SAI: Disaster von Kentarō Hirase und Yutaro Seki beim Nippon Connection Filmfestival in Frankfurt am Main

Bereits in seiner 26. Ausgabe läuft vom 2. bis 7. Juni 2026 in Frankfurt am Main das japanische Filmfestival „Nippon Connection“. 20.000 Zuschauer haben die letztjährige Ausgabe besucht, rund hundert Filme werden auch dieses Jahr wieder zu sehen sein, Filme, die sich um einen der sechs Filmpreise bewerben, Nippon Rising Star Award, Nippon Cinema Award, Nippon Visions Jury Award, Nippon Visions Audience Award, Nippon Docs Award und Nippon Storytelling Award. Essen und japanisches Rahmenprogramm gibt es dazu auch, die Japan Times hat einst über das Festival geschrieben: „What’s the best place on the planet for catching up on the entire range  of contemporary Japanese cinema, from experimental shorts to commercial hits? My candidate is Nippon Connection.“ 

Zu einem der Highlights des diesjährigen Festivals gehört der ursprünglich als Miniserie konzipierte Spielfilm „SAI: disaster“ von den beiden Regisseuren Kentarō Hirase und Yutaro Seki.

Beide haben bisher ein schmales filmisches Oeuvre von ein paar Kurzfilmen, von denen zwei in Cannes liefen, und einem gemeinschaftlichen Spielfilm vorzuweisen, der Spielfilm heißt „Miyamatsu to Yamashita“, auf englisch „Roleless“ aus dem Jahr 2022, ein Drama über das Leben eines Seilbahnbetreibers und Filmstatisten, neben den beiden war Masahiko Sato der dritte Regisseur. Auch dieser Film war bereits bei Nippon Connection zu sehen, das Festival schrieb damals: „Mit schnellen Szenenwechseln erzählt ROLELESS vom ewigen Kreislauf aus Leben und Tod.“ In San Sebastian lief „Roleless“ damals auch. Seki und Hirase sind in den Achtzigern geboren, kennengelernt haben sie sich an der Tokyo University of the Arts.

„Sie nannten es eine ‚Katastrophe‘ – etwas, das unser Leben grundlos, ohne Vorwarnung, ohne Gnade und sogar ohne Bosheit zerstört“, erzählt Kentaro Hirase über ihren neuen Film. „Obwohl es erschreckend gewaltsam ist, bleibt seine Präsenz unmerklich, bis es plötzlich zuschlägt. Mit ‚SAI: disaster‘ wollten wir diese ‚unsichtbare Angst‘ in einer nie zuvor gesehenen Form darstellen.“ Und zuallererst: Für einen zweiten Film sieht dieser Film richtig gut aus.

Meeresrauschen, dann ein Erdbeben, die Möbeln rattern, die Gläser klappern, relativ lange für unsere mitteleuropäischen Gemüter. Eine junge Frau, nachts auf dem Fahrrad zur Arbeit, wir sind in Chiba, Japan, eine Großstadt östlich von Tokio, knapp eine Million Einwohner, eine Hafenstadt, Eisenbahnknotenpunkt. In einem Restaurant arbeitet die junge Frau, morgens beginnt sie ihren Dienst, recht gelassen unterhält man sich über das Erdbeben, für japanische Verhältnisse war das nichts Dramatisches. Ein mysteriöser Fischer als Kunde, der Frau läuft ein kurzer, sonderbarer Schauer über den Rücken. Dann sehen wir den Mann wieder, unscharf in den Armaturen der Küche gespiegelt, hinter dem Rücken der Frau. Dramatische Musik. Abends: Feierabend, die Frau vor ihrem Haus am Meer, raucht eine Zigarette. Schnitt. Eine Leiche im Wasser, Blut. Ist es die Frau? Erkennen wir ihren Ring wieder? Die Leiche dümpelt im Wasser.

Schnitt. Jetzt sind wir ganz woanders, Yokohama, die berühmte Hafenstadt, so groß wie Berlin. Eine Schülerin, Japanischunterricht, man macht sich heimlich über den Lehrer lustig. Und wieder Schnitt.

Da ist der LKW-Fahrer, der alkoholisiert jemanden überfahren hat, seither seinen Beruf nicht mehr ausüben darf und in private Schwierigkeiten gekommen ist. Und nun hat er eine Begegnung mit eben jenem sonderbaren Mann.

Um eine Handvoll Menschen geht es, die an verschiedenen Orten leben und dort jeweils ein gewöhnliches, vielleicht sogar ein trostloses Leben führen. Diese Menschen begegnen sich gar nicht. Aber die Existenz dieser Menschen ist unwissentlich mit einem mysteriösen Mann verknüpft, eigentlich ein scheinbar freundlicher, netter – und vor allem jederzeit unverdächtiger – Kerl, in unterschiedlichen, wechselnden Identitäten – Hiroki Daimon steht irgendwann in einer seiner Rollen auf seinem Namensschild (gespielt wird er von Teruyuki Kagawa, der schon in „Roleless“ zu sehen war). Niemand sieht diese Verbindung, niemand erkennt diesen sonderbaren Mann – außer das Publikum. Noch nicht einmal die Polizei glaubt an seine Existenz. Aber für das Publikum verkörpert dieser Mann einen düsteren, abgrundtiefen Schrecken. Und irgendwann wird er zur Verkörperung des Unheils – in diesem, 128 Minuten langen, äußerlich weitgehend unblutigen Thriller, Drama, Horrorfilm?

Die Erzählweise des Films macht es nicht einfach, der Handlung zu folgen. Da ist der Mann, der scheinbar unter dem Auto liegend verunfallt ist, weil der Wagenheber zusammenbrach und er so erschlagen wurde. Da sind die anderen Leichen, denen wir noch begegnen werden. Aber es ist schwierig, den Handlungs- und Ortssprüngen zu folgen, es ist nicht einfach zu identifizieren, in welchem Handlungsstrang wir uns gerade befinden. Zumindest: Mir fällt das schwer. Das ist visuell brillant erzählt, mit eindrücklichen, einprägsamen Bildern, einem zurückhaltenden, minimalistischen Soundtrack – der aber zugegebenermaßen bisweilen der Faktor ist, der die Handlung unheimlich macht, ohne dass die entsprechende Handlung im Bild das wirklich hergibt. Die sich verändernde, wechselnde Identität des Serienmörders ist in der Tat ein mutiges Erzählmittel, ich bin in diesem Genre nicht so sehr unterwegs, aber ich glaube das habe ich so noch nie gesehen. Die stärkste Figur ist die ermittelnde Polizistin, die gegen den Widerstand ihrer männlichen Kollegen den Verdacht verfolgt, dass es sich um eine Mordserie handeln könnte. Insofern: Ein mutig und raffiniert erzählter Thriller, der mich aber durch die disparate Erzählweise leider auch immer wieder verliert. Dass die Mordtaten selbst aber nicht erzählt, sondern ausgespart werden – und damit die erzählerischen Genreklischeefallen umschifft werden, halte ich in jedem Fall für eine der großen Stärken des Films.

https://nipponconnection.com/de/start

SAI: disaster
Japan | 2025 | Color | 128’
DCP 2K | 1:1.185 | 5.1ch
o.v. Japanese
Director: Yutaro Seki, Kentaro Hirase
Screenplay: Yutaro Seki, Kentaro Hirase
Cast: Teruyuki Kagawa, Anne Nakamura, Pistol Takehara,
Kaito Miyachika, Sena Nakajima, Ryuhei Matsuda, Chika
Uchida, Kisetsu Fujiwara, Jiro[Sissonne], Maki Sakai, Yumi
Adachi, Kai Inowaki
Producer: Hiromichi Hieda
Production design: Masato Ando
Cinematography: Shigeto Kunii
Editing: Yutaro Seki, Kentaro Hirase
Sound: Hiroyuki Saijo, Hajime Komiya
Music: Masayuki Toyota
Production: DENTSU
Co-production: Bitters End, CANOPUS

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