I DANCE, BUT MY HEART IS CRYING von Christoph Weinert ab 7.11.2024 im Kino

„Es ist wichtig, sich daran zu erin­nern, dass der Holo­caust etwas ist, was der jüdis­chen Kul­tur ange­tan wurde. Manch­mal bin ich radikal und pro­vokant und sage, wenn man das Wort ‚Jude‘ hört, dann denkt man an Leichen. Und dann heißt das, dass Hitler den Krieg in dein­er Vorstel­lungswelt gewon­nen hat. Es reicht nicht, über diese Zeit Bescheid zu wis­sen, die Fak­ten zu ken­nen, ein wis­senschaftlich­es und his­torisches Ver­ständ­nis zu haben. Wir müssen eine direk­te, per­sön­liche, men­schliche, kör­per­liche Beziehung zu dem haben, was passiert ist. Und die Kun­st ver­set­zt uns in die Lage, das zu tun. Statt also Antworten zu find­en, die die Tür zu dieser Zeit und zu diesen Men­schen schließen, ver­suchen wir, Antworten zu find­en, die diese Türen öff­nen, die die Beziehung zu diesen Men­schen lebendig hält und sie wach­sen und verän­dern lässt. Und genau das ist es, was wir mit diesem Pro­jekt machen“, sagt Alan Bern, ein­er der Musik­er, dem wir in Christoph Wein­erts Doku­men­tarfilm „I dance, but my heart is cry­ing“ begeg­nen. Verzei­hung, dass ich diese Filmbe­sprechung mit einem solch lan­gen Zitat beginne, aber Alan Bern drückt damit genau das aus, was gle­ich in diesem Film erzählt wer­den wird, und warum das so wichtig ist, und warum es auch so wichtig ist, diesen Film heute zu sehen.

Aber begin­nen wir von vorne, worin beste­ht denn das Pro­jekt, von dem Alan Bern spricht? Es geht um Musik, die in den 1920ern und 1930ern geschrieben, kom­poniert, aufge­führt, auf Schel­lack­plat­ten gepresst wurde, jüdis­che Musik, in Deutsch­land, in Berlin. Jüdis­che Kün­st­lerin­nen und Kün­stler waren damals zunächst zutief­st in die deutsche Kul­tur inte­gri­ert, mit ihr ver­bun­den, waren ein bedeu­ten­der Teil des Berlin­er Kul­turlebens. Die jüdis­che Musik jen­er Zeit erzählt sowohl von jüdis­ch­er Tra­di­tion als auch von der dama­li­gen Berlin­er Gegen­wart, erzählen Daniel Kahn, Sänger und Sasha Lur­je, Sän­gerin. Dass wir über­haupt von diesen Liedern erfahren und diesen Doku­men­tarfilm sehen kön­nen, ist zuerst einem Mann zu ver­danken, der mit großem Eifer sein­er Lei­den­schaft nachging – alte Schallplat­ten zu sam­meln, und dafür tief in Archive ein­tauchte: Rain­er E. Lotz. Damals, 1933, als die Nazis die Macht ergrif­f­en hat­ten, erzählt Lotz, wur­den die jüdis­chen Kul­turschaf­fend­en in Deutsch­land mit einem Berufsver­bot belegt. Da die Kün­st­lerin­nen und Kün­stler aber weltweit her­vor­ra­gend ver­net­zt waren, kam es zu einem Skan­dal, der die Nazis zu einem son­der­baren „Kom­pro­miss“ trieb: Die Jüdin­nen und Juden durften weit­er­hin kul­turell aktiv sein, allerd­ings nur im Rah­men des soge­nan­nten „Jüdis­chen Kul­tur­bun­des“, also nur an Orten, an denen auss­chließlich Juden zuge­lassen wur­den. Irgend­wo las Lotz alte Anzeigen aus jen­er Zeit, in denen die Plat­ten zweier Berlin­er Fir­men ange­boten wur­den: Lukraphon und Semer. Er begann etwas über die bei­den Fir­men zu recher­chieren – und fand zunächst – nichts. Ich nehme an: Zuallererst hat er ein­mal gegoogelt – und es gab Null Funde im Inter­net. Man glaubt ja immer, im Inter­net müsste mit­tler­weile auf Zig­mil­liar­den Seit­en alles zu find­en sein. Ist es aber nicht immer, also war seine Neugierde erfacht und er stieß auf einen Moritz Lewin, Besitzer von Lukraphon, Geschäfts­mann in der Friedrich­straße, sowie Hirsch Lewin, den Besitzer des Plat­ten­la­bels Semer, der im Sche­unen­vier­tel lebte, jen­em jüdisch geprägten Vier­tel in der Nähe des Alexan­der­platzes, in der Gegend der heuti­gen Münzs­traße, Wein­meis­ter­straße, Torstraße etc. Bei­de grün­de­ten ihre Plat­ten­fir­men im Jahr 1934 und obwohl sie den gle­ichen Nach­na­men tru­gen, hat­ten sie nichts miteinan­der zu tun. Spätestens jet­zt ent­bran­nte wohl die Neugierde von Rain­er E. Lotz endgültig: Was war das für Musik? Gibt es noch irgend­wo Schallplat­ten der bei­den Fir­men? Er fand her­aus, dass die bei­den bis 1936 sehr aktiv waren, Berlin gab sich weltof­fen, schließlich waren die Olymp­is­chen Spiele in der Stadt, danach war es mit der Weltof­fen­heit vor­bei, wobei die bei­den Fir­men noch eine Zeit­lang weit­er pro­duzieren kon­nten. Mit der Reich­s­pogrom­nacht hat­te das alles ein Ende. Die Geschäfte wur­den ver­wüstet, die Pressvor­la­gen für die Schallplat­ten zer­stört.

Ein­er der Musik­er hieß Pinkas Laven­der und er sang ein trau­riges jid­dis­ches Lied, das in der jüdis­chen Kul­tur weltweit berühmt ist und über einen Fam­i­lien­vater erzählt, der in die USA auswan­dert, um dort Geld zu ver­di­enen, während er seine Fam­i­lie in der Heimat zurück­lassen muss: „Leb­ka fährt nach Ameri­ka“. Mit viel Neugierde und ein­er Hand­voll Namen von Kün­stlern, die er her­aus­ge­fun­den hat­te, zog Lotz los, in die Archive, auf der Suche nach Schallplat­ten von Lukraphon und Semer. Weltweit. Aber: das war zu viel, er brauchte Unter­stützung und fand unter anderem einen His­torik­er und Plat­ten­samm­ler aus Israel, der ihm vielle­icht helfen kon­nte: Ejal Jakob Eisler. Er war sofort ange­tan, aber, so meint er, wenn er gewusst hätte, wieviel Arbeit da auf ihn wartet, wüsste er nicht, ob er noch ein­mal mit­gemacht hätte. Und was für Aben­teuer Ejal dabei erlebt hat­te: Er leis­tete auf den Golan­höhen seinen Mil­itär­di­enst ab, als er hörte, dass irgend­wo das Haus eines Schallplat­ten­samm­lers, der ver­stor­ben war, abgeris­sen wer­den sollte. Er bet­telte um Son­derurlaub, eilte hin, die Bull­doz­er standen schon parat, es gab keinen Strom, kein Wass­er mehr im Haus und er bat, noch ein­mal hineinzudür­fen. Er ging in aller Eile die Plat­ten durch – und fand wahre Schätze, unter anderem bis dahin unbekan­nte Semer- und Lukraphon-Plat­ten. Fast der ganze Kat­a­log der bei­den Fir­men wurde so in mühevoller Arbeit zusam­menge­tra­gen, restau­ri­ert und archiviert – und der Welt zugänglich gemacht. Dora Ger­son war eine der Sän­gerin­nen, „Die Welt ist klein gewor­den“ ist eins ihrer Lieder, ein großar­tiges, mod­ernes Lied, im Tech­nikfortschritt, in der frühen Glob­al­isierung, Lieder, die sie auch voller Dop­peldeutigkeit und Andeu­tun­gen vortrug.

Und dann fehlte noch eins: Die Musik, die nun wieder­ent­deckt war, musste nun in der Gegen­wart erneut zum Leben erweckt wer­den, und dafür grün­dete sich das „Semer Ensem­ble“. Musik­er wie Daniel Kahn, dem oben schon erwäh­n­ten Sänger, Sasha Lur­je, der Sän­gerin, und der Sänger Lorin Sklam­berg tat­en sich mit anderen Musik­ern, wie etwa dem Trompeter Paul Brody zusam­men und sie erzählen Geschicht­en, wie Men­schen auf sie zuka­men und mein­ten, dass sie diese Musik nie gemocht hat­ten, aber wie sie nun präsen­tiert würde, wäre so toll, so lebendig. Brody erzählt, wie er mit sein­er Trompete Farbe, Atmo­sphäre zu dieser Musik beiträgt, eine Musik die eigentlich vor allem vom Gesang lebt. Acht Musik­er sind sie, eigentlich bräucht­en sie 15 oder 20, aber das kann sich kein­er leis­ten.

Christoph Wein­erts Doku­men­tarfilm ist eine wun­der­volle Wieder­ent­deck­ung jüdis­chen Lebens und jüdis­ch­er Kul­tur in Berlin, die beina­he mit der Juden­ver­fol­gung und der Reich­s­pogrom­nacht zer­stört und für immer vergessen wor­den wäre, hät­ten nicht Men­schen wie Rain­er Lotz so voller Begeis­terung nachge­forscht, hät­ten nicht die Musik­er des Semer Ensem­bles dieser Musik wieder Leben einge­haucht. Es ist ein grandios­er, wichtiger Film, ein Film voller Anek­doten und Geschicht­en, eine trau­rig-schöne Feier jüdis­chen Kul­turlebens von vor fast hun­dert Jahren.

Ab 7. Novem­ber 2024 ist „I dance, but my heart is cry­ing” in aus­gewählten deutschen Kinos zu sehen, in Berlin etwa im Baby­lon am Rosa-Lux­em­burg-Platz und im Klick Kino in der Wind­schei­d­straße.

CREW (ÜBERSICHT)

BUCH UND REGIE CHRISTOPH WEINERT

KAMERAFÜHRUNG THOMAS FRISCHHUT, JÜRGEN HECK

KAMERA BORIS HEILAND, MICHAEL WEIHRAUCH, HANS OLIVER WOLF

KAMERA-ASSISTENZ YANNICK SCHMEIL, HOLGER WIMMER

BELEUCHTUNG MARTIN KÖNIG

SOUND (FILM) CHRISTIAN LUTZ

SOUND (BÜHNE) CASPAR KONTER

SOUND DESIGN MATTHIAS MÜNSTER

ILLUSTRATION FILIP ROOLFING

GRADING JAN MAYER

PRODUZENT KLAUS FLEMMING

KO-PRODUDUZENT YVES KUGELMANN und ANDRÉ BOLLAG

EINE PRODUKTION VON FLEMMING POSTPRODUKTION

IN KO-PRODUKTION MIT JMAG:productions Switzer­land

und dem ZDF in Zusam­me­nar­beit mit ARTE

FÖRDERUNG CLAIMS CONFERENCE, New York

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