FORMEN MODERNER ERSCHÖPFUNG von Sascha Hilpert beim achtung berlin filmfestival – und ab 13.11.2025 im Kino

„Das Zeital­ter der Erschöp­fung”, „Gegen die Infla­tion psy­chi­a­trisch­er Diag­nosen”, „Das Zeital­ter der Ner­vosität”. Lauter psy­chol­o­gis­che Leben­srat­ge­ber liegen auf dem Tisch. Wir bewe­gen uns durch die Gänge eines altehrwürdi­gen Sana­to­ri­ums, ein ural­ter Plan des Gebäudes hängt an der Wand, ein Kor­ri­dor führt zum näch­sten, alte Tape­ten an der Wand. Unser Assozi­a­tions­feuer­w­erk geht unwillkür­lich los: Thomas Manns Zauber­berg, Wes Ander­sens Architek­turkon­struk­tio­nen, die Kor­ri­dore aus Shin­ing, Gore Verbin­skis „A Cure for Well­ness”, Beelitz, Heil­stät­ten. Psy­cho­analy­sesitzun­gen, Entspan­nungsübun­gen, architek­tonisch wie ther­a­peutisch scheint das Sana­to­ri­um seine Hoch-Zeit Jahrzehnte über­schrit­ten zu haben. Frau Dahlhoff aus Ham­burg ist frisch eingetrof­fen, bekommt ihren Sitz­plan im Speis­esaal zugewiesen, in Ansätzen fühlen wir uns an alte Grand-Hotels erin­nert. Und so wan­deln sie und ihre Mit­pa­tien­ten durch den drö­gen All­t­ag des Sana­to­ri­ums. Ther­a­pi­en, Sitzun­gen, Anwen­dun­gen, Langeweile, Begeg­nun­gen mit den anderen Patien­ten. Allen ist gemein, dass sie aus ein­er Leben­skrise her­aus an diesen Ort gelangt sind. Kaum anders als in den mehr als hun­dert Jahren, in denen dieses Sana­to­ri­um bere­its existiert. Und in diesen his­torischen Tiefen des Haus­es gräbt auch eine His­torik­erin im Hausarchiv, forscht nach den Bedin­gun­gen in der Frühzeit des Sana­to­rien­all­t­ags.

»Ich wollte schon lange einen Film machen, indem sich das ‚erschöpfte Indi­vidu­um’ an einem Ort, außer­halb aller Orte wiederfind­et und in dem es um diese rät­sel­hafte Schwäche geht”, sagt der Regis­seur Sascha Hilpert. „Und bald war auch der einzig wahre Schau­platz dafür gefun­den:  ein altes Sana­to­ri­um mit­ten im Harz, das nun zum Pro­tag­o­nis­ten sein­er eige­nen Geschichte wird. Hier ist alles echt. Das ist nie Kulisse. Das ist ein Raum, in dem seit über hun­dert Jahren gebadet und geruht und geheilt wird. Die Mode­di­ag­nosen kamen und gin­gen und hat­ten schöne Namen, wie die Neuras­the­nie, diese selt­same Ner­ven­schwäche des Fin de Siè­cle, die nervöse Erschöp­fung oder der Burnout. Eine Diag­nose ist längst das Rüstzeug der Mod­erne, fast alle haben eine.«

Und auch in der anges­taubten Gegen­wart dieser Ein­rich­tung tut sich einem der Ver­dacht auf, dass wie die Neuras­the­nie auch die Psy­cho­analyse und welche For­men der Ther­a­pi­en sich hier auch immer auf­tun, dass all diese Ther­a­piefor­men vielle­icht den Gipfel ihrer Moder­nität längst über­schrit­ten haben – und durch möglicher­weise hil­fre­ichere Behand­lungsmeth­o­d­en erset­zt wur­den.

Sascha Hilpert gelingt eine überzeu­gende Mis­chung aus Spielfilm, Doku­men­tar­form, Milieustudie und Kul­turgeschichte des Sana­to­ri­ums. Ins­beson­dere die Grat­wan­derung zwis­chen Doku­men­tar- und Spielfilm ist außeror­dentlich faszinierend. Es gibt diese Ana­lytik­erin, die in ihren Sitzun­gen, immer ver­ständ­nisvoll in den Patien­ten hinein­horcht, mit­fühlt, deutet, nahelegt. Das ist so deprim­ierend und nervig wie faszinierend. Auch die Kun­st­ther­a­piesitzung, der sich Frau Dahlhoff hin­gibt ist, schwankt irgend­wo zwis­chen pein­lich und faszinierend: Man beobachtet Frau Dahlhoff, wie sie sich zunächst wider­ständig gibt, sich dann aber ihren ersten Kreativ­itätsver­suchen hin­gibt. Und wie so oft sind es hier auch die arbei­t­en­den Men­schen, die dem Film etwas Reizvolles ver­lei­hen: die Putzkräfte, die Ther­a­peutin­nen, das Küchen­per­son­al. Lange hat man nicht den Ein­druck, dass der Film einem dra­matur­gis­chen Ziel fol­gt, und doch gleit­et er langsam in Rich­tung ein­er Struk­tur, von der doku­men­tarischen hin zur fik­tionalen Form – und dass dies so langsam geschieht ist die beein­druck­ende Stärke dieses Films.

Deutsch­land | 2024 | 118 Min.
Deutsch mit englis­chen UT
Berlin-Pre­mière

Regie Sascha Hilpert Schaus­piel Bir­git Unter­weger, Rafael Sta­chowiak, Wolf List Buch Sascha Hilpert, Mar­tin Rose­feldt Kam­era Dirk Lüt­ter Schnitt Jan­i­na Her­hof­fer Ton Frank Buben­z­er Szenen­bild Albin Müller Musik G.F. Hän­del, Lam­b­chop, The Style Coun­cil, Anti­mo Sor­gente Cast­ing Katrin Vorder­wül­becke Redak­tion Chris­t­ian Cloos (ZDF) Produzent:in Erik Winker, Mar­tin Roel­ly, Ümit Uludag Pro­duk­tion Cor­so Film­pro­duk­tion Kopro­duk­tionZDF – Das kleine Fernsehspiel Ver­leih Real Fic­tion

Berlin Regie

Urauf­führung 58. Inter­na­tionale Hofer Film­tage

https://achtungberlin.de/2025/formen-moderner-erschoepfung

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FORMEN MODERNER ERSCHÖPFUNG startet am 13. Novem­ber 2025 in den deutschen Kinos.
Gedreht wurde der Film in der Klinik Dr. Barn­er in Braun­lage im Harz:
https://klinik-barner.de/

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