FRITZ LITZMANN, MEIN VATER UND ICH ab 29. Mai 2025 im Kino

Aljoscha Pause erzählt die Geschichte seines Vaters Rain­er Pause. Das ist kurz und knapp das, worum es in diesem Doku­men­tarfilm geht, in 144 Minuten, für einen Doku­men­tarfilm, so mein erster Ein­druck, schon mal ganz schön lange. Ist es blam­a­bel für mich, dass ich zunächst wed­er wusste wer Rain­er Pause ist, noch wer der von ihm verkör­perte Fritz Litz­mann ist? Pause, der Kabaret­tist, Litz­mann, die von ihm geschaf­fene Fig­ur. Obwohl ich davon aus­ging, dass mir 144 Minuten Doku­men­tarfilm das schon noch en detail erk­lären wür­den, hab ich trotz­dem vorher schon mal bei Youtube reingeschaut. Okay, da sind ein paar Sachen, aber ein Social Media-Star, so viel ist klar, ist er schon­mal nicht. Also, kurz bei Wikipedia vor­beigeschaut, geboren ist Pause in Essen, 1947, seit 1966 erste Schaus­piel­er­fahrun­gen an der Uni in Bonn. Seit 1979 war er — Fun Fact! — Ensem­blemit­glied bei Hoff­manns Com­ic Teater, zu dem auch Peter Möbius, Rio Reis­er und Clau­dia Roth gehörten. Also nochmal zu Youtube: Mist, kein Video von Pause mit Reis­er und Roth. Im Jahr 1987 grün­dete er dann in Bonn das Pan­theon-The­ater. Er sei, sagt Wikipedia, der Neffe des Berg­steigers und Schrift­stellers Wal­ter Pause, span­nend, zumal ich ja großer Anhänger von Berg­steiger­büch­ern und ‑fil­men bin. Unter anderem von Wal­ter Pause: “Mit Gasolin durch Deutsch­land: Eine Reise­fi­bel für besinnliche Kraft­fahrer.” Lustig. Kan­nte ich aber auch nicht. 1958 veröf­fentlichte er “Ski Heil: Die 100 schön­sten Ski­ab­fahren in den Alpen” und danach noch einige andere Büch­er aus der “Die 100 xxx”, sehr mod­erne Idee aus den 1950ern. Aber jet­zt zu viel vom The­ma abgewichen!

Albern und poli­tisch sei die Fig­ur “Fritz Litz­mann”. Aufk­lärung stecke dahin­ter, das meinen Kol­le­gen von ihm. Helge Schnei­der äußert sich; Ger­hart Polt; Georg Schramm; Frank Goosen; Hagen Rether; Michael Mit­ter­meier; Bas­t­ian Pastewka; Car­olin Kebekus; Clau­dia Roth kommt in der Tat auch zu Wort. Pastewka sagt, dass er nie diesen Weg eingeschla­gen hätte, wenn es Pause nicht gegeben hätte. Kebekus sagt, dass das Pan­theon-The­ater der Olymp des Kabaretts gewe­sen wäre, von dem man geträumt hätte.

Eine Geschichte der total­en Iden­ti­fika­tion mit der Arbeit, müsste er nun erzählen, sagt Aljoscha Pause im Off-Kom­men­tar — “in diesem Punkt gibt es wohl eine Ähn­lichkeit zwis­chen Vater und Sohn.” Aber in einem Punkt, und damit legt Aljoscha Pause los, gibt es einen großen Unter­schied: In der Bedeu­tung von Fam­i­lie, etwas, was dem Vater abge­ht. “Es war für mich nicht erstrebenswert, eine Fam­i­lie zu haben”, sagt der Vater. Und dann erzählt der Vater von sein­er Kind­heit. Von der über­forderten Helikopter­mut­ter. Vom Vater, der aus dem Krieg gekom­men war. Vom Kinder­heim, in dem er zeitweise war, weil er zunehmen musste. Dort herrschte der Geist der Naz­izeit. Ein­sam fühlte er sich da. Er war ja auch erst fünf. Und als er zurück­kam zu den Eltern, war da plöt­zlich ein Brud­er. Ein Schock.

“Als Kind war mein Vater schüchtern und schweigsam”, sagt Aljoscha. “Er wuchs inmit­ten der Prüderie der 50er Jahre auf.” Sein Deutschlehrer wurde zu seinem wichtig­sten Ansprech­part­ner. Er ließ ihn The­ater spie­len. Ein regel­recht­es Erweck­ungser­leb­nis. Seine Mut­ter hinge­gen war zutief­st entset­zt. Dann 1968, Pause will die Wel­trev­o­lu­tion. Mit 17 Mit­gliedern wird eine Kom­mune gegrün­det. Es gibt jegliche Schat­tierun­gen link­er Strö­mungen, mit unzäh­li­gen Dif­feren­zen und Dif­feren­zierun­gen. Der Teil über diese Zeit ist wohl ein­er der span­nend­sten Abschnitte in dieser Doku.

Und dann geht es um Aljoschas Geburt. Und bald war Aljoscha vor allem Stör­fak­tor bei poli­tis­chen und kün­st­lerischen Aktio­nen. Und er stand inmit­ten ein­er On-Off-Beziehung sein­er Eltern. “Für ein Kind dazwis­chen ist das natür­lich Scheiße”, sagt der Vater. Nach der Tren­nung blieb er beim Vater. Und mit 3 war er regelmäßig abends alleine zu Hause. In den 70ern noch nicht so sehr außergewöhn­lich. Und so geht es weit­er, eine Jugend ohne richtig anwe­senden Vater, teils Frei­heit, teils Führungslosigkeit. Par­ties ohne Ende, irgend­wann auch der krim­inelle Weg: ran­dalieren und Begeg­nun­gen mit der Polizei. Aljoschas Abhan­denkom­men seines Selb­st­be­wusst­seins. Kaum Möglichkeit­en, jeman­dem mitzuteilen, dass es einem Scheiße geht. “Würde ich die Kraft find­en, meinen eige­nen Weg zu find­en?”, fragt Aljoscha sich.

“Mein erster Gedanke war: oh Gott, ein Film über mich, und dann auch noch mein Leben abseits der Bühne, wen inter­essiert das!?”, sagt Rain­er Pause zu den Über­legun­gen einen Film über sich machen zu lassen, von seinem Sohn. “Und auch: muss das jed­er wis­sen? Aber mein zweit­er Gedanke war: was für eine wun­der­bare Chance für meinen Sohn und mich, das zu tun, was mir mit meinem Vater lei­der ver­wehrt blieb, weil er viel zu früh gestor­ben ist: in Ruhe Fra­gen zu stellen! Und auch umgekehrt: sich den
Fra­gen zu stellen, denen man früher womöglich aus­gewichen ist, warum auch immer. Aus Scham, Verzwei­flung, Igno­ranz, Wut oder fehlen­dem Mut, was weiß ich — Rücksicht oder falsch ver­standen­er Liebe?”

Aljoscha Pause selb­st erzählt über seine Über­legun­gen zu diesem Pro­jekt: “Ich startete also in dieses Unter­fan­gen mit vie­len Fra­gen. Fra­gen, die in mir selb­st aufka­men und Fra­gen aus meinem persönlichen Umfeld, die ich nun auch zu Film­be­ginn stelle. Willst du das wirk­lich machen? Die Geschichte deines Vaters erzählen, eure Geschichte, und die dein­er ziem­lich verko­rk­sten Jugend? Legt das nicht Emo­tio­nen frei, die bess­er gut ver­packt bleiben? Auch mein Vater war zunächst mäßig begeis­tert. Denn natürlich geht es in dem Film nicht nur um den Kabaret­tis­ten und Regis­seur Rain­er Pause und um das Pan­theon in Bonn, das The­ater, das er 1987 gegründet hat. Es geht auch darum, wie es zu all­dem gekom­men ist. Darum, was nicht geklappt hat und welche Auswirkun­gen das auf meinen Start ins Leben hat­te. Wäre es also eine gute Idee, all meine Fra­gen im Rah­men eines Films zu stellen? In aller Öffentlichkeit? Und würde sich mein Vater wirk­lich darauf ein­lassen? Ich wollte das jeden­falls her­aus­find­en und dachte, dass so ein Arbeit­spro­jekt mit ihm zumin­d­est eine gute Basis wäre. Denn mit Arbeit ken­nt er sich aus. Im Prozess sel­ber, also während der umfan­gre­ichen Drehar­beit­en, der inten­siv­en Sich­tung und den lan­gen Ses­sions im Schnei­der­aum kam ich dann tatsächlich mit ganz alten und auch mit neuen Gefühlen in Kon­takt. Und meine eigene Reak­tion darauf reichte von der zwis­chen­zeitlichen – vielle­icht nicht ganz ernst gemein­ten ‑Erwägung, dem Film einen Dis­claimer in Jack­ass-Tra­di­tion voranzustellen (Don’t try this at home!), bis zum jet­zi­gen Blick auf die Gemen­ge­lage: So ein Pro­jekt ist nicht ohne, aber es lohnt sich. Auch ohne Kam­era.”

Aljoscha Pause gelingt ein grandios­er, unglaublich per­sön­lich­er Doku­men­tarfilm, über sich, seinen Vater, die ganzen Men­schen im Umfeld. Wir bekom­men Kabarettgeschichte erzählt, Zeit­geschichte, Gesellschafts­geschichte. Es ist Film der auch Selb­st­di­ag­nose, vielle­icht sog­ar Ther­a­pie ist. Nicht eine dieser 144 Minuten ist eine zu viel.

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