MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN von Constanze Klaue

Anton Franke
Mit der Faust in die Welt schla­gen | Punch­ing the World von Con­stanze Klaue
DEU 2025, Per­spec­tives
© Flare Film / Chro­mo­som Film

Debüt­filme genießen Welpen­schutz. Da treten Regisseur*innen bisweilen noch in die Klis­cheefalle, die eigene Film­sprache muss erst aus­gear­beit­et wer­den, Fehler, aus denen man lernt, müssen gemacht wer­den. Doch genau diesen Welpen­schutz hat “Mit der Faust in die Welt schla­gen ” von Con­stanze Klaue. Stil­sich­er erzählt sie ein Dra­ma in ost­deutsch­er Prov­inz.

“Was schwimmt auf der Neiße? — Scheiße!” schreien die Jungs auf den See hin­aus. Philipp und Tobias Zschor­nack sind Brüder, 12 und 9. Sie wach­sen in der säch­sis­chen Prov­inz, Bleschwitz, auf, gut fün­fzehn Jahre nach dem Mauer­fall, Anfang der 2000er Jahre, 2006 wird einge­blendet. Die Gegend ist eigentlich abge­hängt, die Indus­trie, in der der Opa noch arbeit­ete, ist längst still­gelegt. Der öffentliche Nahverkehr lässt zu wün­schen übrig. Und dann sind auch noch die Handw­erk­er aus dem nahegele­ge­nen Polen bil­liger. Die Zschor­nacks bauen ein Haus, alles scheint gut zu laufen, außer der Elek­trik, für die der Vater sel­ber sorgt, schließlich macht er ger­ade eine Umschu­lung zum Elek­trik­er. Den­noch ziehen sie schon ein­mal in das noch nicht fer­tige Haus ein. Damit begin­nt das Glück der Zschor­nacks Risse zu bekom­men. Der hagere Uwe, ein ehe­ma­liger Arbeit­skol­lege des Vaters, der aber wegen Alk ent­lassen wurde, hil­ft auf der Baustelle aus, den Kindern ist er nicht geheuer — und dann ist er plöt­zlich tot. Sein Schick­sal ist nicht sel­ten: Stasi-Ver­gan­gen­heit, Arbeit­slosigkeit, Alko­hol. Doch der Weg der Fam­i­lie führt weit­er bergab: Der Vater ver­liert seine Arbeit, intetessiert sich für die Nach­barin, die Mut­ter hält die Fam­i­lie über Wass­er. Die Oma passt manch­mal auf die Kinder auf, aber sie ist auch kein päd­a­gogis­ches Vor­bild. Für die Jungs gibt es neben der Enge ihres Zuhaus­es aber auch die Frei­heit in der säch­sis­chen Land­schaft, Wälder, Felder, Seen. Die Schule läuft nur so mit, die Lehrerin lässt zu wün­schen übrig. Ihren Neben­job, Zeitun­gen aus­tra­gen erfüllen sie naja, man­gel­haft. Man ahnt: Ihnen wird bald die Per­spek­tive fehlen, ein Plan für die Zukun­ft, pos­i­tive Ein­flüsse. Weit­ge­hend sind sie auf sich allein gestellt und so schre­it­et auch kein­er ein, als Philipp auf die älteren Jungs trifft und bei ihnen Anerken­nung und Zuge­hörigkeit find­et. Schein­bar die einzige Möglichkeit, etwas fürs Selb­st­be­wusst­sein zu tun. Der Ein­fluss der Jungs ist kein Guter: Zunächst recht­sex­treme Schmier­ereien, Zer­störungswut, dann Frem­den­hass und schließlich Gewalt. Als in der Nähe ein Flüchtling­sheim geplant wird, eskaliert die Sit­u­a­tion. “Und du, will­ste auch mal mitkom­men?” fragt ein­er der Großen auch den Kleinen, Tobias.

Con­stanze Klaue ist im Osten Berlins geboren — und sie ist auf inter­es­san­ten Umwe­gen zum Film ger­at­en. Sie studierte in ein­er kom­plett anderen Welt, näm­lich Osnabrück, Ger­man­is­tik und Jazz. Sie arbeit­ete als Autorin, als Jaz­zsän­gerin und schließlich als Regis­seurin für eine Köl­ner Wer­be­film­pro­duk­tion. 2014 ging sie an die Kun­sthochschule für Medi­en, 2017/18 war sie Stipen­di­atin der Akademie für Kin­der­me­di­en und erhielt den Boje-Baumhaus-Medi­en­preis für ihr Roman­pro­jekt „Aus­gerech­net Mops“. Ihr 30-minütiger Abschlussfilm Lychen 92 erhielt im Jahr 2020 den Max Ophüls Preis und den First Steps Award für den besten mit­tel­lan­gen Film. Mit der Faust in die Welt schla­gen ist ihr Kin­ode­büt, nach dem gle­ich­nami­gen Roman, dem Debütro­man von Lukas Riet­zschel, erschienen im Ull­stein Ver­lag. MDR Kul­tur meinte zum Roman: „Ich glaube, es ist der Roman über den Osten der 2000er-Jahre schlechthin.“

In einem Pod­cast des MDR erzählt Con­stanze Klaue, wie sie auf den Roman von Lukas Riet­zschel stieß und Ele­mente der Geschichte in sich selb­st wieder ent­deck­en kon­nte, Arbeit­slosigkeit, Trinkerkar­ri­eren im Umfeld etc. Als sie ihn dann in Gör­litz traf, ver­standen sie sich gut und sie beschloss, die Roman­ver­fil­mung zu ihrem Debüt­film zu machen — und dass sie damit auch frei umge­hen wird und sog­ar eigene Teile ihrer Biografie oder etwa tragikomis­che Szenen mit ein­fließen lässt. Auch die konkreten Geschichts­bezüge zum Anfang der Nuller­jahre ver­mei­det sie. Auf die Frage, wie sie der Recht­sex­tremen­klis­cheefalle ent­ge­hen kon­nte, sagte sie: “Es ist eine Fam­i­liengeschichte. Ein Fokus im Film ist die Fam­i­lie. Und die Brüder sind inner­halb dieser Fam­i­lie. (…) Mein Fokus ist eben nicht die Clique, die Recht­sradikalen, die durch die Straße ziehen, natür­lich wird das alles drin vorkom­men, aber mein großer Fokus ist die Fam­i­lie und was passiert, wenn eine Fam­i­lie zer­bricht. Ich wollte eine Ori­en­tierungslosigkeit erzählen, die alle bet­rifft. (…) Ich habe über­haupt kein Inter­esse daran, die Bilder zu repro­duzieren, die wir alle schon ken­nen.” Ihr — und Lukas — kam es auf das Dazwis­chen an, nicht auf die Extreme, es ging ihr um männliche Jugendliche, die sich ver­loren haben. “Film ist das, was man nicht sieht”, sagt sie. “Ich liebe das Unaus­ge­sproch­ene”, und meint damit sowohl das Medi­um Film als auch die Lit­er­atur.

Und genau das ist es, was aus diesem Film ein großar­tiges Erstlingswerk macht: Con­stanze Klaue set­zt den Schnitt genau da, wo das Klis­chee dro­ht. Sie hat das Gespür dafür, das Bil­lige, Abge­drosch­enen zu unter­lassen. Aus dem Roman zieht sie dazu die aus­ge­feil­ten, authen­tis­chen Fig­uren, die eben nicht sim­pel böse sind. Sie lässt Lück­en, der Zuschauer muss sich die Geschichte selb­st erar­beit­en. Nie wankt der Film auf dra­matur­gisch über­höhte Wende- und Scheit­elpunk­te zu, vorher nimmt er die Kurve oder lässt die Lücke. Das ist für einen Erstlings­film unglaublich reif und mutig — und es ist gelun­gen. Wer mehr darüber ler­nen will, wie die Men­schen in der ost­deutschen Prov­inz sozial­isiert wur­den, kannn aus diesem Film einiges an Erken­nt­nis­sen gewin­nen. Und dann gibt es da noch ein weit­eres wichtiges Ele­ment: die Beset­zung. Die bei­den Jungs sind grandios glaub­würdig, spie­len toll.

Der Film hat­te seine Welt­premiere auf der Berli­nale 2025 in der Rei­he “Per­spec­tives”, Kinos­tart ist der 3. April 2025.

Zum Roman von Lukas Riet­zschel: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mit_der_Faust_in_die_Welt_schlagen_(Roman)

Filmografie (Auswahl)

2018 Alfreds Kur­garten(Alfred’s Hotel); Co-Regie: Philipp Fusseneg­ger

2020 Lychen 92; Kurz­film

2025 Mit der Faust in die Welt schla­gen (Punch­ing the World)

von Con­stanze Klaue (Regie, Buch)
mit Anton Franke, Camille Moltzen, Anja Schnei­der, Chris­t­ian Näthe, Johannes Schei­d­weil­er
110’
Deutsch­land 2025
Farbe
Deutsch
Unter­ti­tel: Englisch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert