
Based on the film “UNE BELLE COURSE” written by Christian Carion and Cyril Gély directed by Christian Carion © 2022 UNE HIRONDELLE PRODUCTIONS- PATHE FILMS ARTEMIS PRODUCTIONS TF1 FILMS PRODUCTION —
Taxifahrer ist ein stressiger Job, um so mehr in einer der größten Städte der Welt, Tokio. So geht es auch Koji Usami, der regelmäßig von schlauchenden Nachtschichten zu Hause ins Bett fällt. Seine Frau kümmert sich um Haushalt und Kind, nämlich die Teenagertochter, die, wie toll, eine Empfehlung für die Aufnahme auf eine Musikhochschule bekommen hat. Wie großartig! Was Koji nicht bedacht hat: Es handelt sich um eine Privatschule, die der Teenager besuchen will, und die ist teuer, alleine zum Beginn des Studiums sind 1 Million Yen fällig! Na gut in Euro klingt das etwas weniger, 5.500€, aber trotzdem, für die Familie ist das eigentlich nicht zu stemmen. Aber nun hat er sich schon aus dem Fenster gelehnt, klar würde er die Kosten übernehmen, warf er der euphorischen Tochter entgegen, bevor er auch nur eine Ahnung hatte, was das kostet. Aber in seinem Kopf läuft schon ein Film: Eigentlich ist das nicht zu bezahlen. Die Ersparnisse sind seit der Pandemie aufgefressen. Omas altes haus in Nagano könnte man verkaufen, aber erst einmal prokrastiniert Koji das Finanzproblem lieber weg.
Und dann kommt der Punkt im Drehbuch, wo man ahnt, dass es jetzt einen Zufall benötigt, der das Ganze in die richtige Richtung bringt, auch wenn man das jetzt noch gar nicht ahnt. Der Zufall besteht im Klingeln von Kojis Handy und dem Anruf eines Arbeitskollegen, der krank zu Hause sitzt und den seit Tagen gebuchten Fahrauftrag einer älteren Dame, Takano Sumire, nicht durchführen kann. Koji jammert, die Nachtschicht und so, aber naja, es ist eine Überlandfahrt, und das Geld… Da muss er wohl in den sauren Apfel beißen. Also taucht er bei der old lady in pink auf, die erst einmal komplett genervt ist, weil Koji gar nicht weiß, wohin die Fahrt geht. Nach Hayama in Kanagawa, da wo die kaiserliche Villa steht, erklärt sie ihm ungeduldig. Das liegt so anderthalb Stunden südlich von Tokio, man verzeihe mir meinen kurzen enzyklopädischen Einschub: Kleinstadt in der Präfektur Kanagawa, 32.000 Einwohner, Erholungsort mit Yachthafen. Beschaulich liegt das Örtchen, dessen Internetseite zeigt einen wunderschönen Sandstrand und einen Wald im Hintergrund, ein paar Hotels am Strand, alles hübsch, gelobt wird zum Beispiel der „Morgenmarkt“: „Dieser Morgenmarkt wird gemeinsam von der Japanischen Landwirtschaftsgenossenschaft (JA), der Fischereigenossenschaft und der Handelskammer veranstaltet. Hier finden Sie alle Spezialitäten aus Hayama.“
Aber zurück ins Taxi. Gesprächig ist die Dame nun einmal, da kann sie dem Taxifahrer auch gleich einmal einiges vom Altern erzählen. Müll rausbringen und so sei mittlerweile beschwerlich, und so habe sie in Hayama einen Ort gefunden, an dem sie gut versorgt sei. Aber, und nun rückt sie mit einem entscheidenden Detail heraus: Die Fahrt dorthin soll nicht direkt gehen, nein, erst einmal wolle sie noch ein vielleicht letztes Mal einige bestimmte Orte in Tokio aufsuchen. Na gut, dann wird das eben eine kleine Reiseführertour, das kann Koji nur recht sein, das bringt nämlich mehr Geld. Es geht los mit der Kototoi-Brücke über den Sumida-Fluss. Keine ausgemachte hübsche Sehenswürdigkeit, heute eher eine unscheinbare, hässliche Allerweltsbrücke. Aber: Es ist ein besonderer Ort, erzählt Sumire. Dort ist nämlich ihr Vater gestorben. Kein Unfall, sondern im Krieg, am 10. März 1945, als Tokio bombardiert und gebrannt hat, da war sie fünf Jahre alt. Detailliert schildert sie ihm ihre Erinnerungen. Dann geht es weiter in die Gegend, in der sie aufwuchs, gemeinsam mit ihrer Mutter, die ein Café betrieb. Einst war es eine boomende Gegend, mit lauter Kinos und engen Gässchen. Und dann erzählt sie von ihrer ersten Liebe, zu einem koreanischstämmigen Fabrikarbeiter. Sie schwärmt von ihm. Es war eine große Liebe, doch eines Tages ging er zurück, um dabei zu helfen, Nordkorea aufzubauen. Sie sah ihn nie wieder, hinterließ ihr aber ein „Geschenk“: Sie war von ihm schwanger.
So kommen sich die beiden näher und selbst er, der am Anfang noch mürrisch und verschlossen ist, öffnet sich etwas, erzählt ihm von seiner Familie, von seiner Teenagertochter. Die alte Dame wächst und mit ihren rührenden, emotionalen, spannenden Geschichten immer mehr ans Herz. So erzählt sie die vielen schönen und schweren Phasen ihres Lebens, während wir mit den beiden durch Tokio fahren und immer wieder die Geschichte, die Zeitgeschichte, die Kulturgeschichte Japans durch ihre Erzählungen durchscheint.
Yoji Yamada ist ein japanische Regielegende, mittlerweile 94 Jahre alt und er dreht immer noch Filme. Seine Filmographie ist über 90 Filme lang. Die meisten davon landen nicht auf deutschen Leinwänden, aber es gab eine Phase unter Dieter Kosslick, als Yoji Yamada zu fast jeder Berlinale eingeladen war, insofern hat er in Deutschland durchaus einen gewissen Bekanntheitsgrad. „Tokyo Taxi“ ist ein Remake des französisch-belgischen Films „Driving Madeleine“ von Christian Carion aus dem Jahr 2022, damals fuhren die beiden Hauptfiguren durch Paris, die entsprechenden Geschichten erzählen natürlich von französischer Vergangenheit. Yoji Yamada erzählt den Film weitgehend stilsicher und voller Emotionen, wir sind gerührt von der alten Dame und dem Taxifahrer mit Geldsorgen. Der Film ist berührend aber er ist bisweilen auch lustig und er ist kurzweilig. Die schummrigen Rückblenden, in denen die frühen Jahre der Dame erzählt werden, sind etwas bieder erzählt, auch visuell haut mich das nicht immer vom Hocker, die Aufnahmen aus einem hinterherfahrenden Auto und die Frontalaufnahmen auf das Taxi, in dem ja der größte Teil des Films spielt, sind nicht sehr aufregend – man merkt das vor allem dann, wenn die Kamera bisweilen den POV der Protagonistin einnimmt, dann wird es emotional und subjektiv und visuell interessanter. Trotz allem, ich mochte den Film und habe mich gut unterhalten!
Der Film ist im Juni in Frankfurt am Main beim Nippon Connection Filmfestival zu sehen.
https://nipponconnection.com/de/start