„Die Person, die die ersten Schritte auf dem Mars machen wird, ist aller Wahrscheinlichkeit nach bereits geboren – vielleicht geht sie schon in die Schule oder liest gerade dieses Buch.”

„Wo die Zukun­ft der Raum­fahrt begin­nt” von Ani­ka Mehlis im Kne­se­beck Ver­lag

Der Kne­se­beck Ver­lag entwick­elt sich allmäh­lich zu einem kleinen Spezial­is­ten für Wel­traum­lit­er­atur – eine zutief­st erfreuliche Entwick­lung. Nach der fan­tastis­chen Graph­ic Nov­el „Auf­bruch ins Weltall” von Arnaud Dela­lande und Éric Lam­bert (hier ein Auszug aus mein­er Buchbe­sprechung vom Mai 2025: „Arnaud Dela­lande und Éric Lam­bert gelingt ein spek­takuläres, beein­druck­endes Graph­ic Nov­el-Werk über die vie­len Dekaden der Wel­traum­forschung. Mein Sohn, bald 10, der die Lei­den­schaft für Raum­fahrt von mir über­nom­men hat, hat auch schon einige Blicke in das Buch unter­nom­men. Vielle­icht ist es ja für ihn noch span­nen­der als für mich, auch wenn ich ihm, glaube ich, noch viel über die Hin­ter­gründe des Kalten Kriegs etc. erläutern muss. Jeden­falls: Es ist ein fabel­haftes Buch voller Geschicht­en und Erzäh­lun­gen aus der Geschichte der Erforschung des Alls, ein Buch, das sowohl mein Sohn als auch ich noch oft wieder in die Hand nehmen wer­den.”) und dem neulich erschienen fan­tastis­chen Bild­band „Der Traum vom Wel­traum – Men­schen, Mis­sio­nen und Meilen­steine der Raum­fahrt” erscheint nun Ani­ka Mehlis’ Buch „Wo die Zukun­ft der Raum­fahrt begin­nt – Als Ana­log-Astro­nautin zwis­chen Erde und Mars”.

NATO-Alpha­bet und Funksprache-Train­ing an der Oper­a­tions-Kon­sole während des Basis­train­ings im
Suit­lab. © OeWF/Florian Voggened­er – Buch: Kne­se­beck Ver­lag

Für Raum­fahrt inter­essiere ich mich seit ich ein Kind bin, spätestens seit dem ersten Space Shut­tle-Start 1981, als ich neun war und fürder­hin jeden Zeitungsauss­chnitt sam­melte, in dem es um das Weltall und um Raum­fahrt ging. Colum­bia, Chal­lenger, Dis­cov­ery, Atlantis, Endeav­our waren die Namen, die für mich von Bedeu­tung waren, eben­so wie MIR und später die ISS. Nicht mehr mit­bekom­men aber schon gelebt habe ich während der let­zten paar Apol­lo-Mis­sio­nen. Als Apol­lo 15 lan­dete, war ich zwei Monate alt, als mit Apol­lo 17 die let­zten Astro­naut­en den Mond betrat­en, war ich anderthalb. Ambi­tio­nen, Astro­naut wer­den zu wollen, hat ich zu kein­er Zeit. Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich das nie auch nur im Ent­fer­n­testen in Erwä­gung zog. Eher noch wäre ich Astro­physik­er gewor­den, was ich wirk­lich einige Monate meines Lebens ern­sthaft erwog, wäre ich dann nicht irgend­wann anders abge­bo­gen.

Ani­ka Mehlis, eigentlich Biolo­gin, Umweltin­ge­nieurin und pro­movierte Gesund­heitswis­senschaft­lerin, bringt uns nun ihr beru­flich­es Leben als „Ana­log-Astro­nautin” näher, ein Begriff, der ihr am Anfang so son­der­bar vorkam, wie mir auch, als ich die Unter-Über­schrift des Buch­es las. Was ist das also, eine Ana­log-Astro­nautin? »Analog-Astronaut:innen (AA) sind speziell aus­ge­bildete Raumanzugtester:innen. Sie wer­den nach einem umfassenden Auswahlver­fahren selek­tiert und durch­laufen eine mehrmonatige Grun­daus­bil­dung. Einge­set­zt wer­den sie bei tech­nis­chen Tests und ›in Analo­gie zu‹ zukün­fti­gen men­schlichen (Mars-)Expeditionen für vor­bere­i­t­ende Forschungs- und Entwick­lungsar­beit­en«, erfährt Mehlis auf der Web­seite des ÖWF, des Öster­re­ichis­chen Wel­traum Forums. „AAs” sollen also in der Tat Rau­manzüge testen (unter anderem, dass das nur ein klein­er Teil der Arbeit ist, wer­den wir bald erfahren). Das klingt im ersten Moment banal, nach einem Test­woch­enende mit anschließen­dem Frage­bo­gen. Ana­log-Astro­nautin zu sein ist allerd­ings alles andere als banal. Ersten durch­lief Mehlis ein hartes, mehrstu­figes Auswahlver­fahren, mit sportlichen Prü­fun­gen, Stresstests, Tests des All­ge­mein­wis­sens usw. – und zweit­ens ist es mit einem kurzen Test nicht getan, es geht um die langfristige Entwick­lung und Vor­bere­itung eines Mars­flugs. Die Erprobung der Rau­manzüge – und über­haupt die Pla­nung ein­er Marsmis­sion – ist näm­lich aus ver­schieden­sten Grün­den äußerst kom­plex. Erstens darf so gar nichts schiefge­hen, denn wenn etwas schiefge­ht sind die betrof­fe­nen Marsreisenden kurz­er­hand tot. Und zweit­ens sind die Bedin­gun­gen auf dem Mars ganz anders als auf der Erde. Atmo­sphäre, Schw­erkraft, Tem­per­a­turen – alles ist kom­plett anders und so richtig kann man damit die Rau­manzüge auf der Erde gar nicht testen, man muss immer die völ­lig ver­schiede­nen Umge­bungs­be­din­gun­gen auf dem Mars mit­denken.

Ani­ka beim Don­ning des Hard Upper Tor­sos des Rau­manzugsim­u­la­tors während eines Dress Rehearsals für Amadee20. Robert (links) und Alon (rechts) sind Suit­techs. © OeWF/Florian Voggened­er – Buch: Kne­se­beck Ver­lag

Nach den harten Prü­fun­gen, Tests und Unter­suchun­gen erhält Mehlis schließlich kurz vor Wei­h­nacht­en 2018 die Zusage: »Du bist dabei, wir haben uns für dich entsch­ieden.« Mehlis ist die einzige Frau, zu ihrem Team gehören Ärzte, Physik­er, ein Raum­fahrtin­ge­nieur, ein IT-Spezial­ist und ein Neu­rowis­senschaftler. Die Aus­bil­dung begin­nt in Inns­bruck, wo das ÖWF sitzt. Neben den wirk­lichen Tests und Übun­gen mit den Rau­manzü­gen enthält die Aus­bil­dung auch Grund­la­gen in Geolo­gie, Astro­physik, PR-Kom­pe­ten­zen und Fotografie – poten­zielle Marsreisende müssten etliche Kom­pe­ten­zen vor­weisen kön­nen. Es gibt sog­ar Train­ings darin, die Hand­schuhe zu benutzen. Klingt banal, leuchtet aber ein: „Ich ziehe die drei Schicht­en an und ver­suche, ein mag­netis­ches Molekülmod­ell zusam­men­zuset­zen, während ich auf einem Wack­el­board ste­he. Nach nur ein­er hal­ben Stunde spüre ich jeden Muskel in meinem Kör­p­er. Die Übung ver­mit­telt mir eine erste Idee von der Her­aus­forderung, ein­fache Bewe­gun­gen in einem Rau­manzug auszuführen.”

Man übt das Über­leben in der Wild­nis, gibt Pressekon­feren­zen, hält sich sportlich fit, lauscht den Vorträ­gen von echt­en Astro­naut­en, etwa Prof. Dr. Rein­hold Ewald, der in Stuttgart Astro­nau­tik lehrt samt prak­tis­ch­er Ein­führung in den real­is­tis­chen Stuttgarter Sojus-Sim­u­la­tor: „Alles ist mit kyril­lis­chen Buch­staben beschriftet, und im Hin­ter­grund hören wir über Funk Gespräche auf Rus­sisch – sowohl um ein real­is­tis­ches Gefühl zu erzeu­gen als auch um zu simulieren, wie viel gle­ichzeit­ig auf einen ein­stürmt.”

Es sind die kleinen Details in diesem Buch, die auch jeman­dem wie mir, der schon etliche Büch­er über Astronomie und Raum­fahrt gele­sen hat, große Freude machen, etwa die Bemerkung, dass auch die neben Olym­pus Mons kleineren Vulka­ne auf dem Mars so hoch sind, dass sie aus der Atmo­sphäre her­aus­ra­gen und man Stern­schnup­pen unter sich sehen kön­nte, wenn man auf ihren Gipfeln stünde.

Die Tests und Lehrgänge in Öster­re­ich und Deutsch­land wer­den schließlich mit der Prü­fung abgeschlossen, im Okto­ber 2021, nach ein­er pan­demiebe­d­ingten Ver­schiebung, nimmt Mehlis schließlich erst­mals an ihrer ersten Mis­sion in Israel teil. Die Bedin­gun­gen in der Wüste in Israel sollen in Ansätzen jenen auf dem Mars gle­ichen: „Wahrschein­lich fühlt sich ein Mit­tag auf dem Mars eher wie ein später Nach­mit­tag auf der Erde an. Die Sonne erscheint dort deut­lich klein­er und blass­er. Den­noch bräucht­en wir stärk­eren Son­nen­schutz, da ohne schützende Atmo­sphäre die UV-Strahlung viel stärk­er ist. Der Gedanke an Son­nen­brand bringt mich zurück ins Hier und Jet­zt”, schreibt Mehlis.

All-female EVA im Son­nenun­ter­gang: Car­men und Ani­ka während eines Medi­en-EVA in Israel während
der Vor­bere­itungsphase (Bridge­head-Phase) von Amadee20. © OeWF/Florian Voggened­er – Buch: Kne­se­beck Ver­lag

Auch wenn das Ziel gar nicht direkt ist, Astro­nautin­nen oder Astro­naut­en für eine Marsmis­sion auszusuchen, ähnelt die Aus­bil­dung über weite Streck­en der Vor­bere­itung auf eine echte Raum­fahrt­mis­sion. Viele der Beschrei­bun­gen ihrer Lehrgänge, Kurse und der Mis­sio­nen, an denen Mehlis teil­nimmt – nach dem Pro­jekt in Israel fol­gen noch Ein­sätze in Arme­nien und an anderen Orten – erin­nern mich in ihrer Detail­ver­liebtheit und Aus­führlichkeit an jene bish­er aus­giebig­ste Beschrei­bung der Vor­bere­itung und Durch­führung ein­er Wel­traum­mis­sion, die mir untergekom­men ist: die 9 Stun­den und 46 Minuten dauernde Pod­cast­folge der Rei­he „Alles gesagt”, dem end­losen Pod­cast der ZEIT, dem sich im Jahr 2024 der Astro­naut Matthias Mau­r­er stellte. Ein faszinieren­der Beitrag, mit leg­endären Details zur ISS-Toi­lette zum Beispiel – und zu allen anderen Phasen ein­er Wel­traum­mis­sion.

Irgend­wann gegen Ende des Buch­es resümiert Ani­ka Mehlis: „In den näch­sten Jahren wird viel passieren, und ich werde geban­nt ver­fol­gen, wie Men­schen auf dem Mond und später auf dem Mars Tech­nolo­gien ein­set­zen, an deren Entwick­lung ich beteiligt war. Ges­pan­nt erwartet die Wis­senschaft­lerin in mir die Antworten auf unsere Forschungs­fra­gen und noch ges­pan­nter die neuen Fra­gen, die sich daraus ergeben wer­den. Meine Kinder wur­den in ein­er Zeit geboren, in der noch nie alle Men­schen gle­ichzeit­ig auf der Erde waren.” Das sind wun­der­bar pos­i­tiv und opti­mistisch klin­gende Sätze, die Zukun­ft­saus­blicke und Visio­nen ausstrahlen, wie wir sie brauchen und wie ich sie gerne auch meinem Sohn nahe­brin­gen will. Diese Neugierde auf die Welt, die Ani­ka Mehlis besitzt, gepaart mit dem Willen, Prob­leme selb­st in die Hand zu nehmen zu wollen, sind Kom­pe­ten­zen, die wir brauchen. Und zu dieser pos­i­tiv­en Welt­sicht gehört eben auch der Satz: „Die Per­son, die die ersten Schritte auf dem Mars machen wird, ist aller Wahrschein­lichkeit nach bere­its geboren – vielle­icht geht sie schon in die Schule oder liest ger­ade dieses Buch.” Danke daher für dieses Buch, liebe Ani­ka Mehlis.

Ani­ka Mehlis

Wo die Zukun­ft der
Raum­fahrt begin­nt

Als Ana­log-Astro­nautin zwis­chen
Erde und Mars

Klap­pen­broschur, 304 Seit­en,
mit 35 far­bigen Abbil­dun­gen
Preis € 22,- [D] 22,70 [A]
ISBN 978−3−95728−970−4
Erschei­n­ung­ster­min 25. Sep­tem­ber 2025
Auch als eBook erhältlich:
Preis € 17,99
ISBN 978−3−98962−043−8

https://www.knesebeck-verlag.de/wo_die_zukunft_der_raumfahrt_beginnt/t‑1/1387

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