In einem New Yorker Apartment in den Siebzigern: “Peter Hujar’s Day” von Ira Sachs ab 6. November 2026 im Kino.

Irgend­wie scheint mir, ist der Beruf­s­stand der Fotografen im inter­na­tionalen Kino im Ver­gle­ich zu anderen Berufen über­repräsen­tiert, sowohl im Doku­men­tarfilm, als auch im Spielfilm­bere­ich. Zulet­zt erin­nere ich mich an “Die Fotografin”, in dem Kate Winslet Lee Miller spielte. Aber es gab noch viel, viel mehr: Der Klas­sik­er des Gen­res ist natür­lich Blow-Up von Michelan­ge­lo Anto­nioni. Und Doku­men­ta­tio­nen über reale Fotografen gibt es schlicht und ein­fach zuhauf, wer fällt mir da so ein: Vivian Maier, Sebastião Sal­ga­do, James Nachtwey, Dai­do Moriya­ma und viele mehr. Und nun kommt am 6. Novem­ber ein Spielfilm in die Kinos über einen Fotografen, den es wirk­lich gab, den ich aber in der Tat nicht kan­nte: Peter Hujar. Das erste Mal hat­te ich von ihm gehört, als dieser Film im Feb­ru­ar auf der Berli­nale lief. Gese­hen hat­te ich ihn allerd­ings dann doch nicht.

Wer mehr darüber wis­sen möchte, was Peter Hujar so fotografiert hat, sollte wohl am besten nach New York, wo ins­beson­dere, sagt Wikipedia, “The Mor­gan Library & Muse­um” Werke von ihm sam­melt, aber auch das MoMA, das Whit­ney und das Art Insti­tute of Chica­go besitzt wohl Fotografien von ihm. Hil­fre­ich ist aber alle­mal zunächst das Peter Hujar Archive, das viele sein­er Fotografien online hat: https://peterhujararchive.com/ . Zunächst ent­decke ich dort etliche Schwarzweiß­porträts, etwa von Susan Son­tag, Lau­ren Hut­ton, William Bur­roughs, Lotte Eis­ner, John Cage, Andy Warhol undun­dund. Wir find­en aber auch noch etliche andere Rubriken unter seinen Fotos: Nudes, Drag, aber auch Katakomben, Zirkus, Land­schaften, Ruinen. Die “Zirkus”-Rubrik inter­essiert mich aus per­sön­lichem Fotografen­in­ter­esse am meis­ten. Die Selb­st­porträts sind auch span­nend.

Auf sein­er Archiv-Seite ste­ht auch eine kurze Biografie, Jahrgang 1934, gestor­ben ist er 1987, an AIDS. “Hujar was a lead­ing fig­ure in the group of artists, musi­cians, writ­ers, and per­form­ers at the fore­front of the cul­tur­al scene in down­town New York in the 1970s and ear­ly 80s, and he was enor­mous­ly admired for his com­plete­ly uncom­pro­mis­ing atti­tude towards work and life”, heißt es in sein­er Kurzbio. Schön seien seine Fotos immer gewe­sen, aber sel­ten kon­ven­tionell. Susan Son­tag schrieb das Vor­wort zu seinem ersten Buch, Por­traits in Life and Death, aber viel habe er son­st nicht mehr veröf­fentlicht, wegen “his ‘dif­fi­cult’ per­son­al­i­ty and refusal to pan­der to the mar­ket­place”…

Also, was erwartet uns nun? Ein AIDS-Dra­ma? Ein Achtziger­jahre-New York-Biopic? Eine Kün­stler­bio mit dem oblig­a­torischen Beziehungs­dra­ma und der dazuge­höri­gen Schaf­fen­skrise? Immer­hin ver­spricht der Name des Regis­seurs, Ira Sachs, klis­cheefreies Erzäh­lki­no. “Keep the lights on” aus dem Jahr 2012 brachte ihm bei der Berli­nale den Ted­dy Award ein, auch “Lit­tle Men” aus dem Jahr 2016 lief auf der Berli­nale. “Frankie”, mit Isabelle Hup­pert in der Haup­trol­le, lief 2019 in Cannes, “Pas­sages” mit  Franz Rogows­ki, Ben Whishaw und Adèle Exar­chopou­los in den Haup­trollen lief wiederum bei der Berli­nale, im Panora­ma. Nun, uns erwartet alles andere als ein Biopic — es ist eher ein Kam­mer­spiel, genauer die Ver­fil­mung eines Gesprächs, das an einem Nach­mit­tag des Jahres 1974 stat­tfidet und zwar zwis­chen eben jen­em Peter Hujar und sein­er Fre­undin Lin­da Rosenkrantz. Das Gespräch soll ein Kun­st­pro­jekt sein, das nie real­isiert wer­den wird, aber immer­hin gibt es eine Nieder­schrift des Gesprächs, welche aber erst im Jahr 2019 ent­deckt wurde — und aus dem nun, dank Ira Sachs, ein Film wurde — erfreuliche 75 Minuten kurz. Lin­da Rosenkrantz, so war der Plan, sollte Peter Hujar en detail darüber inter­viewen, was in den let­zten 24 Stun­den passiert ist. Die Idee dazu hat­te Lin­da, es sollte ein Buch entste­hen, in dem die Gespräche, die sie mit vie­len Kün­stlern führen wollte, abge­druckt sein soll­ten. Das Gespräch mit Peter wurde auf Ton­band aufgeze­ich­net und abgetippt, das Ton­band ging ver­loren, die Abschrift blieb erhal­ten — und wurde dann in Peter Hujars Archiv wiederge­fun­den.

Ben Whishaw spielt hier, wie schon in “Pas­sages”, auch wieder mit, er spielt Peter Hujar. Rebec­ca Hall spielt Lin­da Rosenkrantz. Rebec­ca Halls schaus­pielerische Tätigkeit­en reichen von Woody Allen bis zu Godzil­la, vielfältiger kön­nte es kaum sein. Regie hat sie auch schon geführt, 2021 hat­te ihr Film “Seit­en­wech­sel” in Sun­dance Pre­miere.

Peter fährt den Aufzug zu Lin­das Apart­ment hoch, das Ton­band wird eingeschal­tet, bevor auch nur ein Wort gesprochen wird, bren­nt auch schon die erste Zigarette. Und dann geht’s los: Der Weck­er hat­te ihn geweckt, erzählt Peter, er hat­te ein Tre­f­fen mit ein­er Redak­teurin von der ELLE, Jacque­line. Sie war da, weil sie Fotos von Lau­ren Hut­ton haben wollte. Dann, erzählt er, rief Susan Son­tag an. Nichts Wichtiges, sie wollte in seien Ausstel­lung, wusste aber nicht genau, ob sie es schaffte — und Peter geht in der Erzäh­lung dieses Gesprächs so sehr ins Detail, dass es einen erstaunlich tief in die Erzäh­lung hineinzieht, ich weiß gar nicht warum: Ist es seine Präzi­sion? Seine Ehrlichkeit, mit der er dieses Tele­fonge­spräch schildert und einord­net?

Weit­er: Kaf­fee, Schreibtisch, dann seine Fan­tasien: Die ELLE-Redak­teurin kön­nte ihn ja wom­öglich ver­führen. Es klopft, sie ist da. Er beschreibt ihre Erschei­n­ung, ihr Ausse­hen, ihre Begeg­nung, wiederum sagen­haft präzise, detail­liert, man kann sich die Szene regel­recht vorstellen, alles läuft wie in einem Film in meinem Kopf ab. Dazwis­chen reagiert Lin­da immer wieder auf seine Erzäh­lun­gen. Sie lächelt, fragt nach, will weit­ere Details wis­sen, geht ihm einen Kaf­fee holen. Obwohl er der Erzäh­ler ist, ist es den­noch ein Gespräch, das wie bei einem Ping­pongspiel hin und her­wech­selt. Und so mäan­dert das Gespräch durch Peters Tagesablauf, manch­mal schweift es ab, streift weit­er ent­fer­nte Dinge, kommt zurück zum Tagesablauf. Weit­ere Tele­fonge­spräche, mit dem Galeris­ten, der ihn nervt, und den er anlog, er müsse jet­zt in die Dunkelka­m­mer, stattdessen legte er sich aber wieder hin. Um Punkt 12 rief er dann Allen Gins­berg an. War aber beset­zt. Also ging er Zigaret­ten kaufen. Zwanzig nach 12 ist er endlich zu sprechen, Hujar soll Bilder von Gins­berg machen für die New York Times. Sie verabre­den sich für den Nach­mit­tag in Gins­bergs Apart­ment in der Low­er East­side, auch wenn Gins­berg eigentlich etwas gen­ervt von der Aktion ist. Peter gießt die Blu­men, über­legt sich, was er zu seinem Gins­berg-Besuch in der Low­er East Side anziehen soll, dann geht er los. Unan­genehm sei die Gegend, in der Gins­berg wohnt.  — Schnitt: Jet­zt geht das Gespräch auf dem Dach weit­er, die New York­er Rooftops sind ja erweit­erte Leben­sräume (siehe übri­gens hier: https://avisualzine.com/2022/11/30/an-ode-to-the-life-at-top-the-photobook-tar-beach-by-susan-meiselas/). Auf dem Dach geht das Gespräch weit­er, es ist wirk­lich nur ein kurz­er Ortswech­sel.

Also weit­er: Peter erzählt, wie herun­tergekom­men das Apart­ment von Allen Gins­berg ist. Eine Menge Details geschehen, bis sie dann raus gehen, um die Fotos machen, vor einem aus­ge­bran­nten Haus. Und und und. Es ist unglaublich faszinierend, Peters Erzäh­lun­gen zu ver­fol­gen, die ganzen Details, und ich kann gar nicht so genau sagen, warum das eigentlich so faszinierend ist. Ist es der Ein­blick in das New York längst ver­gan­gener Zeit­en? Als die Bronx bran­nte und die Low­er East Side noch kein über­teuertes, gen­tri­fiziertes Vier­tel war? Ist es der Ein­blick in kurze Leben­sauss­chnitte von Allen Gins­berg und Susan Son­tag etc.? Ist es die Ehrlichkeit, mit der uns Peter Hujar seinen Tagesablauf schildert, so ohne Eit­elkeit, möglicher­weise viel ehrlich­er, als uns selb­st das gelin­gen würde? Vielle­icht geht es auch darum, was viele Filme so faszinierend macht: Jeman­dem dabei zuzuschauen — bzw. in diesem Fall zuzuhören, wie er arbeit­et, die genauen Abläufe. Und noch viel span­nen­der ist es, jeman­den dabei zu begleit­en, wie er kün­st­lerisch pro­duk­tiv ist.

“Mir wurde während der Drehar­beit­en zu diesem Film bewusst, dass sich fast alle meine Filme um den kün­st­lerischen Prozess drehen”, erzählt Ira Sachs in einem Inter­view. “Im Zen­trum ste­ht oft die Entste­hung eines Werkes, sei es ein Doku­men­tarfilm, ein Gemälde für ‘Love Is Strange’ oder, wie in ‘Pas­sages’, ein Spielfilm. Dieser Prozess­gedanke ist mir daher sehr wichtig. Und genau darüber redet auch Hujar.” Mir fällt im Ver­gle­ich dazu etwa Greg Kwedars Film “Sing Sing” aus dem Jahr 2024 ein, der von der Entste­hung ein­er The­at­er­auf­führung erzählt. Auch in “Sing Sing” wird sehr viel erzählt und gere­det — und am Schluss wird geprobt und aufge­führt. Ich mochte “Sing Sing” sehr, aber “Peter Hujar’s Day” ist da noch weit kon­se­quenter, zurück­hal­tender in der Ver­wen­dung filmis­ch­er Mit­tel — und eigentlich ist ger­ade das Kam­mer­spiel­hafte, nur aufs Erzäh­lerische beschränk­te das beina­he radikale, kon­se­quente Ele­ment dieses Films. Natür­lich funk­tion­iert das auch beson­ders gut, weil es den bei­den Haupt­darstellern, Ben Whishaw und Rebec­ca Hall, so überzeu­gend gelingt, das Doku­men­tarische in diesen Spielfilm hineinzubrin­gen. “Peter Hujar ist beina­he ein Genie”, sagt Ira Sachs. “Nicht wegen sein­er Fotos, son­dern weil er sich an so viele Details erin­nert. Nicht viele Men­schen kön­nen das.” Und so erleben wir in 75 Minuten eine tiefe Fasz­i­na­tion für das Alltägliche, für das Banale, das im kün­st­lerischen Entste­hung­sprozess steckt. Und diese Fasz­i­na­tion ist ein­er­seits Peter Hujar und Rebec­ca Rosenkrantz zu ver­danken und ander­er­seits den Darstellern der bei­den. Die wirk­liche Genieleis­tung liegt aber vielle­icht darin, dass da jemand wie Ira Sachs ankam und sich dachte: Wie wäre es, wenn ich aus so etwas Unfilmis­chem wie einem bloßen Dia­log, ein­er sim­plen Erzäh­lung — einen faszinieren­den und unvergesslichen Film mache?

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