JENSEITS VON SCHULD beim Max-Ophüls-Preis 2025

Regie: Katha­ri­na Köster, Katrin Nemec | Deutsch­land 2024 | 81 Min. | FSK ab 12

Ulla und Didi führten einst ein halb­wegs nor­males Leben. Liebe, Ver­nun­ft spielte bei der Erziehung ihres Sohnes Niels die wichtig­ste Rolle. Eine Fam­i­lie wie jede andere, Eltern wie viele, ein Sohn wie viele, Krankenpfleger wird er. Doch dann bricht ein ungeah­ntes Dra­ma über die Eltern here­in. Aus heit­erem Him­mel, ohne Vorah­nung und von unge­heurem Aus­maß. Ihr Sohn ist Niels Högel, der verurteilt wird für 87 Morde. Began­gen hat er vielle­icht Hun­derte. Aber Högel ist kein Haar­mann, kein Schächter. Seine Waf­fen sind nicht Mess­er, oder Schuss­waf­fen, oder Häm­mer, oder Ähn­lich­es. Er hat seine Tat­en als Krankenpfleger began­gen.

Und für Ulla und Didi hat sich die Welt von einem zum näch­sten Tag kom­plett verän­dert. Nichts ist mehr so, wie es war. Ihr Leben, tagein, tagaus, ist nun bes­timmt von der Schuld und den Tat­en ihes Sohnes. Die Fra­gen, die sie von nun an quälen find­en keine adäquat­en, hil­fre­ichen Antworten. Aber sie wollen ihren Sohn nicht fall­en lassen. Sie ver­fol­gen alles, was über ihren Sohn erscheint, Filme, Büch­er, Fernsehsendun­gen.

Aber zunächst begin­nt der Film mit Ulla und Didi, als älteres Ehep­aar in einem schein­bar ganz nor­malen All­t­ag. Urlaub an der Ost­see, Postkarten schreiben, zu Hause den Fernse­her ein­richt­en.

“Am Anfang unseres Film­pro­jek­ts stand das The­ma: Der Kon­flikt von Eltern, die Kon­takt zu ihrem Kind hal­ten, obwohl es eine Schuld auf sich geladen hat, die nicht verzei­h­bar ist. Jahre­lang haben wir nach Eltern gesucht, die sich trauen, ihre Geschichte zu erzählen”, erzählen Katha­ri­na Köster und Katrin Nemec, die Regis­seurin­nen dieses Doku­men­tarfilms. “Dass wir das Eltern­paar Högel gewin­nen wür­den, deren Sohn ein­er der größten deutschen Serien­mörder ist, war nicht geplant. Entsprechend wichtig war es uns, jed­er Sen­sa­tion­slust zu wider­ste­hen und wirk­lich die gültige Geschichte der Eltern zu erzählen – und nicht doch wieder die des Täters, wie es auf den ersten Blick span­nend erscheint. Über Täter:innen spricht man ständig. Wir wählen eine neue Per­spek­tive, die nicht zulässt, dass die Zuschauer:innen sich abgren­zen und moralisch über die Eltern erheben, son­dern sie fordert, sich einzufühlen.”

Es gibt diese Szene, in der das Ehep­aar eine Doku­men­ta­tion über den Sohn anschaut. Da klin­gelt das Tele­fon. Niels ist dran. Eine ver­wirrende, ver­störende Szene. Ulla ste­hen die Trä­nen in den Augen, Didi ver­sucht Smalltalk mit dem Sohn.

Wenn man den Erzäh­lun­gen der Eltern fol­gt, wird einem plöt­zlich klar, dass auch die Eltern von Mördern Men­schen sind, echte Men­schen, nicht Medi­en­pro­jek­tio­nen. Men­schen mit einem All­t­ag, mit Arbeit, mit ein­er Ver­gan­gen­heit. Men­schen, die einkaufen müssen, in der Angst, jeman­dem zu begeg­nen, dem sie sich erk­lären müssen.

Und hin­ter allem schwebt die Frage: Warum hat Niels Högel das gemacht? Warum hat er als Pfleger so viele Men­schen getötet? Seit vie­len Jahren sind die Eltern schlicht rat­los. Es gab kein Trau­ma, es gab keine schwierige Kind­heit, es gab keine Vor­fälle, es gab keine Ver­wahrlosung oder Gewalt. Und am schw­er­sten zu ertra­gen sind die Kinder­bilder von Niels, die etwas Schönes, Pos­i­tives enthal­ten, das nie wieder zurück­kehren wird; eben­so die Spiel­sachen aus sein­er Kind­heit. “Er war ein hüb­sches Kind, und auch ein ganz Lieber”, sagt Ulla. “Aber woraus resul­tiert das?” hin­ter­fragt Ulla in Tausend Vari­a­tio­nen immer wieder die Gründe dafür, dass ihr Sohn so etwas ver­brochen hat. Was haben sie falsch gemacht? “Ich gebe mir keine Schuld”, sagt Ulla irgend­wann.

Phasen­weise find­en sie dann auch in ihr eigenes, zweisames Leben zurück, das son­st fast durchge­hend­von dem geprägt ist, was ihr Sohn getan hat. “Ich leb auch gerne”, sagt Ulla. Und dann gehen die bei­den auf einem Wei­h­nachts­markt tanzen.

Irgend­wann kommt dann der Geburt­stags­be­such bei Niels im Gefäng­nis…

“Jen­seits von Schuld” ist ein bedrück­endes, irgend­wie auch faszinieren­des Werk über die Eltern eines Mon­sters, das eigentlich kein Mon­ster hätte wer­den dür­fen. Den Sohn sieht man nicht ein­mal — außer in den Kinder­bildern. Seine Tat­en lassen einen rat­los zurück und wir begleit­en die bei­den in ihrer zur Rat­losigkeit gewor­de­nen Leben. Beein­druck­end.

Katharina Köster

Geboren 1984. Sie absolvierte zunächst eine Bal­let­taus­bil­dung. Bis 2017 studierte sie Drehbuch und Doku­men­tarfilm­regie an der Hochschule für Fernse­hen und Film München. Sie lebt und arbeit­et als Drehbuchau­torin und Regis­seurin in München.

Filmografie

2009 KURZZEIT (MF, Dok)

2015 NATASCHA (Dok)

2015 LIEBER LEBEN (Dok)

2023 NACH DEM HAPPY END (Dok)

Katrin Nemec

Geboren 1980. Von 2000 bis 2005 absolvierte sie ihr Mag­is­ter­studi­um in The­ater­wis­senschaft, Neuere Deutsche Lit­er­atur­wis­senschaft und Sozi­olo­gie an der LMU München. Anschließend fol­gte ein Studi­um der Doku­men­tarfilm­regie und Fernseh­pub­lizis­tik an der Hochschule für Fernse­hen und Film München.

Filmografie

2009 KURZZEIT (MF, Dok)

2011 AUS DEM TAKT GERISSEN — ROBERT WOLF (MF, Dok)

2016 VOM LIEBEN UND STERBEN (Dok)

Regie Katha­ri­na Köster, Katrin Nemec

Buch Katha­ri­na Köster, Katrin Nemec

Kam­era Tobias Tem­pel

Mon­tage Miri­am Märk

Musik Cico Beck

Ton Björn Rothe

Pro­duzen­ten Isabelle Bertolone, David Armati Lech­n­er, Tri­ni Götze

Pro­duk­tion Tri­mafilm

Kopro­duk­tion ZDF- Das kleine Fernsehspiel

Förderung Film­Fernse­h­Fonds Bay­ern (FFF), Deutsch­er Film­förder­fonds (DFFF)

Ver­leih RFF – Real Fic­tion Filmver­leih

Weltver­trieb Jour­ney­man Films

Web­site www.trimafilm.com

Alters­freiga­be FSK ab 12

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