
„Wie gehen wir damit um, wenn wir es mit einem Regime zu tun haben, das uns daran hindert, unsere Arbeit so auszuüben, wie wir es für richtig halten, unsere Meinung so zu sagen, wie wir sie sagen wollen? Wie gehen wir mit einem System um, das uns in den zivilen Tod schickt, also vom gesellschaftlichen Leben ausschließt, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beruflich auslöscht?“ Diese Fragen stellt İlker Çatak in seinem neuen Film, den er bei der 76. Berlinale vorstellt: „Gelbe Briefe“. Zunächst stellt er diese Fragen in Bezug auf das türkische Regime, aber wir werden bald sehen, dass das eine beinahe globale Allgemeingültigkeit zu bekommen droht. Aber zuallererst, bevor es politisch wird, ist „Gelbe Briefe“ eine Familiengeschichte, und das will ich vorwegnehmen, das macht den Film besonders stark.
Der Film erzählt uns die Geschichte von Aziz (Tansu Biçer) und Derya (Özgü Namal), einem erfolgreichen Ehepaar in der türkischen Hauptstadt Ankara. Die beiden sind am Staatstheater tätig, er als Regisseur und Dramaturg, Uniprofessor ist er auch noch. Sie ist die gefeierte Darstellerin in den Stücken ihres Mannes. Die hohe Kunst spielt für beide eine Rolle, so etwas wie TV-Angebote beispielsweise hat Derya immer abgelehnt. Und was sie auch scheut, ist die Öffentlichkeit nach der Theaterpremiere, schnurstracks verschwindet sie in der Garderobe und schließt sich ein. Vielleicht verärgert Derya damit auch ein paar wichtige Männer der türkischen Gesellschaft, vor allem verpasst sie – Gott sei Dank denkt sie – die Begegnung mit einer wichtigen Agentin, die extra aus Istanbul angereist ist, um sie zu treffen: Kübra (Jale Arikan). Die will sie nämlich für eine lukrative Rolle in einer Fernsehserie gewinnen, wie gut, denkt Derya, dass sie das verpasst hat. Und dass der Gouverneur kein Foto mit ihr bekommen hat: Der Kerl hat nicht einmal sein Handy in der Vorstellung ausgemacht. Zu Hause erwartet das gefeierte Ehepaar deren wenig an der mondänen Theaterwelt interessierte Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas), 13 Jahre alt. Schon im Taxi war im Autoradio zu vernehmen, dass es in der türkischen Öffentlichkeit rumort: Am nächsten Tag wird eine bedeutende Friedensdemonstration auf Ankaras Straßen abgehalten werden, fast alle aus Aziz‘ Unikurs haben sich angeschlossen – und die paar wenigen pflichtbewussten Studenten, die doch da sind, muss er dann an ihre demokratische Pflicht erinnern – und er überredet sie kurzerhand, auch auf die Straße zu gehen.
Doch das sollte noch Konsequenzen haben. Kurzerhand entlässt die Uni alle renitenten Dozenten, die sich gegen das Regime gewandt haben. Alle erhalten den „Gelben Brief“, den Entlassungsbrief. Zum Teil sind es Vorwände, die vorgebracht werden: Man hätte nicht die geforderten Wochenstunden abgearbeitet und man hätte mit herablassenden Bemerkungen Persönlichkeitsrechte verletzt.
Auch am Theater passiert Dramatisches: Aziz‘ Stück wird abgesetzt, stattdessen ein altes Stück wieder aufgeführt. Doch die Schikanen beschränken sich nicht nur aufs Berufliche: Abends taucht plötzlich ihr Vermieter, Herr Zülifikar (Vedat Erincin), auf, die Polizei sei dagewesen, Verräter und Terroristen würden im Haus verkehren. Wut erfasst die beiden – aber auch Hilflosigkeit: Ihre wirtschaftliche Grundlage ist massiv in Gefahr. Wovon sollen sie leben, wenn sie beide ihre Jobs verlieren? Und vor allem: Wie sollen sie das ihrer Tochter Ezgi erklären? Bei der Demonstration der Theaterkollegen hat Aziz jedenfalls schon ein schlechtes Gefühl. Und da erhält auch Aziz ihren gelben Brief.
Verzweifelt zieht die kleine Familie nach Istanbul zu Aziz‘ Mutter (İpek Bilgin) in deren beengte Wohnung. Doch es wird noch schlimmer kommen: Gegen Aziz ist eine Klage eingereicht worden und der Staatsanwalt fordert eine Haftstrafe wegen Beleidigung des Präsidenten. Aziz sucht Hilfe, in seinen Istanbuler Netzwerken, Derya zieht in Erwägung, ihre künstlerischen Prinzipien über Bord zu werfen. Vielleicht sollte sie nun doch Kontakt aufnehmen mit jener TV-Agentin, die neulich zur Premiere in Ankara war…
Nach dem großen Erfolg seines Films „Das Lehrerzimmer“, der unter anderem mit einer Oscarnominierung geehrt wurde, kehrt Regisseur İlker Çatak mit „Gelbe Briefe“ wieder zur Berlinale zurück, diesmal im Wettbewerb. „Die Idee entstand 2019, als ich für einen früheren Film in Istanbul war“, erzählt er. „Kolleg:innen aus der Branche erzählten mir damals von den Entlassungsschreiben, die sie erhalten hatten, und den zum Teil hanebüchenen Begründungen. Etwa: Sie hätten in der Umkleide des Theaters geraucht und deshalb müsse ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden. Circa zweitausend Künstler:innen und Akademiker:innen wurden zwischen 2016 und 2019 suspendiert und vor Gericht gestellt, weil sie eine Friedenspetition unterzeichnet hatten. Dies waren umfassende Säuberungen in den Bereichen Wissenschaft und Kultur, die nach der Reaktion der Regierung auf die Petition einsetzten und sich nach dem Putschversuch im Sommer 2016 noch verschärften. Berufsverbote wurden ausgesprochen,
Gerichtsverfahren ließen auf sich warten — die Menschen wurden in eine Warteposition gezwungen, in der sie allein vom Warten mürbe wurden. Für mich war es entscheidend, nicht einfach den Staat anzuprangern, sondern das Ganze aus der Perspektive einer zunächst intakten Ehe zu betrachten. (…) Mir war es wichtig, diese Fragen im Kontext einer Familiendynamik zu erzählen, denn ich glaube, dieses Thema geht uns alle an, und diese Fragen werden in den kommenden Jahren immer lauter, egal ob wir in der Türkei, der EU oder in den USA leben.“
Zunächst habe ich oft ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn ein Regisseur, der vorher weitgehend unbekannt war, nun einen großen Erfolg einfährt: Wie wird sein nächster Film aussehen? Das war auch meine Sorge nach dem Erfolg von „Das Lehrerzimmer“. Ich hätte ja befürchtet, dass İlker Çatak sich nun vornimmt, etwas richtig Großes zu drehen, einen Genrefilm, mit CGI, mit dramatischen Plotpoints, mit Action oder was weiß ich. Aber er tut genau das Gegenteil: Er dreht eine berührende Familiengeschichte, vermeidet dramatische Höhepunkte, bleibt sich selbst treu, nimmt sich vielleicht sogar noch mehr zurück, bleibt nahe an dieser Familie dran. Wie dankbar bin ich İlker Çatak für dieses Fingerspitzengefühl. Was diesen Film aber noch viel mehr zu einem absolut außergewöhnlichen Werk macht ist folgende Entscheidung: Dass er ein solch regimekritisches Werk nicht in der Türkei drehen konnte, schien klar. Also filmte er schlicht in Deutschland, aber nicht einfach so: Er ernennt Berlin zu Ankara und Hamburg zu Istanbul, verheimlicht das nicht und tut auch nicht so, als ob das jetzt halt zwei türkische Städte wären. Er blendet es ein: Berlin ist Ankara und Hamburg ist Istanbul. Und dann sieht man halt auch mal den Fernsehturm und die Elbphilharmonie und deutsche Autos und Straßenschilder. Er baut diese Umbenennung der Städte gar in die Handlung ein: Aziz wundert sich einmal, dass man „Taxi“ heute nicht mehr mit „ks“ schreibt. Oder die Fahrt mit dem Boot vom asiatischen zum europäischen Teil wird durch eine Bootsfahrt im Hamburger Hafen ersetzt. Diese Idee ist so grandios, dass man eigentlich all die anderen Varianten (Stadt x wird in Stadt y gedreht; oder gleich in mehreren Städten; Drehorte werden per CGI angepasst oder im Studio gedreht etc.) erst gar nicht mehr sehen möchte. Berlin ist Ankara und Hamburg ist Istanbul. Punkt. Der Film gewinnt dadurch nämlich an Ehrlichkeit, er gewinnt eine Verortung, man spürt, dass hier alles stimmt, die Straßen, die Wege, der Charakter der beiden Städte.
Aber das Raffinierte dieser besonderen Idee ist auch, dass man in jeder Minute, in der man die Einschränkung der Freiheit dieser Familie mit erlebt, man gleichzeitig denkt: Wie ist das, wenn so etwas bei uns passiert? Der Film erhält einen geradezu universellen Subtext. Was passiert, wenn bei uns eine autoritäre Kraft an die Macht käme? Die DOP des Films, Judith Kaufmann erzählt: „Bei GELBE BRIEFE kam aber noch etwas hinzu, was für uns alle ganz neu war. Denn obwohl der Film in der Türkei spielt, haben wir in zwei deutschen Städten gedreht, die stellvertretend für die Türkei stehen: Berlin verkörpert Ankara, Hamburg Istanbul. Die Idee war, auf visueller Ebene eine abstraktere Form zu finden – und so eine universelle Geschichte zu erzählen: darüber, wie Menschen unter Druck geraten, ihre Werte hinterfragen und ihre moralischen Grenzen neu definieren müssen. Genau darin lag die Herausforderung. Wir erzählen mit ausschließlich türkischen Schauspieler:innen, in ihrer Sprache und ‚ihrer Heimat‘ – und sind zugleich nie wirklich dort. Dieses Spiel mit der Frage ‚Wo befinden wir uns?‘ wurde zu einem zentralen Bestandteil des Projekts. Ist der Ort überhaupt entscheidend? Oder erzählen wir etwas, das überall auf der Welt geschehen könnte? Uns war es wichtig, diese ‚Orts-Transformation‘ bewusst und spielerisch anzugehen – ohne den Versuch, die Türkei künstlich zu imitieren, etwa durch Straßen- oder Nummernschilder. Wir wollten Orientalismus vermeiden, keinen touristischen, sentimentalen Türkei-Blick, sondern eine klare, formale Haltung. Dafür haben wir uns eine Art Regelbuch erstellt, das unsere gestalterische Linie vorgab.
Eine weitere große Herausforderung war für mich die Sprache – die ausschließlich türkischen Dialoge.“
„Gelbe Briefe“ gehört für mich daher in jedem Fall jetzt schon zu den Bärenfavoriten dieser Berlinaleausgabe. Und das gilt insbesondere auch für diesen grandiosen Cast. Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas und İpek Bilgin tragen diesen wundervollen Film.