­preis­es an den Film (gemein­sam mit Plan F). Graf hat sehr recht, eine wun­der­bare, schön erzählte All­t­agskomödie.

WEITERE FILME:
A Scary Movie
Don’t let the sun
Sun­ny



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