Filmkritik: LA ESTRELLA ROJA von GABRIEL MATÍAS LICHTMANN beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg 2022

LA ESTRELLA ROJA.

Mock­u­men­taries gehören zu den, wie ich finde span­nend­sten Gen­res der Filmgeschichte, ange­siedelt zwis­chen Spiel- und Doku­men­tarfilm. Zur Erin­nerung: Mock­u­men­taries sind fik­tive Filme, die so tun, als wären sie Doku­men­tarfilme. Zu den bekan­ntesten Exem­plaren dieses außergewöhn­lichen Gen­res gehören so ver­schiedene Filme wie ZELIG von Woody Allen (1982), bei dem es um einen Mann geht, der sich chamäleonar­tig seinem Gegenüber anpassen kann, BLAIR WITCH PROJECT, jen­er berühmte „Found Footage“-Filme, in dem es um ange­bliche Hor­ror­erleb­nisse geht, die auf eben­so ange­blich aufge­fun­den­em Video­ma­te­r­i­al aufgenom­men wor­den seien, oder BORAT, eine inter­es­sante Unter­form des Gen­res, bei dem ein Teil der Auf­nah­men in der Tat eben doch auf doku­men­tarische Weise ent­standen sind. LA ESTRELLA ROJA von Gabriel Matías Licht­mann läuft nun bei der diesjähri­gen Aus­gabe des Jüdis­chen Film­fes­ti­vals Berlin-Bran­den­burg (14.–19. Juni 2022, https://jfbb.info/).

Im Mit­telpunkt dieses argen­tinis­chen Mock­u­men­taries ste­ht Laila Sala­ma. Sie arbeit­ete wohl für den britis­chen Geheim­di­enst und beteiligte sich 1960 an der Ent­führung von Adolf Eich­mann in Buenos Aires. Beziehungsweise tat sie nicht, weil sie eben gar nicht existierte. Der Film begin­nt 1934, mit alten Schwarzweißauf­nah­men über das jüdis­che Leben in Argen­tinien. Das Purim­fest in Buenos Aires wird auf der Aveni­da de Mayo gefeiert. Dem Feind, den Nazis, begeg­net man beim Umzug mit Humor. Mehrere Mäd­chen ste­hen zur Auswahl, zur Köni­gin Esther gewählt zu wer­den, doch die Favoritin Laila Sala­ma – ver­schwindet plöt­zlich.

Wir sprin­gen ins Jahr 2003, die Zeit vor den Drehar­beit­en zum Film „Jews in Space“, erzählt der Filmemach­er aus dem Off. Bei der Recherche, so erzählt er, sei er bei seinem Groß­vater auf alte Fil­mauss­chnitte, ein Drehbuch, Büch­er, Fotos etc. gestoßen. Das sei das erste Mal gewe­sen, dass er etwas über Laila Sala­ma erfahren hätte. Jahre später beschloss er, sagt er, einen Doku­men­tarfilm über sie zu drehen. Es fol­gen Inter­views mit Schrift­stellern, His­torik­ern, Filmemach­ern, Lit­er­atur­wis­senschaftlern, Filmwis­senschaftlern. Es gebe einen Tan­go mit dem Titel La Estrel­la Roja, den ihr Ehe­mann, für sie kom­poniert habe. Dann erfahren wir einige Details aus der „Biografie“ von Laila Sala­ma: Tochter eines MI6-Agen­ten, Lieb­haberin von Rom­mel, Infor­man­tin für Wiesen­thal, sie spi­onierte Eich­mann aus. Die Details wer­den durch Fotos „belegt“. Wir begeben uns auf eine Spuren­suche nach den Geheimnis­sen dieser jun­gen Frau. Eine alte Aus­gabe von Goethes Werther hat etwas damit zu tun; ein gewiss­er Per­cy Fos­ter, der sich aber bedeckt gibt und ein Gespräch abbricht, als der Filmemach­er begin­nt, von Laila Sala­ma zu sprechen. Ein alter Film, „A Purim Sto­ry“, ein ange­blich unent­deck­tes Meis­ter­w­erk der Filmgeschichte, das ange­blich über das Leben Lailas gedreht wurde, wird analysiert. Es gibt Bezüge zu Gre­ta Gar­bo als „Mata Hari“ – der Film sei ein­er der Gründe gewe­sen, warum Laila Spi­onin wer­den wollte. Die Recherchen führen zu den Verbindun­gen der Nazis nach Argen­tinien, und über argen­tinis­che Nazis in den Dreißigern. Es gab Naziver­samm­lun­gen in Buenos Aires. Laila kommt ins Spiel, schon mit 16 spi­onierte sie für den MI6, macht sich an Rom­mels inneren Kreis her­an. Schließlich erhält der Filmemach­er doch noch wichtige Infor­ma­tio­nen von jen­em mys­ter­iösen Per­cy Fos­ter…

In Mock­u­men­taries spie­len immer auch das Ver­hält­nis zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit eine Rolle. Licht­mann arbeit­et mit sub­til­er Ironie und Humor. Er the­ma­tisiert immer wieder indi­rekt die Wahrheit und Ver­i­fizier­barkeit von Biografien, die Bewe­is­führung durch his­torische Doku­mente. Die Stim­mung, der Grund­ton in LA ESTRELLA ROJA ist dur­chaus mit Woody Allens ZELIG ver­gle­ich­bar. Mit einiger Selb­stironie stellt Licht­mann auch sich selb­st in den Mit­telpunkt der „Recherche“- und manch­mal hat man auch sehr das Gefühl, er würde von seinen „Infor­man­ten“ arg an der Nase herumge­führt.

LA ESTRELLA ROJA ist ein her­rlich­es, außeror­dentlich­es Exem­plar des Mock­u­men­tary-Gen­res, das der Regis­seur Gabriel Matías Licht­mann mit her­rlich­er Selb­stironie und einigem Spaß daran, die Zuschauer in die Irre zu führen, insze­niert hat. Licht­mann kom­piliert sämtliche Stilmit­tel des Doku­men­tarfilms, dass es ger­adezu eine Freude ist – egal wo die Auf­nah­men herkom­men.

Empfehlenswert.

CREDITS

Orig­i­nali­tel LA ESTRELLA ROJA
Inter­na­tionaler Titel THE RED STAR
Deutsch­er Titel THE RED STAR

JFBB Sek­tion WETTBEWERB SPIELFILM
Regis­seur GABRIEL MATÍAS LICHTMANN

Land AR
Jahr 2021
Dauer 72 MIN

LA ESTRELLA ROJA läuft beim Jüdis­chen Film­fes­ti­val Berlin-Bran­den­burg 2022. Tick­ets gibt es ab dem 30. Mai 2022:
https://jfbb.info/programm/filme/the-red-star

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