
Von Jazz habe ich so unerfreulich wenig Ahnung. In meiner Jugend habe ich einmal ein paar Jazzsampler gekauft und natürlich habe ich in meinem Leben schon eine Handvoll Filme mit Jazzbezug gesehen. „Green Book“ von Peter Farrelly zum Beispiel. „Whiplash“ von Damien Chazelle. „Cotton Club“ von Francis Ford Coppola. „Bird“ von Clint Eastwood. „Die Glenn Miller Story“ von Anthony Mann. „Mo‘ Better Blues“ von Spike Lee. Und nicht zu vergessen „The Jazz Singer“ von Alan Crosland aus dem Jahr 1927 – der als der allererste Tonfilm gilt. Ich zitiere die Berliner Börsenzeitung vom 28.11.1929:
„Im Gloria-Palast zeigt man jetzt die Tonfilmfassung des Al-Jolson-Films ‚Der Jazzsinger‘, den wir bekanntlich in der vorigen Saison bereits in der stummen Version kennenlernten. Wir haben es hier mit dem frühesten großen amerikanischen Tonfilm zu tun, der noch vor dem ‚Singing Fool‘ vor etwa drei Jahren drüben hergestellt wurde. Der beispiellose Erfolg des ‚Jazzsinger‘ rief dann die umfangreiche amerikanische Tonfilmproduktion ins Leben. In Würdigung dieser Tatsachen hat der verspätet zu uns kommende Film ein gewisses historisches Interesse. Tontechnisch wirkt naturgemäß heute vieles überholt; die Tränenseligkeit des Sujets und insbesondere die mit der bekannten schluchzenden Rührung vorgetragenen Lieder Al Jolsons (nicht zuletzt sein „Kol nidrei“) werden bestimmt auch heute noch ihre Wirkung nicht verfehlen. Das große Ereignis, das er bestimmt vor einem Jahr gewesen wäre, ist dieser Film für uns heute natürlich nicht mehr.“
Meine vielleicht intensivste Jazzhörphase ist noch gar nicht so lange her, es gab Zeiten in denen ich, wenn ich Radio hörte, dann vor allem auf meinem batteriebetriebenen UKW-Radio das Berliner Jazzradio hörte, das allerdings mittlerweile seine UKW-Frequenz aberkannt bekommen hat und nun nur noch digital zu empfangen ist. Jedenfalls war Jazzradio jener UKW-Sender, auf dem mich das Gerede am wenigsten gestört hat – zumindest in meinen eskapistischsten Phasen, in denen ich keine Lust auf Weltnachrichten hatte.
Nun stellt der britische Regisseur Grant Gee auf der Berlinale eben seinen Jazzfilm „Everybody Digs Bill Evans“ – Anlass genug, dass ich mich vorab etwas mit Leben und Werk von Bill Evans beschäftigen sollte – doch halt, wer ist eigentlich Grant Gee? Also: Brite, Jahrgang 1964, Kameramann, Regisseur, Wikipedia sagt: „He is most noted for his 1998 documentary Meeting People Is Easy about the British alternative rock group Radiohead.“ Okay. Im Jahr 2007 machte er noch eine Joy Division-Doku, 2011 der Film „Patience: After Sebald“ und 2015 die Dokumentation „Innocence of Memories“ nach dem Orhan Pamuk-Roman „Das Museum der Unschuld“, der in Venedig am Filmfestival lief.
Aber nun zu Bill Evans. Bill Evans ist 1929 in Plainfield in New Jersey geboren, „in einer Familie des weißen Mittelstands“, Zitat Wikipedia. Er studierte Musik stieß auf den Jazz, auch sein Bruder Harry war mit der Musik verbandelt, er wurde schließlich Musiklehrer. Bill ging zur Army, zog dann nach New York und begann mit Auftritten bei Veranstaltungen Geld zu verdienen. Es folgten etliche Plattenveröffentlichungen mit Trios und diverse Projekte, 1958 ging er acht Monate mit Miles Davis auf Tour. Mit Schlagzeuger Paul Motian und dem Bassisten Scott LaFaro gründet er ein Trio, dessen kreative Arbeit ein jähes Ende durch den plötzlichen Unfalltod LaFaros nimmt. Drogenprobleme bestimmen fürderhin sein Leben. Dennoch verbringt er noch erfolgreiche Jahre, bevor er 1980, mit gerade einmal 51 Jahren, an diversen Folgen seiner Drogensüchte starb.
„It is virtually impossible to imagine the past 45 years of modern jazz without Bill Evans“, schreibt Keith Shadwick in seiner Evans-Biographie. „The New Jersey-born pianist and composer’s groundbreaking ideas were so widely absorbed by his peers and subsequently by every new generation of musicians that he ranks alongside the most influential figures in post-war jazz – Thelonious Monk, Charles Mingus, Miles Davis, John Coltrane, Charlie Parker and Dizzy Gillespie.“
DIE ZEIT schrieb 1980 in ihrem Nachruf: „Er konnte gleichsam aus Erde Porzellan machen. Ganz filigranes Porzellan.“ Und: „Mit Bill Evans betrat nun ein Pianist das Feld, der eine Art von Demokratie innerhalb des Trios einführte. (…) Der großkotzige Monolog des Solisten hatte ausgespielt.“
Dann noch ein letztes Zitat, und zwar seines Biografen Peter Pettinger, der in der 1998 erschienen Biografie „Bill Evans: how my heart sings“ schrieb:
„Then my friend brought along the trumpeter’s latest— something called ]azz Track. The piano on this stunning record was being played by an unknown musician with an ordinary name: Bill Evans. But the way he was shading his tone was anything but ordinary; he sounded like a classical pianist, and yet he was playing jazz. I was captured there and then— the archetypal pivotal moment. The concept of the ‚Bill Evans sound‘ instantly enshrined and distilled what I had always hoped to hear. It was the plaintive harmony, the lyrical tone, and the fresh textures that captivated so; it was the very idea that one style of music could be played with the skills and finesse normally only brought to another; it was a timeless quality, a feeling that the music had always been there; and above all, it was a yearning behind the notes, a quiet passion that you could almost reach out and touch.“
Der erste kurze Pressetext, der nach der Veröffentlichung des Berlinaleprogramms erschien, hob die Bedeutung des Todes LaFaro hervor, und weiter heißt es: „Der Film zeigt das Innenleben eines musikalischen Genies, das lernen muss, dass zur Musik auch Pausen gehören.“
Grant Gee sagt: „I first became aware of Bill Evans as a photograph. A photograph by Lee Friedlander (captioned as 1961 but probably 1962). A pianist is sat at a piano in the foreground, center frame and facing us. Two other musicians are just behind, framing him. These two are younger and having a ball, laughing like they can’t believe their luck. The pianist, who at first glance is an Ivy League Mid-Century jazz dream is, at second glance, looking like he’s seen a ghost. The photograph made me want to find out what kind of music was made by the man who’d seen a ghost. When I heard that music, I was gone. Couldn’t believe the …lightness, I guess.“
Der Film ist in der Tat kein gewöhnliches Musikerbiopic mit den entsprechenden Klischeestandardfiguren und den üblichen Plotpoints, mit denen man es oft zu tun bekommt. Der größte Teil des Films spielt in der Zeit nach dem Tod von Scott LaFaro, als Bill Evans sich zu seinen Eltern zurückzog, die inzwischen zur Rente nach Florida gezogen sind. Es gibt eine Handvoll Zeitsprünge in die Vergangenheit und Zukunft, die wir erleben, aber das Grundgerüst der Handlung spielt in eben jenen Wochen, die der Musiker bei seinen Eltern verbringt. Und jetzt wird’s interessant: Ist Bill Evans vielleicht sonst schon nicht sehr gesprächig, ist er in dieser Zeit wohl noch introvertierter als sonst. Eigentlich bekommen wir gar nichts aus ihm heraus. Macht nichts, sein Vater (großartig und toll ihn mal wieder zu sehen: Bill Pullman) redet für zwei und unternimmt einiges mit seinem Sohn, golfen gehen, in die Kneipe und so weiter. Die Mutter hingegen ist fürsorglich und freut sich, sich um ihren Sohn kümmern zu können. Und so lernen wir einiges über diesen außergewöhnlichen Künstler, aber eigentlich kaum über ihn, sondern vor allem über die Menschen um ihn herum, vor allem seine Eltern. In den Rück- und Vorblenden kommt dann noch einiges dazu, nämlich in Begegnungen mit Bills Bruder, der auch immer Musiker war, aber nicht so erfolgreich, über Bills Lebensgefährtin. Und irgendwann taucht sogar seine (Ex-)Freundin bei den Eltern auf: Sein Plattenlabel hat sie geschickt, weil er nicht für eine Vertragsunterzeichnung zu erreichen war.
Das Ganze ist in durchaus eindrücklichem Schwarzweiß gefilmt – und weil wir das so vollkommen anders als herkömmliche Biopics präsentiert bekommen, finde ich das auch toll, dennoch hatte ich so gewisse Probleme damit, das Leben eines komplett introvertierten Menschen erzählt zu bekommen. Aber: Vieles funktioniert – und am meisten habe ich mich über das Wiedersehen mit Bill Pullman gefreut.
Und zuletzt noch einmal der Regisseur: „My dad listened to a lot of Oscar Peterson and Errol Garner and what I heard reminded me of that, but Bill’s music just had some kind of space, light and lightness which I’d never heard before. It made – still makes – normal life feel kind of galumphing.“