A GOODNIGHT KISS von Giedrė Zickyte im Wettbewerb des goEast Filmfestivals

Im verschneiten Vilius. Die Stadt ist friedlich, die Altstadt ist beschaulich. Die Stimme aus dem Off, die der Regisseurin, erzählt, wie sie eines übriggebliebene alte hebräische Inschriften an Wänden entdeckte. Hinweise auf die jüdische Bevölkerung. Giedrė Žickytė ist eine litauische Filmregisseurin, die sich insbesondere mit ihren Dokumentarfilmen ein der litauischen Filmszene einen Namen gemacht hat, im Jahr 2022 erhielt sie sogar den Litauischen Nationalpreis für Kultur und Kunst.

Und dann begegnen wir Irena Veisaitė, an ihrem Geburtstag, sie kann sich der vielen gleichzeitig aus der ganzen Welt eintrudelnden Geburtstagsanrufe kaum erwehren, hat sie sich auf dem einen Telefon für die herzlichen Wünsche bedankt, so klingelt auch schon wieder das andere Telefon. 92 ist sie geworden und an der Tür klingelt es jetzt auch noch. Blumen, Gäste, Anrufe aus New York, Barcelona undundund – ein wundervolles Gewusel. Die Wohnung ist voller Bilder und Erinnerungen – und voller Bücher. Sie war Literaturwissenschaftlerin, Theaterkritikerin und vieles mehr. Irena Veisaitė ist 1928 in Kaunas geboren. Gestorben ist sie Ende des Jahres 2020, im selben Jahr hatte sie noch das Bundesverdienstkreuz erhalten; jener 92. Geburtstag, das sollte ihr letzter gewesen sein.

Und nun erzählt uns der Film von ihrem Leben, zeigt alte Bilder, Aufnahmen aus Litauern. Vom jüdischen Leben in Vilnius, das das Jerusalem des Nordens genannt wurde. Sogar alte Farbaufnahmen aus der Zeit gibt es. Und dann sollte der Zweite Weltkrieg und die folgenden Jahrzehnte den Charakter der Stadt komplett ändern. 1941 war Irena Veisaitė im Ghetto in Kaunas inhaftiert, „Nimm niemals Rache”, sagte ihre Mutter zu ihr, bevor sie starb, Worte, die sie nie vergessen sollte. Irena Veisaitė war nicht nur eine berühmte litauische Kulturschaffende, sie war auch eine Holocaust-Überlebende. „Irena Veisaitė : tolerance and involvement“ heißt das Buch, das Yves Plasseraud über sie schrieb. Im Jahr 2004 erzählte sie dem Holocaust Museum in Washington ihre Lebensgeschichte. Auch der Regisseurin und damit uns erzählt sie aus ihrem Leben. Sie zeigt uns Fotos von ihrer biologischen Mutter und von jener Mutter, die sie später aufzog. Jene Mutter, die ihr dabei half, zu überleben.

Wir erfahren von Irenas eigentlich glücklicher Kindheit in einer wohlhabenden Familie, weitgehend glücklich bis auf die Scheidung ihrer Eltern im Jahre 1938. Der Vater zog weg aus Litauen und sie blieb bei der Mutter, aber später verbrachte sie zwei Monate mit ihm und reiste mit ihm durch Europa. In die Schweiz, nach Belgien, sogar nach Berlin. Das ging damals noch – eine sonderbare Situation für Irena als Jüdin damals in Berlin zu sein. Sie erfuhr von Diskriminierung der Juden, aber für sie als Ausländerin würde das nicht gelten, erläuterte ihr ihr Vater. Aber dann kam der Krieg. Dann fielen die Nazis in Litauen ein. Ihre Mutter wurde verletzt, kam ins Krankenhaus, wurde verhaftet, 35 Jahre alt – es kam der letzte Tag, an dem Irena ihre Mutter das letzte Mal sah.

Sie gibt ihr noch ein paar letzte Ratschläge fürs Leben mit, wertvolle Ratschläge. Wann genau die Mutter gestorben ist, weiß Irena nicht, es gibt zwar ein offizielles Todesdatum, aber das sei erfunden, erzählt sie. Lange glaubte sie noch daran, dass ihre Mutter irgendwann wiederkehren könnte. Dann kam der Tag, als sie ins Ghetto ziehen musste, zunächst scheinbar eine Erleichterung, weil sie das Gefühl hatte, dort sicherer zu sein. Aber natürlich war das Ghetto kein sicherer Ort. Dass sie das Ghetto überlebte, war Zufall. Aber irgendwie, erzählt sie, erinnert sie sich dennoch an mehr gute als an schlechte Dinge, das sei so ihre Natur…

Ihren Optimismus behielt sie ihr Leben lang, ebenso ihr Mitgefühl für andere. Giedrė Žickytė zeigt in ihrem Film Aufnahmen von früher und stellt sie Bildern der Gegenwart gegenüber. A GOODNIGHT KISS wurde zu einem berührenden Film, einer Hommage an Irena Veisaitė. Immer wieder springt der Film in die Gegenwart, beziehungsweise in die Zeit vor ihrem Tod. Einmal sind Schülerinnen bei ihr zu Besuch, ein sehr berührender Moment, wie sie von ihrem Ehemann, von ihrer Vergangenheit.

Vor einiger Zeit sagte die Regisseurin in einem Interview über Irena Veisaitė: „Ihr unerschütterlicher Lebensmut und ihre außergewöhnliche Menschlichkeit haben mich tief beeindruckt. […] Ich begann vor einigen Jahren, die Idee zu diesem Film zu entwickeln. Ich habe mich für eine beobachtende Methode entschieden, um Irenas Geschichte zu erzählen – sie im Hier und Jetzt zu begleiten und ihre Geschichte anhand alltäglicher Situationen zu enthüllen. Man kann sagen, dass ich durch meine Filmkamera von ihr gelernt habe. Doch dann brach die Pandemie aus, und ich konnte nicht weiterdrehen, und schließlich nahm uns die Pandemie auch noch Veisaite… Das war und ist immer noch zutiefst schmerzhaft. Daher ist das Material, das wir in der Entwicklungsphase und zu Beginn der Produktion gedreht haben, sehr wertvoll geworden. Die Aufnahmen sind ein Zeugnis der letzten Jahre im Leben dieser außergewöhnlichen Frau, und die Lücke wird durch Archivmaterial gefüllt.“

„A Goodnight Kiss“ ist ein bedrückender und berührender Film über eine wundervolle, starke Frau. Lange wird er in Erinnerung bleiben.

Caligari Do, 23.04. / 18:15 Uhr
Apollo Fr, 24.04. / 18:15 Uhr
CinéMayence Mainz Sa, 25.04. / 20:00 Uhr

IRENA

BGR, EST, LTU 2025 / 89 min / OmeU
Sprache: Litauisch, Englisch, Deutsch, Russisch, Estnisch
Regie: Giedrė Zickyte
Kamera: Eitvydas Doškus
Schnitt: Claudio Hughes , Atanas Georgiev , Danielius Kokanauskis
Musik: Märt-Matis Lill
Ton: Jonas Maksvytis

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