IM SCHATTEN DER TRÄUME von Martin Witz ab 6. Februar 2025 im Kino

Selb­st wer die Namen Bruno Balz und Michael Jary nicht ken­nt, wird erstaunt sein, wie viele Lieder des Kom­pon­is­ten Jary und des Tex­ters Balz er oder sie ken­nt – und mit­sum­men, ‑pfeifen, ‑sin­gen kann. Bei Gele­gen­heit muss ich ver­i­fizieren, ob das nur für Men­schen gilt die, ich sage mal 40 oder älter sind, oder ob das wom­öglich auch noch für junge Men­schen gilt, die um 2000 geboren sind. Über vierzig Jahre lang waren Balz&Jary das wohl pro­duk­tivste und erfol­gre­ich­ste Kom­pon­is­ten-Tex­ter-Duos der deutschen Film­musik und – oft genug über­schnitt sich das – des deutschen Schlagers. Ich weiß, dass ich Lieder wie „Ich weiß, es wird ein­mal ein Wun­der gescheh’n“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ seit mein­er Kind­heit oder mein­er Jugend kenne, ich kann aber nicht so recht ein­sortieren, woher genau. Den Film, für den die bei­den Lieder, wohl die berühmtesten des Duos, kom­poniert und getex­tet wur­den, „Die große Liebe“ aus dem Jahr 1942 – mit mehr als 20 Mil­lio­nen Zuschauern der erfol­gre­ich­ste Film des Drit­ten Reichs – habe ich mit Sicher­heit erst deut­lich später gese­hen. Vielle­icht kamen die in Lieder in irgen­dein­er Sam­stagabend-TV-Show Ende der Siebziger oder so vor.

Michael Jary ist 1906 in Schle­sien geboren, Ende der 20er Jahre kam er nach Berlin, aus rel­a­tiv ein­fachen Ver­hält­nis­sen stam­mend wirk­te die Metro­pole auf ihn sowohl schock­ierend als auch faszinierend. Die ern­ste Musik war für ihn zunächst von Bedeu­tung, aber von Anfang an spielte er auch in Tanzkapellen, auch um sich das Geld für sein Studi­um zu ver­di­enen. Er wurde er an der Staatlichen Musikhochschule Berlin aufgenom­men, die heutige Uni­ver­sität der Kün­ste. Hin­demith, Schön­berg, Straw­in­sky gehörten zu seinen Pro­fes­soren. Es war eine linke Hochschule und es gab viele jüdis­che Lehrer, was mit der Machter­grei­fung der Nazis 1933 bald zu Prob­le­men führen würde. Schon bald beset­zten Mit­glieder des „Kampf­bun­des für deutsche Kul­tur“ den Saal der Hochschule.

Bruno Balz hinge­gen war gebür­tiger Berlin­er, Jahrgang 1902, auch er kam aus recht ein­fachen Ver­hält­nis­sen, bere­its Anfang der 20er Jahre schrieb er seine ersten Lied­texte. Schon in jun­gen Jahren, während des Ersten Weltkriegs hat­te er sein Com­ing Out als homo­sex­ueller junger Mann gehabt, was ihn zu einem Ver­fol­gten unter der Naz­i­herrschaft machen wird. Im Jahr 1936 wird er das erste Mal ver­haftet und nach §175 zu sechs Monat­en Gefäng­nis verurteilt. Man rät ihm, falls er seine Kar­riere als Tex­ter weit­er­führen wolle, solle er doch heirat­en, was er dann auch tat, er heiratete seine Cou­sine. Später, 1941, wird er ein zweites Mal ver­haftet wer­den, ange­blich soll er einen Hitler­jun­gen angemacht haben, möglicher­weise war das eine Falle. Jary wird seine kurzfristige Freilas­sung erre­ichen, weil die bei­den, so Jary, für Goebbels kriegswichtige Kom­po­si­tio­nen für den Film „Die große Liebe“ kom­ponieren müssten.

Zurück in die 30er Jahre: Zu Bruno Balz‘ erstem großen Erfolg wer­den Texte zu ein­er Ton­fil­mop­erette, zur Geschlechterkomödie „Vik­tor und Vik­to­ria“ von Rein­hold Schünzel aus dem Jahr 1933. Balz schrieb dazu auch Dialog­texte. Bere­its hier erken­nt man seine Grat­wan­derung zwis­chen intel­li­gen­tem Humor und dem Klis­cheespiel, das in seinem Werk immer wieder erkennbar sein wird. Auch das Geschlechter­spiel mit Augen­zwinkern wird in seinen Tex­ten wieder auf­tauchen, in der Naz­izeit ein „Tanz auf dem Vulkan“. Im Jahr 1937 begin­nt dann die Jahrzehnte andauernde Zusam­me­nar­beit zwis­chen Jary und Balz – die auch die Geschichte ein­er engen Fre­und­schaft sein wird, ver­mut­lich eines der wichtig­sten Erfol­gsrezepte ihrer Arbeit­en. Sie ziehen sog­ar in das gle­iche Haus, nach Char­lot­ten­burg in die Fasa­nen­straße 60. Sie beziehen direkt übere­inan­der liegende Woh­nun­gen, die tägliche Zusam­me­nar­beit ist so leicht möglich, wenn der eine eine Idee hat, klopft er dem anderen entwed­er auf Boden oder mit dem Besen an der Decke Bescheid. Manch­mal sind sie bei der Kom­po­si­tion­sar­beit aber auch zu laut, dann kam es schon mal vor, dass die Polizei vor­beikam.

In vie­len der Filme, für die Balz und Jary Lieder schreiben, wird Zarah Lean­der die Inter­pretin der Werke sein. „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ für den Film „La Habanera“ von Detlef Sier­ck (der sich später, in die USA aus­ge­wan­dert, Dou­glas Sirk nen­nen wird und eine große Hol­ly­wood­kar­riere haben wird) aus dem Jahr 1937 wird der erste Text von Balz sein, den Zarah Lean­der intoniert, eben­so dann „Kann den Liebe Sünde sein?“ für „Der Blau­fuchs“ von Vik­tor Tour­jan­sky aus dem Jahr 1938. Der große Balz-Jary-Lean­der-Erfolg wird dann 1942 aber Rolf Hansens Pro­pa­gan­da- und Durch­hal­te­film „Die große Liebe“ sein, mit den bere­its erwäh­n­ten Titeln „Ich weiß, es wird ein­mal ein Wun­der gescheh’n“ und „Davon geht die Welt nicht unter“, bei­des an der Ober­fläche Durch­hal­tenum­mern, allerd­ings mit ein­er sub­ver­siv­en Dop­peldeutigkeit.

Nach dem Krieg wird die Kar­riere und die Zusam­me­nar­beit der bei­den noch lange nicht been­det sein, auch wenn Balz sich zunächst den Alli­ierten gegenüber recht­fer­ti­gen muss, warum er Durch­hal­te­texte gedichtet habe – aber schließlich war er selb­st Opfer der NS-Zeit. Auch in der Nachkriegszeit wird Zarah Lean­der Balz-Texte in Fil­men sin­gen. Bald tauchen aber neue, junge Inter­pretinnen und Inter­pre­ten auf: etwa Bibi Johns oder Hein­t­je.

Der Schweiz­er Regis­seur Mar­tin Witz kom­piliert in „Im Schat­ten der Träume“ Fil­mauss­chnitte, his­torische Inter­views und verknüpft sie mit heuti­gen Inter­pre­ta­tio­nen der Balz/­Jary-Kom­po­si­tio­nen und Inter­views etwa mit Musik­ern wie Götz Als­mann oder mit His­torik­ern zu ein­er beein­druck­enden wie unter­halt­samen Dop­pel­bi­ografie. Witz erzählt: „Die Biografien und das Werk dieses kon­ge­nialen (und heute fast vergesse­nen) Ges­panns erlauben es, ein Stück Zeit­geschichte zu erzählen, wie es meines Wis­sens noch nicht erzählt ist, näm­lich aus der Per­spek­tive des Kinos und der pop­ulären Musik: Aus­gewählte Spielfil­mauss­chnitte spiegeln den sich wan­del­nden Zeit­geist und ver­lei­hen mit ihrem fik­tionalen Dri­ve“. Die Inter­view- und TV-Auss­chnitte, die Witz ent­deckt, etwa das Inter­view mit Dou­glas Sirk, oder der „Wer bin ich“-Ausschnitt mit Jary („Machen Sie ern­ste Musik?“ – „Jjjjjjjjj­jein.“) sind großar­tig. Den Inter­view­part­nern zuzuschauen und zuzuhören ist unter­halt­sam und faszinierend: Bibi Johns dabei zuzuse­hen, wie die Erin­nerun­gen in ihr hochkom­men; dem Schaus­piel­er Clau­dio Man­is­cal­co bei seinen Fun­den im Balz-Archiv; Rain­er Rother, dem Chef der Deutschen Kine­math­ek, dem man sowieso immer gerne dabei zuhören kann, wie er über Filme und Zeit­geschichte redet; und bei Götz Als­mann kom­men musikhis­torische und musikalis­che Exper­tise zusam­men. „Eine Reise durch unsere Pop­ulärkul­tur“ nen­nt Regis­seur Mar­tin Witz seinen Film – und der ist in der Tat ein abso­lut sehenswert­er und kurzweiliger Doku­men­tar­beitrag im jun­gen Kino­jahr 2025.

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Biografie

Mar­tin Witz (Regie & Buch), geboren 1956 in Zürich. Studi­um der Ger­man­is­tik und der Europäis­chen Volk­slit­er­atur. Mit­grün­der des „Vide­o­laden Zürich“. Seit 1988 als freier Film­schaf­fend­er in der Schweiz und in Deutsch­land tätig, zunächst als Autor und Dra­maturg, dann auch als Regis­seur, zumeist für Doku­men­tarfilme in den Bere­ichen Geschichte, Poli­tik und Kun­st. Mit­glied der Schweiz­er Fil­makademie.

Fil­mo­grafie (Auswahl)

  • 1987

„Wen­del“ (als Co-Autor; Regie/Buch: Christoph Schaub)

  • 1988

„Filou“ (als Co-Autor; Regie/Buch: Samir)

  • 1992

„Am Ende der Nacht“ (als Co-Autor; Regie: Christoph Schaub)

  • 1993

„Lud­wig 1881“ (als Co-Autor; Regie: Fos­co & Donatel­lo Dubi­ni)

  • 1997

„Marthas Garten“ (als Co-Autor; Regie: Peter Liechti)

  • 2007

„Dut­ti der Riese“ (Dok.)

  • 2010

„Hugo Koblet – Pédaleur de charme“ (Dok.; als Autor; Regie: D. v. Aar­burg)

  • 2011

„The Sub­stance – Albert Hofmann’s LSD“ (Dok.)

  • 2013

„Die Gen­tle­men bat­en zur Kasse“ (TV; als Co-Autor; Regie: C.L. Ret­tinger)

  • 2007

„Gate­ways to New York“ (Dok.)

  • 2024

„Im Schat­ten der Träume“ (Dok.)

Crew

Regie & Buch: Mar­tin Witz

Pro­duzen­ten: Ivan Madeo, Carl-Lud­wig Ret­tinger

Bildgestal­tung: Till Viel­rose

Mon­tage: Ste­fan Kälin

Orig­i­nal­musik: Sven Kaiser

Orig­inal­ton: Alexan­der Heinze, Reto Stamm, Ralf Weber

Mis­chung: Alexan­der Weuf­fen

Ani­ma­tion & Grafik: Peter Volka­rt

Sound­de­sign: Jascha Viehl, Mau­r­iz­ius Staerkle-Drux

Redak­tion: Urs Augstburger/Sven Wälti (SRF/SRG SSR), Kathrin Brinkmann (ZDF/ARTE)

Cast

Mit

Götz Als­mann, Man­fred Herz­er, Micaela Jary, Clau­dio Man­is­cal­co, Rain­er Rother, Klau­dia Wick, Bibi Johns, Car­ol Schuler (Gesang)

https://salzgeber.de/imschatten

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